Herr Hatchett, gerade bekommen die ersten Freiwilligen den neuen Impfstoff gegen das Ebolavirus vom Bundibugyo-Stamm. Es ist nicht einmal 60 Tage her, dass die WHO diesen Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo und Uganda zur gesundheitlichen Notlage von internationaler Tragweite erklärt hat. Sie selbst haben vor einigen Jahren das Ziel ausgegeben, dass es bei Epidemien innerhalb von 100 Tagen möglich sein muss, einen neuen Impfstoff zuzulassen. Sind Sie froh, dass es bei Bundibugyo vorangeht?Wir sind sehr zufrieden damit, dass es schnell vorangeht mit den Impfstoffen und dass das Oxford-Vakzin ChAdOx1 BDBV in großem Maßstab vom Serum-Institut in Indien produziert wird. Auch der Moderna-Impfstoff, den wir ebenfalls unterstützen, dürfte bereits im August in die Phase I gehen, also auf Sicherheit und Immunantwort getestet werden. Ja, ich bin froh, dass es so schnell vorangegangen ist.Aber mit den 100 Tagen bis zur Zulassung wird es nichts, oder?Wir machen schnelle Fortschritte, aber noch ist das nicht möglich. Wir hoffen, dass es erste Feldversuche im Herbst geben wird, die die Wirksamkeit dieser Impfstoffe testen, vielleicht ab Ende September oder Anfang Oktober.Für wen wird dieser Impfstoff dann sein, nur für Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten?Diese Entscheidungen wurden noch nicht getroffen. Die zuständigen Behörden, die die Ebola-Bekämpfung leiten, durchdenken derzeit verschiedene Szenarien und die passendsten Strategien für den Einsatz eines Impfstoffs. Das könnte zum Beispiel beinhalten, dass man Kontaktpersonen von bekannten Fällen impft, um Pufferzonen aufzubauen, oder gezielt ganze Gemeinschaften in bestimmten Regionen impft.Was weiß man mittlerweile über die Gefährlichkeit des Virus, von dem es zunächst hieß, es sei nicht so gefährlich wie der Zaire-Stamm, der in der Vergangenheit für große Ebola-Ausbrüche gesorgt hat?Die Fallsterblichkeit liegt bei etwa 40 Prozent, was sehr hoch, aber nicht ganz so hoch ist wie beim Zaire-Stamm. Die Nutzen-Risiko-Abwägung dürfte für Personen, die den Impfstoff erhalten könnten, aller Wahrscheinlichkeit nach sehr deutlich zugunsten einer Impfung ausfallen. Dennoch müssen wir die Impfstoffe vor der Zulassung gut prüfen, um sicherzugehen, dass sie effektiv und sicher sind.Richard Hatchett ist CEO der Coalition for Epidemic Preparedness Innovations, die sich für die schnelle Impfstoffentwicklung einsetzt. Hatchett war zuvor unter George W. Bush sowie Barack Obama Director for Medical Preparedness Policy.CEPIWie ist die Situation in der Region in Kongo und Uganda gerade?Wir haben mittlerweile 3748 bestätigte Infektionen und 1657 Todesfälle. Die Zahlen steigen jeden Tag, zuletzt wurden an einem Tag mehr als 50 neue Tote gemeldet. Dieser Ausbruch breitet sich momentan sehr schnell aus. Vergleichen wir es mit der Ebola-Zaire-Epidemie, die 2018 bis 2020 in derselben Region stattfand, dann sieht man den Unterschied: Damals verlief die Epidemie weit weniger schnell – und es konnte mit dem bereits zugelassenen Lebendimpfstoff Ervebo geimpft werden. Es war damals trotzdem schwierig, der Situation Herr zu werden, wegen der Sicherheitslage und weil die Kontaktverfolgung nicht einfach war. Natürlich kann man nicht den ganzen Unterschied zwischen den beiden Ausbruchsgeschehen auf den Impfstoff zurückführen. Aber der Impfstoff hat uns damals geholfen.Eine Schwierigkeit jetzt ist, dass das Virus die Großstadt Kisangani erreicht hat. Dort leben 1,6 Millionen Menschen.Ja, das verschärft die Situation – denn Kisangani ist anders als die abgeschiedenen Regionen im Osten des Landes verkehrstechnisch eng vernetzt. Ich halte das Risiko für eine geographische Ausdehnung daher für sehr hoch. Wir haben es hier mit einer Epidemie zu tun, die sich schneller ausbreitet als jede bisherige Ebolaepidemie. Es gibt viele