Spanien erntet Kritik für seinen Sonderweg in der MigrationspolitikIn der Debatte um den Ansturm von Migranten auf Ceuta wird gern die liberale Einwanderungspolitik Spaniens als Anziehungsgrund angeführt. Doch das stimmt nur bedingt.Julia Macher, Barcelona04.08.2026, 17.08 Uhr4 LeseminutenIn L’Hospitalet de Llobregat in der Region Barcelona stehen illegal eingereiste Migranten an, um ihren Aufenthaltsstatus legalisieren zu lassen (April 2026).Emilio Morenatti / APOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Miguel Tellado kennt die Ursache für die Migrationskrise in der spanischen Exklave Ceuta: Ohne die liberale Einwanderungspolitik der spanischen Linkskoalition, so sagt er, wäre der Massenansturm von rund 60 000 Migranten auf die Kleinstadt im Norden Afrikas undenkbar gewesen. «Während alle europäischen Bündnispartner ihre Migrationspolitik verschärft haben, hat Ministerpräsident Pedro Sánchez Papiere an alle verschenkt, die irregulär ins Land kamen», sagt der Generalsekretär der konservativen Volkspartei (PP). Diese «All-Inclusive-Politik» sei der Nährboden für den Sturm auf die EU-Aussengrenze gewesen.Der konservative Politiker Tellado bezieht sich auf die ausserordentliche Legalisierung von irregulär in Spanien lebenden Migrantinnen und Migranten, die die spanische Linksregierung im April per Dekret verabschiedet hatte. Bis zum Ablauf der Frist Ende Juni beantragten mehr als 1,2 Millionen Menschen eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis; mehr als 822 000 Anträgen wurde stattgegeben. In einem Protestbrief bezeichnen auch 22 EU-Mitgliedstaaten, darunter Deutschland und Italien, diese Massnahme als einen wesentlichen Anziehungsgrund (Pull-Faktor).Ausserordentliche RegularisierungTatsächlich ist die ausserordentliche Regularisierung vergleichsweise grosszügig: um eine zunächst auf ein Jahr beschränkte Aufenthaltsgenehmigung mit sofortiger Arbeitserlaubnis zu erlangen, mussten die Antragsteller vorstrafenfrei sein. Gegen sie durfte kein Einreiseverbot bestehen. Ausserdem mussten sie eine soziale Notlage sowie ihren irregulären Aufenthalt im Land nachweisen. Für letzteres genügten Arzt-, Strom-, Wasserrechnungen oder behördliche Vorladungen. Die Initiative sorgte in Europa, das zunehmend auf Abschottung setzt, für Aufsehen.Ein direkter Grund für den Massenansturm auf Ceuta dürfte die Regelung nicht gewesen sein. Sie galt ausschliesslich für Personen, die sich bis Ende 2025 mindestens fünf Monate irregulär in Spanien aufgehalten hatten und war auf zwei Monate beschränkt. Dennoch könnte sie dazu beigetragen haben, Spaniens Ruf als eines der letzten migrationsfreundlichen Länder der EU gefestigt zu haben: Juristische Feinheiten spielen beim Traum vom goldenen Europa weder bei Ausreisewilligen noch Schlepperbanden eine Rolle.Als «Akt der Gerechtigkeit» und «wirtschaftliche Notwendigkeit» bezeichnete der Sozialdemokrat Sánchez damals die ausserordentliche Regularisierung. Sie ist jedoch kein Alleinstellungsmerkmal der von ihm angeführten Linkskoalition. Seit den 1980er Jahren haben sowohl konservative Regierungen des Partido Popular als auch sozialdemokratische Kabinette wiederholt vergleichbare Massnahmen in die Wege geleitet, in ähnlichem Umfang. Die konservative Regierung Aznar ermöglichte zwischen 2000 und 2001 mehr als 520 000 Einwanderern aus nicht-europäischen Ländern eine Aufenthaltsgenehmigung; 2005 erhielten unter dem linken Ministerpräsidenten Rodríguez Zapatero 570 000 Menschen dank einer