Auf den ersten Blick klingt es nach gesellschaftlichem Fortschritt, was das Familienministerium mit seiner Reform des Elterngeldes plant. Die Regelungen sollen einfacher werden und Familien mehr Partnerschaftlichkeit ermöglichen. Väter sollen stärker in die Betreuung ihrer Kinder eingebunden werden.So sollen Eltern das Kindergeld ab 2027 nicht mehr beantragen müssen, sondern es automatisch vom Staat ausgezahlt bekommen. Außerdem sollen Väter künftig mindestens drei statt wie bisher zwei Monate Elternzeit nehmen müssen.Gleichzeitig will Familienministerin Prien die Elternzeit insgesamt um zwei Monate verkürzen. Neben mehr Gleichstellung gibt es also noch einen profanen Grund für die neuen Regelungen: Die Haushaltskassen sind leer, und auch die Ministerin muss Geld sparen.Wir haben zwei Mütter und einen Vater gefragt, wie sie auf die geplante Neuregelung blicken. Betroffen sind sie von der Reform aktuell noch nicht. Denn sie soll erst für alle Geburten ab November 2027 gelten. Als junge Familien wissen sie aber am ehesten, wo die Politik ansetzen müsste, um Eltern besser zu unterstützen. Paula Meer, 42: „Ich würde mir wünschen, dass das Kindergeld stärker einkommensabhängig gezahlt wird“ Ende März bekam Paula Meer (Name geändert) ihr erstes Kind. Davor arbeitete sie als Journalistin bei einem Online-Medium. Derzeit nehmen sie und ihr Partner Elternzeit nach den alten Regelungen. Sie zwölf Monate, er zwei. Die geplante Begrenzung der Elternzeit auf maximal zwölf Monate sieht sie kritisch. „Das wird die Eingewöhnung in der Kita sicherlich erschweren“, sagt sie. Zwar haben Eltern in Deutschland ab dem ersten Geburtstag ihres Kindes einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. In der Praxis betreuen jedoch viele Eltern ihre Kinder noch eine Weile weiter, bis diese sich an die Betreuung durch Erzieherinnen und Erzieher in einer Gruppe mit anderen Kindern gewöhnt haben.„Eltern, die ihre Kinder in dieser Phase weiter begleiten wollen, müssen in Zukunft stärker versuchen, das Elterngeld Plus zu nutzen“, sagt Paula Meer. Mit dem Elterngeld Plus können Mütter und Väter schon heute doppelt so lange Elterngeld beziehen, erhalten dafür aber pro Monat nur die Hälfte des Basiselterngeldes.Dass die Monatssätze beim Elterngeld ab November 2027 nur leicht angehoben werden, hält Meer für wenig sinnvoll. „Mir wäre lieber, dass das Elterngeld einkommensabhängig gezahlt wird, aber nicht bei einem dann 100 Euro höheren Höchstsatz von 1900 Euro gedeckelt wird“, sagt sie.Einen Grund dafür, dass nach wie vor viele Männer weniger Elternzeit nehmen als ihre Partnerinnen, sieht Paula Meer bei traditionellen Rollenbildern, die in manchen Unternehmen noch verbreitet seien. „Der Vater meines Kindes arbeitet in der Baubranche, die nach wie vor sehr männerdominiert ist“, erzählt sie. Zwar habe sich dort niemand negativ geäußert, als er Elternzeit genommen habe. „Aber dass er direkt im Anschluss Urlaub nehmen wollte, wurde abgelehnt“, sagt Meer. „Mein Eindruck ist, dass es nach wie vor Branchen gibt, in denen familienfreundliche Regelungen und Vorbilder fehlen.“Trotz aller Kritik ist die junge Mutter mit der staatlichen Unterstützung in Deutschland zufrieden. „Ich bin schon froh, dass es weiterhin mindestens zwölf Monate Elternzeit geben wird“, sagt sie. In anderen Ländern würden Eltern gar nicht oder weitaus geringer unterstützt. Linda Novak, 33: „Die Verbesserung wird gleich dadurch zunichtegemacht, dass die Elternzeit insgesamt gekürzt wird“ Linda Novak (Name geändert) kann das nur bestätigen. Ihr erster Sohn kam in den USA zur Welt. „Dort gibt es keine so gute Unterstützung wie in Deutschland“, sagt sie. „Ich musste meinen Job kündigen, um mehr Zeit mit meinem neugeborenen Kind verbringen zu können.