Marģers Vestermanis war der letzte Überlebende von Ghetto, KZ und Waldbrüderzeit in Lettland. Zugleich war er Historiker des Holocausts. Ein Nachruf.
Er ist nicht im Spätherbst 1941 im Wald von Rumbula erschossen worden wie seine Mutter und die kleine Schwester. Auch nicht im Zentralgefängnis wie sein älterer Bruder, ein Pianist. Oder im Ghetto von Riga an Entkräftung und Verzweiflung gestorben wie der Vater. Er hat 1943 auch das Konzentrationslager Kaiserwald überlebt und die entsetzliche Zwangsarbeit in dem SS-Lager Poperwahlen nahe der Ostsee.
Im Juli 1944 gelang es ihm, von dort in den Wald zu flüchten, in dem sich desertierte Wehrmachtssoldaten, sowjetische Partisanen, einheimische Widerstandskämpfer versteckten – aber sich auch SS-Kollaborateure herumtrieben auf der Suche nach Geflüchteten und speziell Juden. Auch diese lebensgefährlichen Monate bis Mai 1945 überstand Marģers Vestermanis mitten im „Kessel von Kurland“; der 19-jährige klapperdürre, rothaarige und viel zu brutal erwachsen gewordener Jude mit Sehschwäche und ohne Brille.
Am 30. Juli ist er in seiner Wohnung in Riga gestorben, am Dienstag wurde er auf dem Neuen Jüdischen Friedhof beerdigt, sechs Wochen vor seinem 101. Geburtstag, den er physisch labil, geistig hellwach, überaus emphatisch, humorvoll und bestrickend charmant beinahe erlebt hätte. Er war ein – wie er betonte – „lettischer“ (im Unterschied zu russischer) Jude, säkular, aber traditionsbewusst, meinungsstark, durchaus dominant, mit einem wundervollen deutsch-baltischen Akzent, den er sich aus seinem deutsch sprechenden, gut situierten Rigenser Elternhaus erhalten hat und den in ganz Lettland niemand mehr spricht.







