Einmal hat Lufthansa in diesem Jahr schon Glück im Unglück gehabt: Das Boeing-787-Flugzeug, das Anfang Juni am Frankfurter Flughafen auf den Rumpf krachte, als während Wartungsarbeiten das vordere Fahrwerk einklappte, lässt sich reparieren. Das Flugzeug, das zuvor nur fünf Monate im Dienst war, werde trotz Millionenschadens noch in diesem Jahr in den Verkehr zurückkehren, sagte Vorstandschef Carsten Spohr am Dienstag.Zur Vorstellung der Halbjahresbilanz spielte ein anderes Absacken eine größere Rolle. Der Konzern hat in den ersten sechs Monaten 542 Millionen Euro Verlust eingeflogen, 2025 endete die erste Jahreshälfte mit einem Überschuss von 127 Millionen Euro. Vor allem die höhere Kerosinrechnung im Zuge des Nahostkonflikts belastet. Lufthansa hat sich zwar durch Hedging-Geschäfte gegen Preisschwankungen abgesichert, doch knapp ein Fünftel des Kerosins muss teuer eingekauft werden. Bislang habe das zu Mehrkosten von 750 Millionen Euro geführt, sagte Finanzvorstand Till Streichert. Bis zum Jahresende werde diese Last wohl auf das Doppelte anschwellen.In seinem Ausblick auf das Gesamtjahr wird der Konzern vorsichtiger. Bislang galt, dass das bereinigte operative Ergebnis den Vorjahreswert von rund zwei Milliarden Euro sicher übertreffen werde. Zur Jahresmitte erreichte es 383 Millionen Euro – nach 870 Millionen Euro vor einem Jahr. Nun nennt der Konzern für das Gesamtjahr eine Spanne von 1,7 bis 2,2 Milliarden Euro. Schlimmstenfalls fällt das operative Ergebnis 15 Prozent niedriger als im Vorjahr aus, bestenfalls zehn Prozent höher. Wozu es komme, hänge von der Entwicklung der Treibstoffpreise und von der Reaktion der Kunden ab, sagte Streichert. Der Kurs der Lufthansa-Aktie sackte im Handelsverlauf um mehr als zehn Prozent ab.Bauchlandung: Das im Juni während einer Wartung beschädigte Boeing-787-Flugzeug kann repariert werden.dpaAnleger beruhigte nicht, dass Spohr einen Ergebnisanstieg als möglich bezeichnete: „Wir sind zuversichtlich, ‌das liefern zu können, was wir im letzten Jahr versprochen haben.“ Im Frühjahr habe Lufthansa höhere Kerosinkosten gehabt, während viele Tickets zum Beginn des Irankriegs schon verkauft gewesen seien. Das sei nun anders. Zudem muss der Konzern nach eigenen Angaben keinen Passagierschwund beklagen. „Menschen wollen fliegen, und sie können es sich auch zu höheren Preisen leisten“, sagte Spohr.Die Zahl der Passagiere blieb in der ersten Jahreshälfte über der Marke von 60 Millionen. Nach Kürzungen im Flugplan stieg die Auslastung der verbliebenen Flüge leicht auf 82 Prozent. Der Konzernumsatz legte um acht Prozent auf 19,9 Milliarden Euro zu. „Welche andere Industrie mit Ausnahme von Digitalunternehmen kann solche Zuwächse vermelden?“, fragte Spohr.Weitere Einschnitte bei kurzen Flügen möglichLufthansa hatte durch Streichungen und das vorgezogene Aus der Tochtergesellschaft Lufthansa Cityline ihre Kapazität um mehr als zwei Prozent gekürzt. Neben kriegsbedingt ausgesetzten Flügen in die Golfregion fielen vor allem Kurzstrecken weg. Spohr bezeichnete diese Kürzungen als „Effizienzmaßnahme“. Kleinere Airports werden nicht mehr an mehrere Umsteigedrehkreuze wie Frankfurt, München oder Zürich angebunden, sondern nur noch an eines oder zwei.Ein weiterer Kürzungsschritt könnte folgen. „Im Kurzstreckensegment schauen wir uns an, noch ein Prozent an Kapazität herauszunehmen“, so Spohr. Ob weitere Inlandsflüge wegfallen, hänge davon ab, wie sich die staatlichen Abgaben entwickelten. Die Senkung der Luftverkehrsteuer zum Juli könne nur ein erster Schritt sein. Spohr hatte Proteste aus Bremen zu spüren bekommen, nachdem Lufthansa das Aus der Inlandsflüge zum Drehkreuz Frankfurt verkündet hatte.Gekürzt wird auch in der Verwaltung, der angekündigte Abbau von 4000 Stellen ist angelaufen, die ersten 550 wegfallenden Posten stehen fest. „Wir machen unser Unternehmen effizienter“, sagte Spohr. Lufthansa strebt eine operative Marge von bis zu zehn Prozent an, zuletzt war die Marge wegen der Kerosinkosten auf 3,4 Prozent gefallen. Zur Wende soll auch der Ersatz älterer durch neue, effizientere Flugzeuge beitragen. Zuletzt musste Lufthansa Flieger mit hohem Kerosinverbrauch länger im Dienst halten, da sich Lieferungen von Boeing und Airbus verzögerten.2028 „modernste Langstreckenflotte der Welt“Nun sollen neue Flieger in enger Folge einschweben, nachdem in der ersten Jahreshälfte bloß sechs angekommen waren. Für die nächsten hundert Wochen kalkuliert Lufthansa mit 109 neuen Flugzeugen. „2028 werden wir die modernste Langstreckenflotte der Welt haben“, sagte Spohr. Allein der Flugzeugtausch, der mit dem Einbau neuer Sitze einhergeht, soll das operative Ergebnis um mindestens 700 Millionen Euro erhöhen.Während am Boden gekürzt wird, setzt Lufthansa im internationalen Verkehr auf Zuwachs. Gerade hat der Konzern eine Offerte zum Einstieg bei der portugiesischen Airline TAP abgegeben, an der auch Air France-KLM interessiert ist. Zudem soll der Anteil an der italienischen ITA von 40 auf 90 Prozent bis Anfang 2027 aufgestockt werden. Wenig Interesse zeigt Lufthansa hingegen am Billigflieger Easyjet, um den zwei Finanzinvestoren buhlen.Spohr befürchtet zu hohe wettbewerbsrechtliche Hürden, sodass Lufthansa für den Konzern attraktive Easyjet-Teile nicht zu sich holen könne. Es sei auch nicht ausgemacht, dass es zu einer Zerschlagung von Easyjet komme. Ein Zerlegungsplan wird dem Investor Castlelake nachgesagt, der Gegenbieter Apollo hat sich für den Erhalt von Easyjet ausgesprochen. Lufthansa sieht größere Chancen auf Fernflügen. „Mit ITA und TAP zusammen streben wir die Führungsrolle im Verkehr nach Lateinamerika an“, so Spohr. Aktuell hängt Lufthansa dorthin hinter dem British-Airways-Mutterkonzern IAG und Air France-KLM zurück. Künftig solle annähernd ein Gleichgewicht der drei großen europäischen Flugkonzerne erreicht werden.