Ausnahmeregelung einen legalen Status. «Ein direkter Einfluss auf das Migrationsverhalten konnte in keinem der Fälle empirisch nachgewiesen werden», sagt Francesco Pasetti, Migrationsforscher am Cidob-Institut in Barcelona.Verwurzelungsklausel wiegt schwererSpaniens Ausländerrecht kennt eine weitere, europaweit einzigartige Regel, die zuweilen als Pull-Faktor angeführt wird: den sogenannten «arraigo», die Verwurzelung. Auch sie dient der Legalisierung von irregulär im Land lebenden Menschen, etwa in dem sie neben einem dauerhaften Aufenthalt einen Arbeitsvertrag, familiäre Verbindungen oder eine Ausbildung nachweisen können. Eingeführt wurde sie 2001 vom konservativen Regierungschef José-María Aznar. Die Regierung Sánchez hat die Möglichkeiten des «Verwurzelungsnachweises» 2024 erweitert.Lieber dulden und legalisieren statt rigoros abschieben: Das zieht sich als Konstante durch die spanische Politik und hat auch ganz pragmatische Gründe. Spaniens Wirtschaft ist in Zeiten des Wachstums auf billige, flexible Arbeitskräfte angewiesen, vor allem aus dem sprachlich und kulturell verwandten Lateinamerika.Europa kritisiert Spaniens Einwanderungspolitik seit Jahren als zu lax und nachsichtig, vor allem seit sich die EU seit 2004 verstärkt um eine Angleichung der Standards bemüht. Spanien wiederum fühlt sich mindestens ebenso lange vom Rest Europas allein gelassen: Mit den kanarischen Inseln, den Exklaven Ceuta und Melilla und der Meerenge von Gibraltar ist das südeuropäische Land das Tor vieler Migrationsrouten – und der erste europäische Boden für viele Migranten.Blick auf Spanien ist von Klischees geprägtSpanien trägt die Last beim Schutz der EU-Aussengrenzen, bei der Bearbeitung der Asylanträge, die nach dem bisher gültigen Dublin-Abkommen auf dem zuerst betretenen europäischen Boden erfolgen muss, und bei den Ausweisungen. Als «notorische Durchwinker» wurden Spaniens Grenzbehörden zuweilen geschmäht. Das Bild fügt sich nur zu gut in das Klischee der es mit Vorschriften nicht zu genau nehmenden Südländer – und ist für einen auf Aussenwirkung besonders bedachten Politiker wie Sánchez ein Affront. Wohl kaum ein spanischer Ministerpräsident hat einen so deutlichen Fokus auf die Aussenpolitik gesetzt wie der Linkspolitiker.Auch deswegen versucht Spanien verstärkt seine Rolle an der EU-Aussengrenze als Dienst an der Staatengemeinschaft zu präsentieren. Am Nato-Gipfel 2022 in Madrid beeindruckte der Gastgeber nicht nur durch opulente Dinner im Prado und der Alhambra. Pedro Sánchez gelang es damals auch, das Konzept der «Südflanke» im strategischen Konzept des Verteidigungsbündnisses zu verankern.Ein diplomatischer Erfolg, den er jüngst wieder zu nutzen versuchte: Als Sánchez im vergangenen Sommer dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump sein resolutes «No» zur Erhöhung der Verteidigungsausgaben entgegenschleuderte, war eines der Argumente abermals die Südflanke: Die Sicherheit der Nato-Bündnispartner messe sich nicht allein in Ausgaben, sondern auch am Schutz der besonders verletzlichen EU-Aussengrenze, hiess es damals aus dem spanischen Verteidigungsministerium. Wie fragil diese Grenze ist, hat sich vergangene Woche wieder gezeigt.Passend zum Artikel
Spaniens liberale Migrationspolitik gilt als Grund für den Ansturm auf Ceuta. Doch das stimmt nur bedingt.
In der Debatte um den Ansturm von Migranten auf Ceuta wird gern die liberale Einwanderungspolitik Spaniens als Anziehungsgrund angeführt. Doch das stimmt nur bedingt.










