Als Flávio Bolsonaro am Sonntagabend in der Sendung „Canal Livre“ nach seinem Regierungsprogramm gefragt wird, spricht er zunächst nicht über Wirtschaft oder Sicherheit. Er spricht über seinen Vater. Seine Präsidentschaftskandidatur, sagt der Sohn des inhaftierten früheren Präsidenten Jair Bolsonaro, sei auch Ausdruck von „Empörung und Protest“.Monatelang hatte Flávio Bolsonaro versucht, sich als staatsmännische Version seines Vaters darzustellen, ruhiger im Ton und näher an der politischen Mitte. Doch in den Umfragen der vergangenen Wochen ist er hinter seinen Konkurrenten, Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, zurückgefallen.Wichtige Parteien des „Centrão“, des mächtigen Mitte-rechts-Blocks, lehnen eine Allianz mit Flávio Bolsonaro ab, was dessen Suche nach einem zugkräftigen Kandidaten für die Vizepräsidentschaft erschwerte. Sie wollen sich bei den Gouverneurs- und Parlamentswahlen, die parallel zu den Präsidentenwahlen in zwei Monaten stattfinden, alle Optionen offenhalten.Nur der Sohn garantiert die AmnestieDoch Jair Bolsonaro, der dank seiner treuen Wählerbasis weiterhin den Ton im rechten Lager angibt, bestimmte seinen umstrittenen Sohn zum politischen Erben. Außerhalb der eigenen Familie vertraut er nur wenigen. Bei seinem Sohn kann er sich am ehesten darauf verlassen, dass eine Begnadigung oder Amnestie nach der Wahl Vorrang hätte. Auf viele wirkt das zunehmend egoistisch.Dabei ist die politische Ausgangslage für die brasilianische Rechte eigentlich günstig. Rechte Kandidaten haben zwölf der vergangenen fünfzehn Präsidentenwahlen in Lateinamerika gewonnen. Donald Trumps Allianz in der westlichen Hemisphäre wächst. Die Brasilianer wählen mehrheitlich konservativ, wie die Zusammensetzung des Parlaments und die Ergebnisse regionaler und kommunaler Wahlen zeigen. Doch während Flávio Bolsonaro im Ausland prominente Verbündete findet, fehlen ihm zu Hause die Bündnispartner.Das zeigte sich bei seinem Wahlkampfauftakt vor zwei Wochen in São Paulo: Die stärkste Rede hielt der argentinische Präsident Javier Milei. Er war als Gast geladen und überzog Lula und den Obersten Richter Brasiliens, Alexandre de Moraes, mit einer verbalen Attacke.Konflikt mit Stiefmutter MichelleAbgeschrieben ist Flávio Bolsonaro trotzdem nicht. Er führt das rechte Lager deutlich an. Seine Umfragewerte sind gesunken, doch der Rückstand zu Lula bleibt überschaubar.Flávio Bolsonaro profitiert von der weit verbreiteten Ablehnung der Arbeiterpartei PT. Auch die Sorge über Gewalt und organisierte Kriminalität, die auch in anderen Ländern der Region ein zentrales Wahlkampfthema ist, spielt ihm in die Hände. In der Sendung „Canal Livre“ kündigte er eine halbe Million zusätzliche Gefängnisplätze sowie hohe Strafen für Überfälle und Handydiebstähle an.Flávio Bolsonaros Zustimmungsverlust hat auch interne Ursachen. Eine davon ist die Affäre um Daniel Vorcaro, den früheren Eigentümer der Banco Master. Eine veröffentlichte Aufnahme zeigt, wie Flávio Bolsonaro den Banker um Geld für „Dark Horse“ bittet, einen Film über Jair Bolsonaro. Flávio Bolsonaro erklärte, es sei dabei lediglich um die Finanzierung des Films gegangen. Weitere Enthüllungen stellten seine bisherigen Darstellungen jedoch infrage.Ebenso schwer wiegt der Konflikt mit Michelle Bolsonaro, der dritten Ehefrau seines Vaters Jair Bolsonaro. Die frühere First Lady besitzt großen Rückhalt bei Evangelikalen und konservativen Frauen. In einem Video warf sie ihrem Stiefsohn vor, sie schlecht behandelt und die Interessen der Familie verletzt zu haben. Das dürfte Flávio Bolsonaro in wichtigen Wählergruppen Unterstützung gekostet haben.Trumps Einmischung nutzt vor allem LulaZusätzlich zu diesen hausgemachten Problemen erweist nun auch der amerikanische Präsident Flávio Bolsonaro einen Bärendienst. Denn Donald Trumps Einmischung in Brasiliens Politik hat bisher vorwiegend Lula genützt. Schon im vergangenen Jahr setzte die US-Regierung Brasiliens Wirtschaft und Justiz unter Druck, um den Gerichtsprozess gegen Jair Bolsonaro aufzuhalten. Präsidnet Lula konnte sich daraufhin als Verteidiger der nationalen Souveränität darstellen.Präsident Luiz Inácio Lula da Silva bei seiner Nominierung zum Kandidaten in São Paulo am SamstagReutersIm vergangenen Monat verhängte die Trump-Regierung