Plötzlich ist der Name weg oder die Telefonnummer. Einfach vergessen. Die Geldbörse ist verlegt, der Einkaufszettel, der Schlüssel. Altersvergesslichkeit kann viele Ursachen haben, aber auch auf eine beginnende Demenz, sprich den Abbau von Nervenzellen im Gehirn hindeuten. Viele Menschen nehmen diese Gedächtnisveränderungen zwar wahr, aber holen sich oft zu spät Hilfe. Aus Angst, aus Scham.14 Apotheken in München und im Landkreis testen im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) daher gerade eine neue, niedrigschwellige Herangehensweise zur Früherkennung von Gedächtnisproblemen und Demenzrisiken. Sie machen in den Apotheken Gedächtnis-Checks: mithilfe eines Tablets, gezielten Fragen und viel Zeit für den Studienteilnehmer.„Früherkennung ist sehr, sehr wichtig“, sagt Cosima Dermann. Die Psychologin an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie sowie dem Alzheimer Therapie- und Forschungszentrum (ATF) kennt viele Studien. Sie zeigen, dass Lebensstilfaktoren wie körperliche Aktivität, kognitives Training und die Behandlung vaskulärer Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Diabetes einen wichtigen Beitrag zur Gehirngesundheit leisten können. Auch gebe es mittlerweile Medikamente, die für bestimmte Formen der Alzheimer-Erkrankung und ausgewählte Patientengruppen „das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen“ könnten.Die 34-Jährige leitet zusammen mit Robert Perneczky, Professor der Psychiatrie am LMU Klinikum München, das Projekt „Demenzfreundliche Apotheken als Ressource für die psychische Gesundheit im Alter“ (Dare). Es soll den Menschen vor allem ermöglichen, im geschützten Hinterraum einer Apotheke herauszufinden, wie es um ihre Gedächtnisleistung bestellt ist. „Demenz macht den Menschen Angst, konfrontiert sie auf einer tiefen, emotionalen Ebene“, sagt Dermann. Demenz bedeute für viele einfach Kontrollverlust. Zwar machten sich viele Menschen schon Gedanken, wenn sie erste Gedächtnisveränderungen bemerkten, aber die Sorge, was eine Diagnose bedeuten könnte, hindere sie oft daran, etwas zu unternehmen. „Früherkennung muss nicht gleich mit einem Test beginnen, aber mit einem Gespräch“, betont die Projektleiterin.Gemeinsam für eine Demenz-Früherkennung: Apothekeninhaberin Lena Kullmer (v. l.), Susanne Betzinger und Projektkeiterin Cosima Dermann vom LMU Klinikum wollen, dass Gedächtnis-Checks in Apotheken in Zukunft möglich sind. Stephan RumpfDie Menschen in Gesundheitsfragen begleiten, mit ihnen reden. Apotheken sollen Orte der Kommunikation und der Vertrauensbildung sein. Genau darauf baut das Projekt Dare. Denn wie kann man Ängste abbauen, wenn es um Demenz geht? Wie den Menschen Mut machen, die Leistung des Gedächtnisses einmal auf den Prüfstand zu stellen? „Dafür benötigen wir die Nähe zu den Menschen“, betont die Psychologin.„Wir kennen unsere Kunden meistens schon sehr lang“, bestätigt Lena Kullmer. Die 44-Jährige ist Inhaberin der Ost-Apotheke an der Josephsburgstraße. Man höre sich viele Geschichten von Kunden an und man merke, wenn sich die Menschen veränderten, wenn sie besondere Medikamente brauchten oder plötzlich nicht mehr wüssten, was sie eigentlich in der Apotheke besorgen wollten. Zuzuhören und zu spüren, wann man dem Kunden vielleicht Fragen stellen sollte – das Personal der Ost-Apotheke ist geschult. Die Apotheke hat das Siegel einer „demenzfreundlichen Apotheke“. „Wir machen bei der Studie mit, weil wir dazu beitragen wollen, dass Menschen möglichst lange selbständig bleiben und frühzeitig Unterstützung erhalten“, sagt Kullmer.In Bayern wird die Zahl der Demenzerkrankungen laut der jüngsten Berichte der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) zufolge in den nächsten Jahren „erheblich“ steigen. Aktuell geht die AOK von 200 000 Menschen mit Demenz aus. Bis 2060 könnten es 340 000 sein. Die Prognose der AOK für München: Ein Anteil von 1,7 Prozent der Bevölkerung könnte bis zum Jahr 2060 an Demenz erkrankt sein.14 Apotheken in München machen bei der Studie des LMU Klinikums mit: Für das Modellprojekt Dare wurden Tablets installiert, mit denen Menschen von 60 Jahren an freiwillig einen Gedächtnistest machen können. Steffen Hartmann/LMU Klinikum MünchenSusanne Betzinger, 59, betreut die Menschen, die in der Ost-Apotheke einen Gedächtnischeck machen. Manche haben den Aufsteller in der Apotheke über den