Übertragungsketten, die wir nicht erkennen, und viele Menschen sterben zu Hause, ohne dass sie registriert werden. Die Gesamtsituation ist wirklich sehr, sehr besorgniserregend.Werden mehr Menschen sterben als bei den vorhergehenden Ausbrüchen?Dieser Ausbruch ist noch lange nicht unter Kontrolle. Die Epidemie von 2018 bis 2020 dauerte 22 Monate, insgesamt gab es etwa 3480 Fälle. Jetzt haben wir bereits mehr als 3200 Fälle, und die Fallzahlen steigen noch, es ist kein Ende in Sicht.Kann man den Ausbruch ohne Impfung überhaupt in den Griff bekommen?Die Maßnahmen müssten deutlich verstärkt werden, es bräuchte ein starkes Engagement von den betroffenen Gemeinschaften und eine Änderung der sozialen Verhaltensweisen. Zum Beispiel müssten die Toten sicher bestattet werden. Aber ich denke, wir werden wirksame und sichere Impfstoffe sowie Medikamente brauchen, um damit die Kurve dieser Epidemie in eine Richtung zu lenken, die sie letztlich beenden würde.Warum konnte der Impfstoff Ervebo, der gegen den Zaire-Stamm wirkt, nicht schnell auf Bundibugyo angepasst werden?Das wird gerade versucht. Ervebo wurde auf der VSV-Plattform entwickelt. Das bedeutet, dass das Vesikulare Stromatitis-Virus (VSV) letztlich der Vektor ist, der das spezifische Oberflächenglykoprotein des Ebola-Zaire-Stamms ausprägt. Dagegen richtet sich dann die Immunantwort bei einer Impfung. Wenn wir es hinbekommen, dass der VSV-Vektor das Bundibugyo-Oberflächenprotein präsentiert, wäre das ein Fortschritt: Ervebo muss nur einmal geimpft werden, um eine effektive, sterile Immunantwort auszulösen.Geimpfte Menschen können sich dann gar nicht mehr infizieren.Potentiell, ja, aber wir wissen noch nicht, wie gut die angepassten VSV-Impfstoffe gegen den Bundibugyo-Stamm wirken. Ervebo bietet Schutz gegen den Zaire-Stamm, und das bereits zehn Tage nach der Impfung. Zudem hält der Schutz sehr lange an. Das heißt, ein solcher Impfstoff ist perfekt, um einen Ausbruch unter Kontrolle zu bekommen. Man kann um Infizierte herum Ringimpfungen durchführen, um zu verhindern, dass weitere Menschen erkranken und das Virus weitergeben. Gerade bei Ebola wäre das ideal, denn das Virus hat eine relativ lange Inkubationszeit.Wenn dieser VSV-Impfstoff so perfekt wäre für die Viruskontrolle, warum wird dann in andere Systeme investiert – zum Beispiel in Chadox.VSV-Impfstoffe können schwierig zu entwickeln sein, das haben Erfahrungen in der Vergangenheit gezeigt. Selbst wenn es gelingt, dauern Entwicklung, Produktion und das Hochfahren der Mengen länger als beispielsweise bei Chadox- oder mRNA-Impfstoffen. Derzeit arbeitet CEPI mit zwei unabhängigen Herstellern zusammen, um VSV-Impfstoffe zu entwickeln – zusätzlich zu der Arbeit, die unsere Partner bei der BARDA, der für die Impfstoffentwicklung zuständigen US-Behörde, bereits leisten. Chadox beruht auf einem Adenovirus, und Moderna unterstützen wir bei der Entwicklung eines mRNA-Impfstoffs. Diese letzten beiden Impfstoffe könnten sehr schnell fertig werden und, wenn sie funktionieren, auch sehr schnell in Masse zur Verfügung gestellt werden. Insgesamt sind also fünf Impfstoffe gegen das Bundibugyo-Virus in der Entwicklung, drei davon beruhen auf VSV. Wir können es uns nicht leisten, nur auf ein Pferd zu setzen.Was kostet das?Um einen Impfstoff zu entwickeln, mit dem man den Ausbruch bekämpfen kann, sind schätzungsweise 525 Millionen US-Dollar notwendig. Unsere unmittelbare Priorität ist es, rund 135 bis 180 Millionen US-Dollar aufzubringen, um den Fortschritt in den nächsten sechs Monaten aufrechtzuerhalten. Die Europäische Kommission und die USA unterstützen uns glücklicherweise dabei. Deutschland ist übrigens, seit es CEPI gibt, unser größter Investor. Wir sind Ministerin Bär und unseren Partnern beim BMFTR daher sehr dankbar für ihr Engagement für unsere Arbeit und damit auch für die globale