neue Zölle auf brasilianische Produkte. Flávio Bolsonaro war zuvor nach Washington gereist und hatte nach eigener Darstellung darum gebeten, brasilianische Unternehmen nicht zusätzlich zu belasten. Später warnte er sogar, die Zölle könnten Lula stärken. Washington setzte sie trotzdem in Kraft.In der Sendung „Canal Livre“ versuchte Flávio Bolsonaro nun, die Verantwortung für die Zölle Lula zuzuschieben. Dieser habe darauf hingearbeitet, dass Brasilien mit Zöllen belegt werde – weil er Washington mit seiner Nähe zu China, seiner Kritik am Dollar und einem antiamerikanischen Kurs provoziere. Die Zölle seien daher keine Strafe für Brasilien, sondern eine Reaktion auf den Präsidenten.Laut Umfragen sehen viele Brasilianer die Schuld eher bei den Bolsonaros. Besonders problematisch ist hierbei auch die Rolle von Flávio Bolsonaros Bruder Eduardo. Dieser hält sich seit Längerem in den Vereinigten Staaten auf und wirbt im Trump-Lager um mehr Druck auf die brasilianische Regierung. Als Washington den Druck erhöhte und die Strafzölle unter anderem mit dem Prozess gegen Jair Bolsonaro begründete, zeigte sich Eduardo Bolsonaro triumphierend. In Brasilien verfestigte sich der Eindruck, die Familie habe Sanktionen gegen das eigene Land unterstützt, um den Vater zu retten.Für Lula bietet das eine Steilvorlage: Er kann den Bolsonaros vorwerfen, einen ausländischen Präsidenten gegen Brasilien aufzuhetzen, und die Zölle als Angriff auf Brasiliens Arbeitsplätze und Unternehmen darstellen. Während Trump fast überall in Lateinamerika die Rechte stärkt, könnte seine Einmischung in Brasilien dazu beitragen, Lula im Amt zu halten.Die alten Zweifel am WahlsystemInzwischen richtet sich der Konflikt zwischen den Lagern auch auf den Wahlprozess. Die Lula-Regierung verweigerte zwei Vertretern des amerikanischen Außenministeriums im Juli die Einreise. Nach brasilianischer Darstellung wollten sie sich mit dem Wahlsystem und der Arbeit der Wahlbehörden befassen. Brasília fürchtet, die Trump-Regierung könnte Zweifel am Wahlergebnis vorbereiten. Washington weist das zurück.Die brasilianische Regierung reagierte auch deshalb so scharf, weil die Zweifel an den elektronischen Wahlurnen zu den Ursachen der Unruhen nach der Wahl von 2022 gehörten. Jair Bolsonaro hatte das Wahlsystem bereits vor der Abstimmung angegriffen. Nach seiner Niederlage verlangte seine Partei, einen Teil der Stimmen überprüfen zu lassen – obwohl es keinerlei Belege für Wahlbetrug gab. Ein Teil seiner Anhänger erkannte Lulas Sieg nicht an. Am 8. Januar 2023 stürmte ein radikaler Mob das Regierungsviertel in Brasília.Nun greift Flávio Bolsonaro das Thema wieder auf. Vor ausländischen Diplomaten stellte er die Zuverlässigkeit der elektronischen Urnen infrage. In der Sendung „Canal Livre“ sagte er später zwar, er werde das Ergebnis akzeptieren. Da das Wahlgericht nun anders zusammengesetzt sei als vor vier Jahren, werde es diesmal unparteiisch handeln. Dennoch übernimmt er die zentrale Erzählung seines Vaters: die von der verfolgten Familie, der politisierten Justiz und einem manipulierbaren Wahlsystem.Die Distanz zum Vater hat nicht geholfenDa ihm mehr Distanz zu einem Vater nicht geholfen hat, versucht Flávio Bolsonaro es nun offenbar mit weniger. Jair Bolsonaro sei ungerecht behandelt worden und werde politisch verfolgt, lautet seine Botschaft. Es gehe ihm darum, den „größten Anführer der Rechten in Amerika“ zu befreien und seine Bewegung zurück an die Macht zu bringen. Die Kandidatur des 45 Jahre alten Politikers ist damit auch ein Familienprojekt.Doch auch der 80 Jahre alte Lula löst nach drei Präsidentschaften kaum noch Begeisterung aus. Die Wirtschaft ist stabil, doch das Staatsdefizit und die Schuldenlast setzen den Staat zunehmend unter Druck. Lula muss sich zudem die schlechte Sicherheitslage und die Korruptionsskandale früherer PT-Regierungen vorhalten lassen.Flávio Bolsonaro reagiert auf seine Verluste nicht mit größerer Eigenständigkeit, sondern mit einer noch engeren Bindung an seinen Vater und die Familie. Lula wiederum muss nicht erklären, warum Brasilien ihn ein weiteres Mal wählen sollte, solange er darlegen kann, warum es keinen Bolsonaro wählen darf. So läuft diese Wahl am Ende vor allem auf die Frage hinaus, wen die Brasilianer weniger wollen.