Sex, Drugs und Tennissport – was für ein Leben. Der schnelle Aufstieg zum Weltstar und Teenieschwarm, danach der jähe Absturz, Insolvenz inklusive. Zweimal um ein Haar im Meer ertrunken, einmal einen üblen Autounfall weitgehend unverletzt überstanden, einmal fast an einem toxischen Cocktail aus Drogen, Pillen und Alkohol gestorben, einmal hörte sogar das vom Drogenkonsum geschwächte Herz auf zu schlagen.Fünfmal zurück ins Leben gefunden und heute als alter weiser Mann geläutert und glücklich, zumindest soweit es seine stark angegriffene Gesundheit erlaubt. Das ist ein biographischer Stoff, der den Atem raubt und eine packende Lebenserzählung verspricht.Björn Borg, der viele Jahre schnell gelebt hat, aber Gott sei Dank nicht früh gestorben ist, hat unfassbare Höhen und Tiefen hinter sich. Als sein siebzigster Geburtstag am 6. Juni dieses Jahres näher rückte, setzte sich der erste Tennisweltstar mit seiner Frau zusammen, um dieses pralle Leben niederzuschreiben. Was damals aus Sicht der Borgs wie ein perfektes Match wirkte, gibt Lesern der in der deutschen Übersetzung „Herzschlag“ betitelten Lebensgeschichte heute Rätsel auf: Hat Patricia Borg der ganze Stoff überfordert? Oder hat Björn Borg so wenig zu erzählen gehabt?Irgendwann auch auf dem Platz verletzlichBorg ging in die neunte Klasse, als er zum ersten Mal ins schwedische Davis-Cup-Team berufen wurde – und sofort ein Match gewann. Mit 17 gewann er den ersten Profititel, am Ende seiner siebeneinhalbjährigen Glanzzeit hatte er 66 Titel gesammelt. Elfmal triumphierte er bei Grand-Slam-Turnieren: sechsmal bei den French Open und fünfmal nacheinander in Wimbledon (1976 bis 1980). 109 Wochen führte Borg die Weltrangliste an. Kurz nachdem er 1981 binnen weniger Wochen die Endspiele in Wimbledon und bei den US Open gegen John McEnroe verloren hatte, zog er sich aus dem Profitennis zurück.Er war lustlos, ausgelaugt, hatte Beklemmungen durch das öffentliche Interesse und litt unter Panikattacken. Seine Popularität war dem introvertierten Schweden zuwider. „Rückblickend denke ich, mein Hauptproblem damals war die ständige Bedrängung von allen Seiten. Der einzige Ort, an dem ich mich unantastbar fühlte, war der Tennisplatz.“ Dass Talent aber nicht alles und er auch auf dem Platz verletzlich ist, musste Borg nach mehreren gescheiterten Comebackversuchen von 1984 bis zu seinem endgültigen Karriereende 1993 erleben.Beklemmungen und Panikattacken bekommt Björn Borg, wenn er von Menschen bedrängt wird. Auch deshalb beendet er früh seine Karriere.picture-alliance / dpaIn seiner besten Zeit war Björn Borg ein Großmeister und Vorbild darin, seine Gefühle für sich zu behalten. Anders als sein früherer Rivale und heutiger Freund John McEnroe, der das Publikum immer schon gerne unterhielt und heute noch in jedem Gespräch auf Pointenjagd geht.„Ice Borg“ dagegen verzog früher keine Miene, obwohl es oft in ihm brodelte, wie schon als Zwölfjähriger, als er während Matches schummelte und mit dem Schläger um sich warf. Borgs gelernte Coolness hat Konkurrenten Rätsel aufgegeben und weibliche Fans verzückt wie seine blonde Mähne. Für eine Biographie taugt derart kühle Distanz nicht.Herausgekommen ist daher ein Buch, dessen Herangehensweise einem vorkommt wie in einem Tennismatch: von Punkt zu Punkt, von Satz zu Satz denken. Bei großen Matches, von denen der Schwede in den Siebziger- und Achtzigerjahren einige spielte, entstand über die einzelnen Punktgewinne hinaus eine mitreißende Dramaturgie. „Herzschlag“ dagegen hat einen Rhythmus, der ungefähr so aufregend ist wie Borgs Ruhepuls zur besten Karrierezeit. Also 32 bis 34 Schläge pro Minute.Der Tennisstar als SchmugglerEinige Beispiele für dramatische Geschehnisse, die so lapidar wie pointenfrei geschildert werden:Dass er von zwei bewaffneten Männern in Sankt Petersburg in seinem Hotelzimmer überfallen wurde und sie ihm die Plastiktüte mit dem Preisgeld (in bar) raubten, hakt Borg auf ein paar Zeilen ab und schließt die Passage mit: „Zum Glück war es das einzige Mal, dass ich ausgeraubt wurde. Das größte Problem war in der Regel der Zoll.