“Mittlerweile lebt Novak in Deutschland. Beim zweiten Kind, das in diesem Jahr geboren wurde, können sie und ihr Mann Elterngeld in Anspruch nehmen. „Wir nutzen Elterngeld Plus, um noch länger Elterngeld zu beziehen“, sagt Novak. „Ich nehme 14 Monate Elternzeit, mein Mann überbrückt mit sieben Monaten die Phase, in der ich wieder arbeite, bis zur Kita-Eingewöhnung.“ Dann nehme er noch unbezahlte Monate, um in den ersten Wochen da zu sein, in denen das Kind anfange, in die Kita zu gehen.Sie könnten sich das zum Glück leisten, sagt Novak. Sie arbeitet als Lehrerin und ihr Mann im IT-Bereich. „Unsere Arbeitgeber sind flexibel und familienfreundlich. Das macht unser Leben auch leichter“, sagt sie.Dass die Elterngeldreform Väter dazu anhält, mindestens drei Monate Elternzeit zu nehmen, findet Novak gut. „Aber diese Verbesserung wird gleich dadurch zunichtegemacht, dass die Elternzeit insgesamt gekürzt wird“, sagt sie. Viele Paare würden ihr Kind nicht direkt nach einem Jahr in die Kita bringen. Zudem benötige die Eingewöhnung Zeit. „Einfach unbezahlte Extramonate zu nehmen, wie mein Mann und ich es gemacht haben, können sich viele Familien nicht leisten“, sagt Novak.Dass das Elterngeld erstmals seit seiner Einführung im Jahr 2007 erhöht wird, findet sie hingegen gut. Der Höchstsatz beim Elterngeld liegt derzeit bei 1800 Euro pro Monat und soll 2027 auf 1900 Euro steigen.„100 Euro mehr sind zwar nicht viel, aber besser als nichts“, sagt sie und fügt hinzu: „Eine wirkliche Erhöhung würde vielen Familien aber deutlich mehr helfen als alle Neuregelungen, die beschlossen wurden.“ Paul Schneider, 32: „Warum gibt es nicht weiterhin 14 Monate Elterngeld, wenn beide Partner mindestens vier Monate Elternzeit nehmen?“ Ähnlich sieht das auch Paul Schneider. „Eigentlich müsste der Elterngeld-Höchstsatz inflationsbereinigt mittlerweile bei 2600 Euro liegen“, findet er. Eine solche echte Anhebung sei aber angesichts der angespannten Haushaltslage unrealistisch gewesen.Der 32-Jährige arbeitet im Controlling, seine Frau ist Redakteurin bei einer Kommunikationsagentur. Sie haben eine dreijährige Tochter und erwarten im Oktober ihr zweites Kind. „Geplant ist, dass sie elf Monate Elternzeit nimmt und ich drei“, sagt Schneider. Im Anschluss nimmt er seinen Jahresurlaub von vier Wochen. „Das geht nur, weil mein Arbeitgeber da flexibel ist“, sagt er.Dass er mehr verdiene als seine Frau, merke man auch beim Elterngeld. „Wenn ich zu Hause bleibe, haben wir 1000 Euro weniger im Monat“, sagt Schneider. Trotzdem glaubt er nicht, dass Geld allein mehr Väter dazu bewegen wird, länger Elternzeit zu nehmen. „Es ist auch ein Mindset-Problem. Wir würden auch nicht verhungern, wenn ich mehr zu Hause bleiben würde“, sagt er. Außerhalb der Großstädte würden viele Väter noch immer gar keine Elternzeit nehmen, so sein Eindruck.Grundsätzlich findet er es gut, dass die Elterngeldreform für Väter einen Anreiz setzt, mehr Elternzeit zu nehmen, bemängelt aber: „Es hat einen faden Beigeschmack, weil Eltern durch die Kürzung insgesamt weniger Zeit für die Betreuung ihrer Kinder haben.“ Aus seiner Sicht hätte es außerdem noch partnerschaftlichere Modelle geben können. „Warum gibt es nicht weiterhin 14 Monate Elterngeld, wenn beide Partner mindestens vier Monate Elternzeit nehmen?“, fragt sich Schneider.Auch gebe es in Deutschland nach wie vor keinen Vaterschaftsurlaub, kritisiert er. Eine EU-Richtlinie sieht eigentlich zehn Tage bezahlten Urlaub nach der Geburt eines Kindes vor. Deutschland hat diese jedoch nie in nationales Recht umgesetzt. Nach der Klage eines Vaters beschäftigt sich der Europäische Gerichtshof derzeit mit der Frage, ob Väter in Deutschland neben Elternzeit und Elterngeld auch einen Anspruch auf Vaterschaftsurlaub haben.
„Das geht nur, weil mein Arbeitgeber flexibel ist“: Was junge Familien über die Elternzeit-Reform denken
Weniger Elternzeit, mehr Vätermonate und etwas mehr Kindergeld. Was halten junge Familien von der Elterngeldreform – und was erhoffen sie sich von der Bundesregierung?






