GastkommentarUrs NiggliDie nächste Agrarrevolution beginnt im ComputerDeep Tech wird die Landwirtschaft grundlegend verändern. Gefragt ist nun ein innovationsfreundliches Umfeld, das wissenschaftliche Erkenntnisse und Praxiswissen rasch zusammenführt. Die EU investiert Milliarden – die Schweiz spart an der Forschung.05.08.2026, 05.25 Uhr3 LeseminutenJe intelligenter Maschinen werden, desto wertvoller werden jene Fähigkeiten, die sie nicht besitzen.Anthony Anex /KeystoneMacht künstliche Intelligenz (KI) den Menschen überflüssig? Seit der Veröffentlichung von Chat-GPT beschäftigt diese Frage Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Nun erreicht sie auch die Landwirtschaft. Die eigentliche Revolution besteht jedoch nicht in einer einzelnen Technologie. Sie entsteht aus der Verbindung von KI, Robotik, Sensorik, Satellitentechnologie, Genomeditierung, Biotechnologie und Präzisionsfermentation. Dieses Zusammenspiel wird «Deep Tech» genannt; es dürfte die Landwirtschaft stärker verändern als jede Innovation seit der Mechanisierung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wissensbasierte PräzisionszüchtungWährend die öffentliche Debatte noch um Pflanzenschutzmittel, Biodiversitätsförderflächen oder Direktzahlungen kreist, entsteht im Hintergrund ein neues Wissenssystem. Ökologie, Biologie, Informatik und Ingenieurwissenschaften wachsen zusammen. Landwirtschaft entwickelt sich vom Erfahrungsberuf zur wissensbasierten Präzisionswirtschaft.Besonders sichtbar wird dies in der Pflanzenzüchtung. Neue Sorten benötigen bis heute meist zehn bis fünfzehn Jahre Entwicklungszeit. KI analysiert Milliarden genetischer Informationen, Versuchsdaten und Klimamodelle und erkennt Genkombinationen, die Pflanzen widerstandsfähiger gegen Krankheiten machen, Trockenheit besser überstehen oder Nährstoffe effizienter nutzen lassen. Mit der Genomeditierung können genau diese Veränderungen gezielt umgesetzt werden. Die Revolution entsteht aus der Kombination der beiden Technologien. Aus Versuch und Irrtum wird wissensbasierte Präzisionszüchtung.Auch auf den Betrieben verändert Deep Tech die Entscheidungsprozesse. Sensoren, Drohnen und Satelliten überwachen Pflanzen und Böden in Echtzeit. Feldroboter behandeln einzelne Pflanzen statt ganzer Felder. KI verbindet diese Informationen mit Wetter-, Markt- und Betriebsdaten und optimiert Anbau, Einkauf und Vermarktung. Landwirtschaft wird dadurch nicht automatisiert, sondern intelligenter. Die Forschung steht vor einer faszinierenden Herkulesaufgabe.Mit Deep Tech verändert sich auch die landwirtschaftliche Beratung. Routinewissen liefert künftig die KI. Die Aufgabe der Berater verschiebt sich hin zu Strategie, Innovation und den menschlichen Herausforderungen auf den Höfen – von Investitionsentscheiden über Hofübergaben und zwischenmenschliche Konflikte bis zu wirtschaftlichen Krisen.Die Beratung der Zukunft wird weniger Auskunftsstelle als Coach und Transformationsbegleiter sein. Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage: Droht Landwirtschaft zu einem datengetriebenen Optimierungsprozess zu werden? Verlieren Erfahrung, Intuition und unternehmerischer Mut an Bedeutung?Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Je intelligenter Maschinen werden, desto wertvoller werden jene Fähigkeiten, die sie nicht besitzen: Verantwortung, Urteilskraft, Empathie, Kreativität und der Mut, neue Wege zu gehen. Innovation entsteht selten allein aus Daten. Sie beginnt häufig mit einer ungewöhnlichen Idee, einer Intuition oder sogar mit einem Fehler.Keine Maschine entscheidet, welches Risiko eine Bauernfamilie eingehen will oder welche Zukunft sie ihrem Betrieb geben möchte. Landwirtschaft bleibt mehr als Produktion. Sie bleibt Kultur, Unternehmertum und Verantwortung.Verantwortung, nicht VerhinderungGerade deshalb erstaunt die Schweizer Diskussion. Unser Land verfügt mit der ETH Zürich, der EPFL, Agroscope, dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), den angewandten Hochschulen und innovativen Unternehmen über eine Forschungslandschaft von Weltrang. Gleichzeitig begegnen wir neuen Technologien häufig vorsichtiger als vergleichbare Innovationsländer. Vorsicht gehört zu einer verantwortungsvollen Innovationspolitik. Sie darf jedoch nicht zum Verhinderungsprinzip werden.Wer wissenschaftlich fundierte Innovationen erst zulässt, wenn andere Länder ihre Vorteile längst nutzen, riskiert nicht nur Wettbewerbsnachteile. Er erschwert sich auch den Weg zu den eigenen Nachhaltigkeitszielen.Die Schweiz will Pflanzenschutzmittel reduzieren, Biodiversität fördern, das Klima schützen und gleichzeitig die Ernährungssicherheit sichern. Diese Ziele werden sich kaum allein mit zusätzlichen Vorschriften, höheren Direktzahlungen oder neuen Labels erreichen lassen. Sie verlangen nach einem innovationsfreundlichen Umfeld, das wissenschaftliche Erkenntnisse und Praxiswissen rasch zusammenführt.Die Deep-Tech-Welle wird die Landwirtschaft verändern. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob sie kommt, sondern ob die Schweiz bereit ist, sie mitzugestalten. Die eigentliche Herausforderung besteht nicht darin, intelligentere Maschinen zu bauen. Das wird gelingen. Entscheidend ist, ob wir gleichzeitig jene menschlichen Fähigkeiten stärken, die keine Maschine ersetzen kann. Gelingt diese Verbindung, könnte Deep Tech die Landwirtschaft nicht nur produktiver und nachhaltiger, sondern auch menschlicher machen.Urs Niggli ist Präsident des Instituts für Agrarökologie und war langjähriger Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL).Passend zum Artikel