“ Der letzte Satz mag sich wie eine ironische Wendung lesen, leitet aber eine sachliche Aufzählung von Borgs Zoll-Problemen ein.Weil er sein Preisgeld oft in bar ausgezahlt bekam, reiste er mit Taschen voller Banknoten durch die Welt – viel mehr, als der Zoll erlaubt. Der Tennisstar als Schmuggler – was für eine Geschichte! Borg schreibt dazu lakonisch, ihm seien bei Grenzübertritten gelegentlich Taschen abgenommen worden. Das Geld habe er nie wieder gesehen. Wovon er auch nichts hatte: von den Siegprämien, um die ihn ein italienischer Turnierveranstalter prellte, oder von den gefälschten Banknoten, die ihm ein südamerikanischer Turnierveranstalter unterjubelte.1991 startet Björn Borg (links) einen von mehreren Comebackversuchen und trainiert mit Boris Becker.picture alliance / ASSOCIATED PRESSÄhnlich unaufgeregt berichtet Borg von einem Einbruch in sein Haus auf Long Island. Danach waren halt die Pokale weg. Die Moral von der Geschicht’: Kann passieren.Auch in seiner Trauer gibt sich Borg eher wortkarg. Die Beisetzung seines früh verstorbenen Freundes und Profikollegen Vitas Gerulaitis beschreibt er recht kurz und wendet sich umstandslos wieder dem Dasein zu: „Vitas verlor ich, aber ich fand in diesen Jahren zwei neue Freunde.“ Der Tod seines legendären Entdeckers und Trainers Lennart Bergelin („Labbe“) sowie der seiner Mutter stehen in einem Kapitel mit der knappen Überschrift „Weitere Verluste“.Björn Borg, Patricia Borg: Herzschlag. Die Geschichte meines Lebens. Verlag Edel Sport 2026, 256 Seiten, 24,99 Euro.Foto Verlag Edel Sports1981 erhält Borg vor dem US-Open-Halbfinale eine Morddrohung. „Auf den Platz zu gehen, fühlte sich entsprechend an“, lässt er seine Frau schreiben. Was „entsprechend“ wohl bedeuten mag, fragt sich da der gewöhnliche Leser, der bisher von Morddrohungen gottlob verschont wurde.Selbst wenn es in seinem Leben heiß herging, bleibt die Darstellung des „Ice Borg“ distanziert. Zeitweise umgab sich der Schwede in Los Angeles mit „Playboy-Bunnies“ auf dem Anwesen „meines alten Freundes Hugh Hefner“. Da hätte man als Leser gerne gewusst, wie diese Männerfreundschaft entstanden ist und wie weit sie ging. Was man erfährt: dass das Anwesen des Männermagazingründers ein Ort „voller Versuchungen aller Art“ war. So was in der Art hatten wir uns fast gedacht.Das Wichtigste, das auch das Bekannteste ist, wird in der Biographie geboten: wie das Garagentor, an dem Borg als Knirps seine Schläge einübte. Enttäuschend für Sportinteressierte jedoch ist, dass Borg kaum etwas zu den damaligen Umbrüchen im Profitennis einfällt.Dass die Ära der Holzschläger endete, dass die US Open zu Hardcourt wechselten und sich die Profitour allmählich besser organisierte und mehr Geld ausschüttete, findet bestenfalls am Rande Erwähnung. Auch von Borgs großen Matches vor allem gegen McEnroe, Gerulaitis und Jimmy Connors wird nur wenig geschildert. Der French-Open-Sieg 1979 wird in einem Halbsatz abgehakt, das legendäre Wimbledon-Finale 1980 gegen McEnroe bildet die Ausnahme und wird ausführlicher behandelt.Den Grund für so viel Zurückhaltung deutet Borg gelegentlich an. In Sätzen wie: „Seltsamerweise habe ich so gut wie keine Erinnerung an das Match.“ Oder: „Wenn ich auf die erfolgreichste Zeit meiner Sportkarriere zurückblicke, von 1978 bis 1980, verschwimmen die Jahre.“ Dass Borgs Karriere mit einigem Rechercheaufwand auch intensiv und spannend erzählt werden kann, bewies der Regisseur Janus Metz Pedersen mit seinem 2017 erschienenen Biopic „Borg/McEnroe“. Leider hatte der Schwede keinen so herausragenden Ko-Autor wie Andre Agassi mit J. R. Moehringer für seine Autobiographie „Open“.Björn Borgs Tenniskarriere nimmt knapp zwei Drittel von „Herzschlag“ ein. Von Seite 165 an ist dann Schluss mit Sport, es beginnt die Zeit mit dem „weißen Pulver“: „Als ich zum ersten Mal Kokain ausprobierte, verspürte ich einen ähnlichen Rausch wie vorher beim Tennis.“ Die letzten 40 Seiten widmen sich weitgehend dem Lob seiner Frau. Was den Leser womöglich mehr rühren würde, wenn er nicht wüsste, dass Patricia Borg diese mitunter kitschigen Liebeserklärungen selbst verfasst hat.Am Ende, wenn es um seinen aggressiven Prostatakrebs geht, kommt der dezente Borg doch noch aus sich heraus. „Wie oft stand es schon schlimm mit mir, und ich war Jahre selbst mein ärgster Feind. Jetzt habe ich einen neuen Gegner, den Krebs. Aber ich werde ihn besiegen. Ich gebe nicht auf und kämpfe jeden Tag, als wäre es das Finale von Wimbledon.“ Alles Gute, Champion.