Gesundheit und Stabilität. Für unser CEPI-3.0-Programm hat Deutschland 100 Millionen US-Dollar zur Verfügung gestellt – sie dienen einer Fünfjahresfinanzierung, aber mit Unterstützung des BMFTR könnten wir bei Bedarf auch einen Teil davon für die Entwicklung des Ebola-Impfstoffs nutzen.Sie reagieren bei CEPI nun auf den aktuellen Ebola-Ausbruch, aber wäre es nicht langsam an der Zeit, mehr für einen Universalimpfstoff zu tun? Also ein Vakzin zu entwickeln, das gegen große Virenfamilien wie die Filoviren, zu denen die verschiedenen Ebolastämme und das Marburgvirus gehören, wirkt?Ein solcher Pan-Impfstoff gegen Filoviren wäre sehr hilfreich. Filoviren sind weit verbreitet in Afrika, manche kommen auch in Asien, etwa auf den Philippinen, vor. Sie lösen hämorrhagische Fieber aus. In manchen Regionen überlappen sich die Vorkommen, dort gibt es dann nicht nur einen Ebolastamm, sondern drei – und zusätzlich vielleicht auch noch das Marburgvirus. Ein Impfstoff, der gegen mehrere Erreger wirkt, wäre vor allem für Mitarbeiter des Gesundheitswesens ein Segen. Man könnte sie impfen, bevor ein Ausbruch entsteht und sie in eine riskante Region gehen. Die Europäische Behörde für die Krisenvorsorge und -reaktion bei gesundheitlichen Notlagen HERA und CEPI haben 2025 ein Programm gestartet, um einen vor verschiedenen Filoviren schützenden Impfstoff zu entwickeln. Aber da sind wir noch ganz am Anfang.Im jetzigen Ausbruch wird das also nichts bringen. Wie lange, glauben Sie, wird die Ebolaepidemie noch andauern?Angesichts der geographischen Ausdehnung dieses Ausbruchs, der schwierigen Arbeitsbedingungen in den betroffenen Gebieten, der Zahl der Fälle, die wir beobachten, sowie unserer früheren Erfahrungen in Westafrika und mit den großen Ausbrüchen von 2018 bis 2020 glaube ich, dass sich dieser Ausbruch wahrscheinlich bis weit ins nächste Jahr hineinziehen wird – im besten Fall. Ich glaube nicht, dass es einen Fall gibt, in dem dieser Ausbruch von selbst abklingen wird. Je nachdem, wie lange der Ausbruch dauert, könnten sogar die ersten breit wirksamen Impfstoffe schon in klinische Tests gehen. Wenn es aber zunächst schon einen sicheren und wirksamen Wirkstoff gegen den Bundibugyo-Stamm gäbe, dann würde ein solcher Pan-Impfstoff natürlich nicht in diesem Ausbruch getestet, sondern das wirksame Vakzin würde verimpft.Also ist die Strategie, in aktuellen Ausbrüchen schnelle Anpassungen zu erreichen, doch besser, als auf Impfstoffe gegen Virenfamilien zu setzen?Nein, der Bundibugyo-Ausbruch beweist ja das Gegenteil: CEPI, HERA, BARDA und viele andere haben bisher Vakzine gegen den Zaire- und den Sudan-Stamm entwickelt und auch eines gegen das Marburgvirus. Diese Erreger waren die Ursache für 47 der 50 Filovirus-Ausbrüche, es war Konsens, dass sie die größte Gefahr bergen. Es war also eine vernünftige Entscheidung. Aber jetzt sehen wir einen großen Ausbruch mit dem Bundibugyo-Stamm, also mit einem Virus, das wir seit 2012 nicht mehr gesehen hatten. Viren werden uns immer wieder überraschen.Von welchen anderen Virenfamilien gehen Gefahren aus?Also weit oben auf der Liste stehen Corona-, Arena-, Orthomyxoviren. Um als globale Gemeinschaft auf sie vorbereitet zu sein, müssen wir sie wissenschaftlich erforschen und Schnellreaktionsplattformen wie die Oxford- und die mRNA-Plattformen und andere entwickeln. Wir brauchen Hersteller wie das Serum-Institut in Indien, die bereitstehen, um schnell große Mengen von Vakzinen herzustellen. Wir arbeiten gemeinsam mit den Aufsichtsbehörden daran, eine „Impfstoffbibliothek“ aufzubauen. Die Idee dahinter ist, über eine Vielzahl von Produkten, aber auch eine Vielzahl von Impfstoffkonzepten, eine Vielzahl von Plattformen und eine Vielzahl von Herstellern zu verfügen, die alle in der Lage sind, sehr schnell in den Reaktionsmodus zu wechseln, wenn etwas passiert.