kostenlosen Check gelesen und sind interessiert. „Andere Kunden, die ich lange kenne und die in die Altersgruppe der 60-Jährigen passen, spreche ich ganz gezielt auf den Gedächtnis-Check an“, sagt sie. Wer mitmachen will, kann einen Termin in der Apotheke ausmachen. Dann klärt Betzinger die Kundin oder den Kunden über die Studie auf.Beim Symbol-Ziffer-Test sollen die richtigen Symbole zugeordnet werden: In diesem Fall soll die Ziffer sechs der unteren Reihe zugeordnet werden. Also der Kreis. Stephan RumpfKreis, Dreieck, Linie. Auf dem Tablet ist eine Reihe mit Symbolen zu sehen. In 60 Sekunden sollen Teilnehmer von 60 Jahren an möglichst viele Symbole den entsprechenden Zahlen zuordnen. In einem anderen Test werden etwa nacheinander Bilder gezeigt: Apfel, Brille, Schmetterling. Wie bei einem Memory-Spiel sollen dann exakt die gleichen Motive aus neuen und alten Bildern wiedererkannt werden. Neben diesem Symbol-Ziffer-Test oder dem visuellen Gedächtnistest gibt es bei dem Gedächtnis-Check noch drei weitere Tests. Für die visuell-räumliche Wahrnehmung, die Suchgeschwindigkeit und das visuell-räumliche Gedächtnis. Auch werden in vier Fragebögen etwa die Risikofaktoren wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depression, psychische Risikofaktoren und die Lebensqualität abgefragt.Die Tests am Tablet macht der Teilnehmer allein. Niemand schaut zu, alles ist freiwillig. Eine gute halbe Stunde dauert der Check. Betzinger ist in der Zeit immer ansprechbar. Oft hätten die Teilnehmenden Fragen zur Fragestellung. Und manchmal beruhige man sie einfach nur. „Ich sage immer: Hier geht nicht darum, etwas richtig oder falsch zu machen. Machen Sie alles in aller Ruhe.“ Auch könne man den Test jederzeit abbrechen, falls sich jemand überfordert fühle oder in Stress gerate.Die Apotheken diagnostizieren keine Demenz. Aber sie helfen den Menschen, den ersten Schritt in Richtung einer weiteren Abklärung zu gehen, betont Cosima Dermann. „Sie haben eine Lotsenfunktion für die Menschen“. Nach dem Test bekommt die Apotheke ein paar Tage später den Befundbericht. Die Bewertung „überdurchschnittlich“ heißt: Der Teilnehmende muss sich gar keine Sorgen machen. Durchschnittlich entspricht einer guten Wertung und entspricht der Altersgruppe. Unterdurchschnittlich – bei dieser Auswertung besteht Redebedarf. Es wird noch einmal zu einem Gespräch in die Apotheke eingeladen, gemeinsam überlegt, was die nächsten Schritte sein können. Ein Arztbesuch, ein Termin bei der Deutschen Alzheimer Gesellschaft in München oder in der Gedächtnissprechstunde des ATF.Die Teilnehmenden, die sich dazu bereit erklärt haben, werden ein Jahr nach dem Test am Telefon interviewt – mit der Option zur Nachuntersuchung am LMU Klinikum. Hier werden dann großflächige Untersuchungen gemacht. Man wolle dran bleiben an den Menschen, sagt Dermann.Wichtig sind geistige Aktivität und BewegungGeistige Aktivität, Bewegung, ausreichend Schlaf, eine gute Ernährung fördern die Gehirngesundheit, Nikotin und Alkohol dagegen nicht. Auch die psychische Gesundheit hat großen Einfluss auf das Gedächtnis. Cosima Dermann nennt noch zwei weitere Risikofaktoren, die man vielleicht so nicht bewusst in Zusammenhang mit einer möglichen Demenzerkrankung bringt: ein abnehmendes Hörvermögen und einen zu hohen Cholesterinspiegel.Die LMU-Studie, die mit mehreren Kooperationspartnern wie der Deutschen Alzheimer Gesellschaft ausgeführt und vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention gefördert wird, ist zunächst als Modellprojekt auf ein Jahr, maximal zwei weitere Jahre angelegt. In elf Monaten gab es laut Dermann 167 „auswertbare Teilnahmen“.Das große Ziel des Projekts ist es, dass Apotheken Menschen künftig noch stärker als niedrigschwellige Anlaufstelle bei Gedächtnisproblemen begleiten können. Der Gedächtnis-Check soll dabei helfen, den Zugang zu weiterer Diagnostik und Unterstützung zu erleichtern. Als eine wichtige Präventionsmaßnahme. „Denn wir möchten Menschen erreichen, solange sie noch viele Handlungsmöglichkeiten haben, Demenz entgegenzuwirken“, sagt Cosima Dermann.
Münchner Apotheken bieten Gedächtnis-Check zur Demenz-Früherkennung
14 Münchner Apotheken führen Gedächtnis-Checks durch, um frühzeitig Demenzrisiken zu erkennen. Das Projekt der LMU München bietet Tests und Beratung, um Menschen in vertrauter Umgebung zu unterstützen.










