Sie haben die heftigen Feuer der Jetztzeit mit dem Weltenbrand in der nordischen Sage Ragnarök verglichen. In diesem Sommer müssten Sie sich bestätigt sehen – hier in Europa fühlt es sich in der Tat so an, als gehe der Kontinent nach und nach in Flammen auf.Ja, ich habe leider den Eindruck, der Planet stimmt mir zu. Unsere Art, mit Feuer und Verbrennungsvorgängen umzugehen, und die Feuer, die dadurch ungewollt entstehen oder verstärkt werden, verändern die Erde. Darum habe ich die Analogie gewählt: Es ist Ragnarök in Zeitlupe. Aber gerade beschleunigt es sich.Sie stellen fest, dass die neuen Großfeuer vor allem in Industrieländern ausbrechen. Warum?Diese Länder haben ihre Wissenschaft und Ökonomie dafür genutzt, neue Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen gelebt, gearbeitet, gewirtschaftet wird. Und die befördern nun diese Art Feuer. Warum gibt es etwa die traditionelle Landwirtschaft nicht mehr? Sie ernährt nicht so viele Menschen, ist nicht so produktiv. Die enormen Ertragssteigerungen der modernen Landwirtschaft basieren auf dem Zugang zu fossilen Brennstoffen, die in Energie umgewandelt werden, in Petrochemikalien, Dünger, Herbizide. Die traditionelle Landschaft, in der Feuer durchaus vorkamen, aber nicht so außer Kontrolle geraten sind, gibt es nicht mehr. Es ist schon paradox: Wir haben uns in die Tiefenzeit der Erde begeben, die fossile Biomasse herausgeholt und gelernt, sie zu verbrennen, um die Welt nach unseren Vorstellungen zu gestalten, sie zu kontrollieren. Dazu gehörte auch, lästige Feuer zu beseitigen. Die kehren nun umso heftiger zurück.Sie haben ein ganzes Buch über die Geschichte des Feuers in Europa geschrieben. Was ist so besonders daran?Vor allem zwei Aspekte. Das, worüber ich gerade sprach, entstand in Europa. Auf dem Kontinent wurde geschaffen, was ich als das dritte Feuer in der Geschichte bezeichne. Das erste Feuer ist das ursprüngliche, von der Natur erzeugte, durch Blitzschlag oder Vulkane. Das zweite Feuer ist das vom Menschen genutzte und eingehegte. Das dritte gibt es, seit die Verbrennung der lithischen Landschaften begann, die die industrielle Revolution in Gang setzte und heute für die Erderwärmung sorgt. Der andere Aspekt: Diejenigen, die in Europa früher das Sagen hatten, haben Feuer in der Landschaft gehasst, das Chaotische, Unkontrollierte daran. Nicht von ungefähr gibt es das Sprichwort: Feuer ist ein guter Diener, aber ein schlechter Herr. Feuer wurde mit sozialer Unordnung gleichgesetzt, davor hatte man Angst. Menschen dagegen, die auf dem Land lebten, hatten eine andere Einstellung zum Feuer. Sie sahen es mehr wie einen Begleiter, lebten mit ihm, wussten, dass ein Brand auch für Erneuerung sorgen konnte. Anderswo in der Welt war dieser Graben nicht so tief. Durchgesetzt hat sich die Haltung, dass natürliche Feuer verschwinden müssen.So wird in Europa bis heute gedacht: Feuer in der Landschaft sind grundsätzlich schlecht.Diese Obsession hat das gleiche Ergebnis, wie wenn man zu großzügig Antibiotika einsetzt: Man tötet die schlechten Bakterien, aber auch die nützlichen. Am Ende hat man eine Resistenz gegen das Medikament und kann die Krankheit nicht mehr einhegen.Europa kann also von Gesellschaften lernen, die Feuermanagement betreiben, etwa mit gezielt gelegten Bränden im Frühling, um Feuern in der trockenen Jahreszeit die Biomasse zu entziehen?Es kann sich an indigenen Gesellschaften in Australien oder Afrika ein Beispiel nehmen, muss das aber gar nicht. Es reicht, sich an die eigene Geschichte zu erinnern. Da gab es kontrollierte Feuer, innerhalb einer Matrix, die heute verschwunden ist: kleinteilige, mosaikhafte Landschaften, die für