Laut Welt-Alzheimer-Report erkrankt alle drei Sekunden weltweit ein Mensch an Demenz. Auch wenn es bereits Erfolg versprechende Antikörper-Therapien und neue diagnostische Verfahren gibt: Noch besser zu verstehen, warum mit zunehmendem Alter gehäuft neurodegenerative Erkrankungen wie die Alzheimer-Krankheit entstehen und wie sie zum Verlust geistiger Fähigkeiten führen, bleibt eine der größten medizinischen Herausforderungen. Darin sind sich Forscher und Mediziner einig.Im neuen Zentrum für kognitive Störungen soll deshalb Expertise gebündelt, interdisziplinär zusammengearbeitet und geforscht werden: Dafür haben sich die Neurologische Klinik und Poliklinik, das Institut für Schlaganfall- und Demenzforschung sowie die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des LMU-Klinikums zusammengetan. Das gemeinsame Ziel: Betroffene intensiver und individueller behandeln.Allein die Zahlen, die Robert Perneczky, Leiter des Alzheimer-Therapie- und -Forschungszentrums der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in München bei der Auftaktveranstaltung des neuen Zentrums nennt, machen deutlich, wie wichtig ein solcher Zusammenschluss ist: Bis zum Jahr 2050 werde sich die Zahl der an Demenz erkrankten Menschen voraussichtlich nahezu „verdreifachen“. 2019 seien es an die 50 Millionen gewesen, 2050 gingen Studien von 152 Millionen demenzkranken Menschen aus. Demenzerkrankungen stiegen besonders in ärmeren Ländern an.Wenn es eine hoffnungsfrohe Nachricht gibt, dann diese: In einigen Ländern ist die altersbezogene Häufigkeit in einzelnen Altersgruppen rückläufig. „Das hat mit körperlicher und geistiger Aktivität zu tun, mit guter Ernährung und sozialen Kontakten. Viele schauen da mittlerweile verstärkt darauf“, sagt Perneczky. Daran sehe man, wie viel man auch selbst in der Hand habe.Eine Erkenntnis kann Johannes Levin bereits aus ersten Studien mit den neuen Therapien ziehen: „Je früher wir Anzeichen für kognitive Einschränkungen erkennen, je früher wir behandeln können, umso effektvoller sind die Therapien.“ Und umso besser lasse sich das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen und die Selbstständigkeit erhalten.Früherkennung, das ist ein Zauberwort für die Behandlung von kognitiven Beeinträchtigungen. Am LMU-Klinikum gibt es einen neuen, speziell für Gehirnuntersuchungen entwickelten PET-Scanner. PET steht für Positronen-Emissions-Tomografie. Amyloid-PET-Untersuchungen waren zwar bereits zuvor möglich, aber mit dem neuen Gerät wird das Gehirn gescannt, ohne dass der Patient komplett in eine Röhre muss. „Das ist ein großer Vorteil für den Patienten. Denn er muss nicht liegen, und die Untersuchung ist insgesamt angenehmer“, erklärt Sonja Schönecker, Leiterin der Ambulanz für Alzheimer-Anti-Amyloid-Therapien.Abbildungen von zwei Gehirnen, die mit einem PET-Scanner erstellt worden sind: links ein gesundes Gehirn, rechts deuten die blauen Bereiche auf einen verminderten Stoffwechsel hin. Der Patient ist an Alzheimer erkrankt. Lutz Kracht/MPI/dpaEin wenig sieht es so aus, als säße der Patient unter einer großen Trockenhaube. Wie beim Friseur. Oder im Zahnarztstuhl. Mit dem Scanner können Amyloid-Protein-Ablagerungen im Gehirn nachgewiesen werden. Robert Perneczky erklärt, was diese Ablagerungen sind: „Man muss sich das so vorstellen: Man gibt Zitrone in Milch. Es gibt klumpige Ablagerungen. So in etwa passiert das auch im Gehirn.“ Diese Ablagerungen schädigten die Nervenzellen.Schönecker sieht einen großen Gewinn in dem Scanner, der von der Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin betrieben wird. Dennoch ersetze diese Untersuchung nicht andere diagnostische Verfahren. In einer weiteren Untersuchung zur Früherkennung setze man nach wie vor auf die „Liquordiagnostik“. Nervenwasser wird dem Patienten entnommen. „Denn mit dieser Methode können neben alzheimertypischen Veränderungen auch andere Ursachen kognitiver Beschwerden, etwa entzündliche Prozesse, nachgewiesen werden“, sagt die Neurologin.Der neue PET-Scanner sei ein Gewinn, ersetze aber nicht weitere diagnostische Verfahren, sagt Sonja Schönecker, Leiterin der Ambulanz für Alzheimer-Anti-Amyloid-Therapien. LMU-KlinikumDamit ein Patient eine Antikörper-Therapie etwa mit den Medikamenten Lecanemab oder Donanemab bekommt, die jene Amyloid-Ablagerungen in einem längeren Prozess abbaut und viele Hoffnungen weckt, müssen laut Schönecker die Diagnosekriterien einer Alzheimer-Erkrankung im frühen Stadium, also einer leichten kognitiven Störung oder leichten Demenz, gegeben sein.Eine Patientin, die ihren Namen nicht nennen möchte, hat beide Diagnoseverfahren durchgemacht. Sie erzählt bei der Gründungsveranstaltung, wie es begonnen hat. Über jene Vergesslichkeit, die „zunächst nur sie bemerkt hat und niemand sonst“, über jenes Entsetzen, das sie dabei empfunden habe. Über Wortfindungsstörungen. Sie geht eines Tages zum Arzt, wird gut behandelt. Die Nervenwasseruntersuchung und der PET-Scan offenbaren ihre Erkrankung. Nun bekommt sie im August die dritte Infusion mit Antikörpern, die die Ablagerungen im Gehirn langsam abbauen sollen. Noch spüre sie keine Verbesserungen. „Es braucht nun mal Zeit“, sagt sie. 16 weitere Infusionen stehen ihr noch bevor.„Die Diagnose haut einen um“Die Ärzte hoffen, dass immer mehr krankheitsmodifizierende Therapien möglich werden könnten. „Es wird noch einige Zeit und weitere Forschung brauchen, bis es vielleicht möglich ist, den Krankheitsverlauf noch stärker zu verzögern“, sagt Johannes Levin. Schon jetzt verlangsame die Antikörper-Therapie aber das Fortschreiten der Alzheimer-Erkrankung relevant.Das neu gegründete Zentrum wird auch intensiv mit der Alzheimer-Gesellschaft München zusammenarbeiten. Denn es gehe nicht nur um die medizinische Betreuung, sondern auch um die menschliche, erklärt Semra Altinişik. Die Gerontologin und stellvertretende Vorsitzende weiß, wie wichtig eine weitere Anlaufstelle ist. Die Zahlen der Menschen, die zur Alzheimer-Gesellschaft gekommen sind, seien gestiegen. 2021 waren es noch 371 Demenzerkrankte, 2025 schon 898. Auch Angehörige benötigen Hilfe, wie sie mit der Diagnose ihrer Liebsten umgehen sollen. 2021 kamen 1225, im Jahr 2025 schon 1591.„Die Diagnose haut einen um“, sagt ein Angehöriger und macht damit in einem Satz klar, was die Aufgabe des Zentrums sein muss: Hilfe auf allen Ebenen.
Alzheimerforschung in München: Neuer Gehirnscanner zur Früherkennung
Das LMU-Klinikum gründet ein interdisziplinäres Zentrum. Bei der Behandlung helfen ein neuer PET-Scanner und Antikörper-Therapien.







