Flávio Bolsonaro soll seinen Vater beerben – doch dafür fehlt ihm dessen politisches TalentJair Bolsonaro hat seinen Sohn ins Rennen um die Präsidentschaft geschickt. Doch der bleibt blass. Er verliert Rückhalt bei Parteien, Unternehmern, Evangelikalen – und selbst in der eigenen Familie.29.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDer Senator Flávio Bolsonaro sollte als ein moderaterer Nachfolger seines Vaters die Mitte-Wähler Brasiliens überzeugen.Buda Mendes / GettyFlávio Bolsonaro tupft sich die Augen mit einem Taschentuch ab. Er will Emotionen rüberbringen, schliesslich spricht er von seinem Vater Jair Bolsonaro, der als Opfer der bösen Sozialisten inhaftiert ist (unter anderem wegen eines Putschversuchs). Doch das Ganze wirkt wie schlecht inszeniert. Der Beifall bleibt lau.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Konvent von Bolsonaros Partido Liberal am Samstag in São Paulo sollte der feierlichen Krönung von Flávio Bolsonaro zum Kandidaten des vereinten rechten Lagers dienen. Der 45-Jährige wollte ein starkes Signal in Richtung des linken Amtsinhabers Luiz Inácio Lula da Silva senden. Den will er im Oktober bei den Präsidentschaftswahlen schlagen.Das triumphale Gefühl – es stellte sich einfach nicht ein. Die Halle blieb halb leer. Kaum einer der führenden Rechtspolitiker oder der einflussreichen Pastoren der Evangelikalen war gekommen.Milei weiss, wie man Wahlshows zum Kochen bringtNur einmal kochte die Menge: als der argentinische Staatspräsident Javier Milei das Wort ergriff. Er sprach länger als Bolsonaro und nutzte die Bühne, um Präsident Lula und einen der obersten Richter Brasiliens grob zu beschimpfen. Der libertäre Argentinier weiss, wie man Parteitage in grosse Shows verwandelt.Flávio Bolsonaro weiss das nicht. Für ihn ist die fehlende Unterstützung kein gutes Omen. Grosse Teile der brasilianischen Rechten würden lieber auf Tarcisio Freitas setzen, den konservativen Gouverneur von São Paulo. Doch Jair Bolsonaro hatte andere Pläne. Er bestimmte bereits am 5. Dezember 2025 Flávio zum Kandidaten für die Präsidentschaftswahl. Dabei sprach er sich weder mit seiner eigenen Partei noch mit den anderen rechten Kräften ab.Das ist riskant. Denn Flávio Bolsonaro ist nicht gerade ein Zugpferd der Rechten. Er verdankt seine politische Karriere einzig und allein dem Fakt, der Sohn von Jair Messias Bolsonaro zu sein. Er war ein unscheinbarer Abgeordneter im Regionalparlament von Rio de Janeiro. Sein Versuch, am Zuckerhut Bürgermeister zu werden, scheiterte kläglich.Erst als sein Vater 2019 überraschend zum Präsidenten gewählt wurde, gelang Flávio Bolsonaro mit dem allgemeinen Rechtsruck die Wahl zum Senator mit den meisten Stimmen landesweit. Inzwischen kopiert er im Wahlkampf die Rhetorik und Gestik seines Vaters. Seinen Anzug und die Krawatte hat er ausgezogen, er trägt das gelbe T-Shirt der Nationalelf, wie sein Vater es ihm vorgemacht hat.Doch Flávio hat weder die Militärs hinter sich wie einst sein Vater, noch kann er auf die Stimmen der Evangelikalen zählen. Der Sohn geriet in die Schlagzeilen, als er ein teures Anwesen in Brasilia kaufte, das er sich seiner Steuererklärung nach gar nicht leisten konnte.Nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft soll er zudem während seiner gesamten politischen Karriere von seinen Mitarbeitern Teile ihrer Gehälter zurückverlangt haben. Es geht um ein paar Millionen Reais. Und er ist auch in den Korruptionsskandal um die Banco Master verwickelt. Deren Chef Daniel Vorcaro hat vor allem rechte Parteien und Politiker, aber auch Spitzenbeamte im Finanzministerium und in der Zentralbank mit Millionen bestochen, um seine Bank zu retten.Dass Bolsonaro senior dennoch seinen Sohn auserwählte, hat vor allem einen Grund: Der Ex-Präsident, der von 2019 bis 2023 regierte, ist chronisch misstrauisch. Er hofft auf eine Amnestie, sollte Flávio Präsident werden – und fürchtet, dass die anderen möglichen Kandidaten ihn nach einer Wahl seinem Schicksal überlassen würden.Bolsonaro senior ist auch in Haft der Führer der RechtenIm Partido Liberal (PL) wagte lange niemand, Jair Bolsonaro zu widersprechen: Er ist weiterhin der starke Mann seiner Bewegung – und das, obwohl er wegen seiner angeschlagenen Gesundheit und der Verurteilung zu 27 Jahren Haft derzeit kaum politisch handlungsfähig ist. Doch nun hat selbst der offizielle PL-Chef Valdemar Costa Neto eingeräumt, dass Flávio Bolsonaro nicht ausreichend auf eine Präsidentschaftskandidatur vorbereitet sei.Auf Abstand gehen auch die grossen rechten Parteien União Brasil und Partido Progressista: Sie haben kurz vor dem PL-Parteitag verkündet, dass sie im Wahlkampf neutral bleiben und nicht Bolsonaro junior unterstützen wollen. Dieser hat es bisher nicht einmal geschafft, einen