Laurenz Spies hat ein digitales Thermometer mitgebracht und legt es vor sich auf den Tisch. Im Laufe der einstündigen Pressekonferenz steigt die Temperatur in dem kleinen Saal im Frankfurter Presseclub auf 29,3 Grad – trotz zweier mobiler Klimageräte, die vor sich hin brummen. Die Luft wird stickig, die Konzentration lässt nach. Wie in der Schule, meint der Landesschulsprecher. In aufgeheizten Klassenzimmern litten viele Schüler unter Kopfschmerzen, Müdigkeit und Erschöpfung.Ein besserer Hitzeschutz gehört zu den zentralen Forderungen, mit denen der Landesschülerrat, die Lehrergewerkschaft GEW und die Landeselternvertretung ins neue Schuljahr gehen, das am Montag beginnt. Den Erlass der Hessischen Landesregierung zum Hitzeschutz an Schulen findet Spies viel zu vage. Er wünscht sich klare Vorgaben, verbindliche Standards und ein Sanierungsprogramm für hitzebeständigere Schulgebäude.Die meisten Schulen stammten noch aus einer Zeit, in der Hitzewellen seltener waren, und müssten aufgerüstet sowie an die neuen Bedingungen angepasst werden. Auch Klimaanlagen dürften kein Tabu sein, sagt Spies, insbesondere im Dachgeschoss und in Prüfungsräumen. Außerdem plädiert er für Trinkwasserspender und eine Verlegung der Bundesjugendspiele in den kühleren Herbst. Sie finden bislang an vielen Schulen kurz vor den Sommerferien statt.GEW bietet eine neue App zur Zeiterfassung für Lehrer anDer Hitzeschutz ist nicht das einzige Thema, das die Interessenvertreter bewegt. Thilo Hartmann, Vorsitzender der GEW Hessen, beklagt eine unzureichende Versorgung mit Lehrkräften. Durch verschiedene Kürzungen im Landeshaushalt gehen nach seinen Berechnungen rund 1000 Lehrerstellen verloren, beispielsweise an den Integrierten Gesamtschulen, im Zusammenhang mit geänderten Zuweisungen beim Sozialindex und in Intensivklassen. Gleichzeitig steige die Schülerzahl leicht auf 870.000 Schüler an öffentlichen und privaten Schulen in Hessen.Wie viele Lehrerstellen genau fehlen, ist allerdings ungewiss. Hartmann beklagt, dass das Kultusministerium mit anderen Zahlen operiere als das Statistische Landesamt. Daher wichen die Zahlen, die die Gewerkschaft und die Landesregierung nennen, immer wieder stark voneinander ab. Hartmann rechnet jedenfalls mit einem Rückgang bei gleichzeitig steigenden Schülerzahlen. Durch die Einsparungen gingen Lehrer verloren, doch die Arbeit nehme nicht ab. „Die Arbeitsbelastung an den Schulen wird steigen“, sagt er. Viele Lehrer arbeiteten schon heute an der Belastungsgrenze und mehr, als sie eigentlich müssten. Um dies zu messen, hat die GEW eine App entwickeln lassen, mit der Lehrer ihre Arbeitszeit messen können.Eltern wollen „Digitale Welt“ als reguläres SchulfachDas ist nicht die einzige Besonderheit zum neuen Schuljahr. Erstmals greift auch der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in Grundschulen, der zunächst nur für Erstklässler gilt und schrittweise ausgebaut wird. Die kommunalen Schulträger seien unterschiedlich gut darauf vorbereitet, sagt Hartmann und spricht von einem „sehr heterogenen Bild“ in Hessen. Weil die Aufgabe die Kommunen finanziell belaste und das Land nur unzureichend dabei unterstütze, erhöhten einzelne Schulträger die Elternentgelte. Mitunter würden auch Betreuungsplätze umverteilt, um den Rechtsanspruch zu erfüllen. Ältere Grundschulkinder drohten bei der Verteilung der Betreuungsplätze leer auszugehen.Zum neuen Schuljahr wird der Pilotversuch für das Fach „Digitale Welt“ beendet. Das Kultusministerium hat entschieden, das Schulfach stattdessen als Arbeitsgemeinschaft am Nachmittag anzubieten. Das stößt beim Landeselternbeirat auf Kritik. Dessen stellvertretender Vorsitzender Thomas Obeth sieht in der Überführung des Fachs ins freiwillige Nachmittagsangebot ein „falsches Signal“. „Digitale Kompetenzen sind keine freiwillige Zusatzqualifikation, sondern eine Grundvoraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe, berufliche Orientierung und demokratische Urteilsfähigkeit“, sagt er. Der Landeselternbeirat will daher, dass „Digitale Welt“ verbindlich im Unterricht verankert wird.Hartmann wirft Kultusminister Armin Schwarz (CDU) „Sprunghaftigkeit“ vor und fordert eine „Schulpolitik aus einem Guss“. Er wünscht sich einen intensiveren Austausch zwischen dem Minister und den Lehrergewerkschaften. Dessen Vorgänger habe die Verbände stärker beteiligt, meint Hartmann. Schwarz nehme sich nur wenig Zeit und höre kaum zu. In den seltenen Treffen mit den Verbänden sei der Redeanteil des Ministers „sehr hoch“. Schwarz sei zudem weniger in den Schulen präsent als sein Vorgänger, kritisiert der Lehrervertreter.Spies und Obeth teilen diese Beobachtung nur eingeschränkt. Der Austausch mit den für sie zuständigen Referaten im Kultusministerium sei gut. Spies hält den Kontakt zum Minister dennoch für ausbaufähig. In einigen Bundesländern gebe es monatlich einen „Jour Fixe“ zwischen Schülervertretern und dem jeweiligen Kultusminister.Schwarz will am Freitag die Pläne für das nächste Schuljahr vorstellen. Der Lehrerverband VBE fordert ihn zu einer „Kurskorrektur“ auf. „Schlimmer geht immer – das haben leider die vergangenen Monate gezeigt, in denen das Kultusministerium Sparpolitik statt Bildungspolitik betrieben hat“, kritisiert der Vorsitzende Stefan Wesselmann.
Neues Schuljahr in Hessen: Große Sorge vor Hitze in Klassenzimmern
In der nächsten Woche geht in Hessen die Schule wieder los, womöglich in der nächsten Hitzephase. Schüler- und Lehrer- und Elternvertreter fordern Maßnahmen für kühlere Klassenzimmer – und nicht nur das.










