Schon länger ist bekannt, dass Cannabis als „Nebenwirkung“ – abgesehen von Vergiftungssymptomen wie Herzrasen, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, Panikgefühlen, Zittern, unkoordinierten Bewegungen – eine akute Psychose auslösen kann. Die Betroffenen denken, fühlen, riechen, sehen, hören und empfinden anders. Manche hören Stimmen und sind überzeugt, sie würden bedroht oder verfolgt, andere fühlen sich wie betäubt.Seit April 2024 müssen mehr Menschen wegen solcher Komplikationen im Krankenhaus behandelt werden, wie Forscher aus Leipzig und Hamburg herausgefunden haben. Dazu hat womöglich das Cannabisgesetz beigetragen, das am 1. April 2024 eingeführt wurde. Seitdem dürfen Erwachsene Cannabis zu nicht medizinischen Zwecken legal besitzen und anbauen. Cannabis gilt nicht mehr als Betäubungsmittel, und Ärzte können es mit normalem Rezept verordnen.„Mäßiger Anstieg hat immense gesundheitliche Konsequenzen“Die Forscher werteten Daten von mehr als 70.000 Krankenhausaufenthalten aus und berechneten, wie sich die wöchentlichen Klinikaufenthalte wegen Cannabis-Komplikationen von Januar 2022 bis September 2025 entwickelten. Nach Einführung des Gesetzes mussten 5,6 Prozent mehr Erwachsene stationär behandelt werden. Das entspricht 1359 zusätzlichen Krankenhausaufnahmen innerhalb eines Jahres. Bei den Jugendlichen kam es zunächst zu einem stärkeren Anstieg um 14,9 Prozent, aber dann mussten wieder weniger in die Klinik, sodass es letztendlich „nur“ 91 zusätzliche Fälle waren. „Alarmierend“ findet Alkomiet Hasan, Lehrstuhlinhaber Psychiatrie und Psychotherapie in der Universität Augsburg, die Ergebnisse. „Selbst dieser mäßige Anstieg hat immense gesundheitliche Konsequenzen.“Laut der Studie traten in den knapp vier Jahren insgesamt 5000 akute Vergiftungen und 21.000 Psychosen auf. „Akute Vergiftungen sind unangenehm. Aber die Symptome verschwinden meistens nach ein paar Stunden und lassen sich mit Medikamenten lindern. Das Problem sind die Psychosen.“ Studien weisen nämlich darauf hin, dass sich eine durch Cannabis oder andere Drogen ausgelöste Psychose in einem von fünf Fällen zu einer Schizophrenie weiterentwickelt und etwa jeder Zwanzigste an einer bipolaren Störung erkrankt. „Wir hätten dann pro Jahr Tausende mehr von diesen chronischen Krankheiten, die nicht nur die Betroffenen belasten, sondern auch das Gesundheitssystem durch Produktivitätsausfälle, Krankenhausaufenthalte und Therapien.“ Womöglich sind es sogar mehr Psychosen, als in der Studie aufgefallen sind, weil der Zeitraum relativ kurz war. Manchmal verursacht regelmäßiger Cannabis-Konsum erst nach mehreren Jahren eine Psychose.Die Forscher haben zwei Erklärungen. Erstens könnte es sein, dass mehr Menschen Cannabis probierten, weil das ja jetzt legal ist. Zweitens könnten mehr Konsumenten auf hoch potentes Medizinal-Cannabis umgestiegen sein. Illegal erworbene Cannabis-Blüten enthalten rund 15 Prozent Tetrahydrocannabinol (THC) – der wichtigste berauschende und psychoaktive Wirkstoff – und medizinisches Cannabis 24 Prozent. Das Risiko für psychische Probleme steigt ab mehr als zehn bis 15 Prozent THC. Wer Cannabis als Suchtmittel brauche, solle sich des Psychose-Risikos bewusst sein, sagt Hasan, „vor allem, wenn der Gehalt an THC hoch ist“. Von Cannabis gegen „jedes Wehwehchen“ hält der Psychiater nichts. „Es kann in seltenen Fällen eine Option sein, aber niemals die erste.“ Es gibt nur für wenige Krankheiten Hinweise, dass Cannabis dort helfen könnte: unter anderem Übelkeit und Erbrechen durch eine Chemotherapie, Gewichtsverlust und Appetitlosigkeit bei HIV/Aids und seltene Krampferkrankungen bei Kindern.Auch Politiker sollten Konsequenzen ziehen, fordert Hasan. „Medizinisches Cannabis sollte wieder wie vorher als Betäubungsmittel gelten, damit Menschen nicht so leicht drankommen können.“ Immerhin will die Bundesregierung das Medizinal-Cannabisgesetz überarbeiten. Geplant ist unter anderem, dass Ärzte Medizinal-Cannabis nur nach persönlichem Kontakt verschreiben dürfen. „Ein wichtiger Schritt. Und wir Ärzte sollten vermeiden, Cannabis auf Privatrezept zu verordnen, wenn der Patient es eigentlich nicht braucht, aber unbedingt möchte.“