zugkräftigen Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten zu finden – und es bleibt dafür nicht mehr viel Zeit.Der Optimismus ist verflogen. Noch im April war Flávio Bolsonaro in den Umfragen vor Lula gelegen. Nun scheint die Strategie, den Sohn als moderatere Version seines Vaters zu präsentieren, doch nicht aufzugehen.Seinem Vater verzeiht man grobe Schnitzer, dem Sohn nicht«Ein Bolsonaro, der mit Messer und Gabel isst», spotteten kritische Medien über Flávio. Denn der älteste Sohn, vom Vater «01» genannt, wirkt im Auftreten gesitteter und bürgerlicher als sein rüpelhafter Vater. Doch ihm fehlen dessen Charisma und Authentizität. Und er macht laufend Fehler.So halten die meisten Brasilianer Flávio und seinen Bruder Eduardo, der in den USA lebt, dafür verantwortlich, dass Washington die Importzölle auf brasilianische Produkte gerade auf insgesamt 37,5 Prozent erhöht hat. Damit gehört Brasilien inzwischen zu den am höchsten belasteten Handelspartnern der USA – hinter China und Kanada.Trumps Sanktionen stärken LulaDer Bruder Eduardo hatte Trump bereits im vergangenen Jahr dazu bewegt, Druck auf die brasilianische Justiz auszuüben, um das Verfahren gegen seinen Vater zu beeinflussen. Doch der Schuss ging nach hinten los. Lulas Popularität stieg letztes Jahr nach der amerikanischen Einmischung. Der Amtsinhaber führt auch in der neuesten Stichwahlumfrage von Datafolha mit 48 Prozent vor Bolsonaro junior, der nur auf 43 Prozent kommt.Selbst bei den Wirtschaftsführern, die genug vom linken Interventionismus haben und die von einer marktfreundlichen Politik profitieren würden, verliert Bolsonaro an Unterstützung. Investoren auf den Finanzmärkten, in der Industrie und in der Landwirtschaft fürchten, dass Flávio als Präsident eine Marionette der amerikanischen Regierung wäre und dass Washington mit Eingriffen in die brasilianische Politik dem Land massiv schaden könnte.Ausserdem kommt unter Brasiliens Evangelikalen und den Wählerinnen im rechten Lager schlecht an, wie Flávio Bolsonaro mit seiner Stiefmutter Michelle Bolsonaro umgeht. Die 44-jährige dritte Ehefrau des Ex-Präsidenten wurde mehrfach von den Bolsonaro-Söhnen öffentlich kritisiert: Sie stelle ihre eigenen Interessen über die ihrer Familie und sie habe keine Ahnung von Politik. Zwar hat sich Flávio inzwischen entschuldigt, doch der Schaden bleibt.Die ehemalige First Lady Michelle Bolsonaro ist beliebt bei den Evangelikalen und der weiblichen Wählerschaft.Buda Mendes / GettyMichelle Bolsonaro verfügt als evangelikale Predigerin über grossen Rückhalt bei den Pfingstkirchen und in der weiblichen Wählerschaft. Sie wird selbst immer wieder als mögliche Präsidentschaftskandidatin gehandelt.Michelle wäre kaum zu schlagen als VizepräsidentinFür die brasilianischen Meinungsforscher ist klar, dass ein Duo mit Gouverneur Freitas und Michelle Bolsonaro als Vizepräsidentschaftskandidatin unschlagbar wäre. Die beiden könnten auch die politische Mitte gewinnen, die derzeit eher zu Lula tendiert: als kleineres Übel im Vergleich zu Flávio.Doch inzwischen sind Freitas und Michelle Bolsonaro aus dem Rennen. Sie hat nach den Attacken ihres Stiefsohns aus Protest den Vorsitz des Frauenflügels der Bolsonaro-Partei abgegeben, den sie im Alleingang aufgebaut hatte. Sie will als Senatorin kandidieren und dürfte problemlos gewählt werden. Gouverneur Freitas konzentriert sich auf die Wahlen 2030 – und spekuliert damit auch auf eine Niederlage Flávio Bolsonaros. Zusätzlich würde in vier Jahren der starke Wahlkämpfer Lula als Konkurrent wegfallen: Nach zwei Amtsperioden hintereinander darf er nicht mehr antreten.Flávio will nicht mehr die Softversion seines Vaters seinWeil er in Bedrängnis geraten ist, versucht Flávio Bolsonaro nun sein Image als Softversion seines Vaters zu korrigieren. So kritisierte er vor ausländischen Botschaftern das elektronische Wahlsystem Brasiliens. Seine angeblichen Beweise für die Mängel sind zwar schon mehrfach widerlegt worden. Doch der Bolsonaro-Sohn wollte damit wohl zeigen, dass er aus gleichem Schrot und Korn wie sein Vater ist.Der hatte zwei Monate vor den Wahlen 2022 ebenfalls vor Diplomaten über das Wahlsystem gewettert. Dafür wurden ihm später – noch vor der Verurteilung wegen des Putschversuchs – seine politischen Rechte aberkannt. Dass sein Sohn es nun mit der gleichen Masche versucht, zeigt vor allem Flávios Verzweiflung.Der älteste Sohn des Ex-Präsidenten gilt als blasse Kopie seines Vaters.Marina Uezima / ImagoPassend zum Artikel
Flávio Bolsonaro verliert Unterstützung – ist sein Aufstieg schon vorbei?
Jair Bolsonaro hat seinen Sohn ins Rennen um die Präsidentschaft geschickt. Doch der bleibt blass. Er verliert Rückhalt bei Parteien, Unternehmern, Evangelikalen – und selbst in der eigenen Familie.