die Eindämmung eines Brandes sorgten. In Portugal oder Spanien spricht man seit Längerem darüber, wie man diese traditionelle Landnutzung wiederbeleben und eine moderne Version davon entstehen lassen könnte. Wie ein altes Gebäude, das man erhält und mit modernen Leitungen, Installationen, Möbeln füllt. Ich sehe das als Teil einer ökologischen Infrastruktur, genauso wichtig wie Straßen oder Stromleitungen. So bleibt das Land bewohnbar. Es ist natürlich eine große Herausforderung, Beharrungskräfte müssen überwunden werden.Stephen Pyne ist emeritierter Professor der Arizona State University. Der Geologe und Historiker hat sich auf das Verhältnis von Mensch und Feuer spezialisiert und den Begriff „Pyrozän“ geprägt.Arizona State UniversityImmerhin hat Europa nicht in dem Maß wie die USA das Problem, dass ganze Orte und Stadtteile verbrennen, wie Lahaina auf Hawaii oder Pacific Palisades in Los Angeles.Ich sehe nebenbei gerade Bilder, wie Teile einer Stadt verbrennen, Spokane im Bundesstaat Washington. Hunderte Häuser sind schon zerstört. Eben schien das Feuer einen ganzen Golfplatz zu überwinden, verrückt. Das Problem ist: Wir glaubten, dass Feuer in Städten eine Sache der Vergangenheit sind, und sind nachlässig geworden. Um noch mal eine Analogie aus der Medizin zu verwenden: Es ist wie mit Krankheiten, die man für besiegt hält und darum aufhört zu impfen, denn es scheint ja nicht mehr nötig zu sein. Diese urbanen Feuer haben ihren Ursprung meist nicht in Wäldern, sondern in Graslandschaften. Durch Funken, die weit getragen werden, springen sie auf Siedlungen über, die in der Erwartung gebaut wurden, dass es dort nie brennen wird. Was man hinterher immer wieder sieht: Die Häuser sind komplett zerstört. Die Bäume in den Straßen haben überlebt.Sie blicken auf die gesamte Geschichte des Menschen durch das Prisma des Feuers. Eigentlich ist es für Sie die Geschichte einer Allianz.Ja, denn Feuer ist, was wir tun, das ist unser Alleinstellungsmerkmal. Andere Tiere graben Höhlen und lassen Bäume umfallen – wir machen Feuer. Dass unsere Spezies Feuer entzünden und wieder ausmachen kann, hat uns zu dem gemacht, was wir sind. Es war unser bester Freund, und wir haben es zum Feind gemacht. Die längste Zeit waren die Häuser gefüllt mit Feuer: um damit Licht zu machen, sich zu wärmen, zu kochen. Die Feuerstelle war das Zentrum des Hauses. Das Feuer hat alles berührt. Dann wurde das oberirdische Feuer durch die Energie aus unterirdischen Quellen ersetzt und es verschwand, auch aus unserem Bewusstsein. Die Folgen der Nutzung dieser anderen Welt, die so tief begraben war in der geologischen Tiefenzeit, ist für mich das geologische Äquivalent zu dem, was im Film „Jurassic Park“ passiert, wo Dinosaurier wiedererweckt werden: Wir nehmen etwas aus einer anderen Zeit, hantieren in der Gegenwart damit und sind überrascht, dass unvorhergesehene Dinge passieren. Wir sind dabei, das Äquivalent einer Eiszeit zu schaffen, nur mit Feuer: Wir leben im Pyrozän.Und jetzt? Können wir unser Verhältnis zum Feuer wieder einrenken?Wir müssen die schlechten Feuer eindämmen und die guten wieder einführen. Das ist ein Prozess, er wird Jahrzehnte dauern. Die Versuchung ist immer, zu denken: Lasst uns noch mehr Löschfahrzeuge, Flugzeuge und Einsatzkräfte holen, dann bekommen wir das in den Griff. Die Feuer brechen an immer neuen Stellen aus, das macht es einfach, sie als einzelne Notfälle zu sehen und auch so zu bekämpfen. Das Problem ist aber systemisch, es dreht sich um die Frage, wie mit dem Land umgegangen, wie es genutzt wird. Und: Wir müssen aufhören, fossile Brennstoffe zu nutzen. Die Erderwärmung ist Teil unserer Feuergeschichte.