PfadnavigationHomeGeschichteBronzezeitWie Dürre den ersten Untergang der menschlichen Zivilisation beförderteStand: 08:13 UhrLesedauer: 4 MinutenVon Hattuscha blieben nur Ruinen. Die Hauptstadt des Hethiterreichs wurde um 1200 v. Chr. von ihren Bewohnern verlassenQuelle: picture alliance/AA/Ali BalikciSchriftliche Quellen berichten von Hungersnöten, die um 1200 v. Chr. zum Kollaps der ostmediterranen Staatenwelt führten. Vorausgegangen waren offenbar außergewöhnliche Dürreperioden, hervorgerufen vom Zusammenfallen verschiedener Klimatrends.Der Brief, den die hethitische Königin Puduhepa an Pharao Ramses II. schrieb, ließ es nicht an Deutlichkeit fehlen: „Ich habe kein Getreide in meinem Land!“ Das war kein Einzelfall. Ein anderer Hethiter-Fürst klagte: „Weißt Du nicht, dass in meinen Ländern der Hunger herrscht?“ Und gegenüber dem Herrscher der Stadt Ugarit wurde dieselbe Bitte mit dem dramatischen Nachsatz versehen: „Es geht hier um Leben und Tod!“ Die Zitate belegen, dass um das Jahr 1200 v. Chr. das hethitische Großreich in Kleinasien und Nordsyrien in eine existenzielle Krise geraten war. Obwohl die Ägypter seinen Verbündeten wiederholt mit Getreidelieferungen unterstützten, verschwand nicht nur das Hethiterreich kurz darauf von der politischen Landkarte des östlichen Mittelmeeres, sondern auch die Herrschaften Syriens, Palästinas, Zyperns und des mykenischen Griechenlands. Mit Verweis auf die Hilfegesuche der Hethiter geht die Forschung davon aus, dass der Zusammenbruch des spätbronzezeitlichen Mächtesystems nicht zuletzt von Dürre- und Hungerkatastrophen angetrieben wurde. Welche klimatischen Prozesse dabei eine Rolle spielten, will eine neue Studie der Universität Stockholm zeigen, die in der Fachzeitschrift „Science Advances“ veröffentlicht wurde. „Anstatt durch ein einzelnes Klimaereignis verursacht zu werden, stellten wir fest, dass die extremsten Dürren auftraten, wenn natürliche Klimazyklen mit unterschiedlichen Zeiträumen zusammenfielen. Dies macht verständlich, warum die Trockenheit im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch der späten Bronzezeit so schwerwiegend war“, sagt Katherine Power, Doktorandin am Institut für Physische Geografie und Erstautorin der Studie.Power und Qiong Zhang, Professorin für Paläoklimamodellierung und Mitautorin, setzten für ihre Studie ein hochmodernes Klimamodell ein, um die Entwicklung des Mittelmeerklimas der letzten 8000 Jahre zu rekonstruieren. Danach wurde der ostmediterrane Raum über Jahrtausende hinweg einem Trend zur Austrocknung unterworfen, der durch langsame Veränderungen der Erdumlaufbahn verursacht wurde. „Überlagert von diesem langfristigen Trend stellten wir auch kurzfristigere Schwankungen im Atlantischen Ozean und in der Atmosphäre fest“, erklärt Katherine Power.Die Wissenschaftlerinnen stellten fest, dass die schwersten Trockenperioden dann auftraten, wenn mehrere natürliche Klimazyklen zusammentrafen, sich gegenseitig vorübergehend verstärkten und auf diese Weise Dürren hervorbrachten, die weitaus intensiver waren als der langfristige Austrocknungstrend allein. „Das Zusammenwirken dieser Prozesse trieb das östliche Mittelmeer über eine kritische hydroklimatische Schwelle hinaus“ folgert Power. Die Folge war, dass weniger Wasser zur Verfügung stand und damit der Druck auf die Landwirtschaft in Gesellschaften zunahm, die ohnehin mit schwankenden Ernteerträgen zu kämpfen hatten.Lesen Sie auchDass Hungerkatastrophen maßgeblich den Zusammenbruch der bronzezeitlichen Staatenwelt befördert haben, wird von zahlreichen Forschern angenommen. In seinem Bestseller „1177 v. Chr. Der erste Untergang der Zivilisation“ hat der amerikanische Archäologe Eric H. Cline „Klimawandel und Dürre“ als zwei von mehreren Ursachen beschrieben, die am Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. in einem verhängnisvollen Bündel zusammenfanden. Denn auch in anderen Regionen des Nahen Ostens hungerten die Menschen. Cline zitiert aus einem Brief aus der Stadt Emar im syrischen Binnenland: „Wir werden alle verhungern. Wenn du nicht schnell herkommst, werden wir des Hungers sterben.“Lesen Sie auchPollenanalysen zeigen, dass es in Syrien und auf Zypern zu großen Umweltveränderungen kam. Ernteausfälle hatten Hungersnöte zur Folge, die zu sozioökonomischen Krisen, Kriegen und Massenmigrationen führten. Allerdings schränkt Cline ein, „dass es in dieser Region im Laufe der Geschichte ziemlich oft zu Zeiten der Dürre kam und dass sie meistens nicht zum Zusammenbruch einer ganzen Zivilisation führten ... Klimawandel, Dürren und Hungersnöte (reichen) allein nicht aus, um das Ende der Spätbronzezeit zu erklären.“ Stattdessen gebraucht der Archäologe das Bild von einem globalen Systemkollaps, hervorgerufen durch Dominoeffekte. Handelsrouten wurden unterbrochen, komplizierte Verteilungs- und Verarbeitungssysteme gerieten in Schieflage, Kriege um schwindende Ressourcen erodierten die Reiche, Naturkatastrophen wie Erdbeben und Dürren provozierten Aufstände und Migrationen.Power und Zhang verstehen ihre Studie allerdings nur bedingt als Beitrag zur aktuellen Klimadebatte. Zwar zähle das Mittelmeergebiet zu den globalen Brennpunkten des Klimawandels und werde den Prognosen zufolge im Laufe des kommenden Jahrhunderts wärmer und trockener werden. Aber: „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass das künftige Dürrerisiko nicht nur von der langfristigen, vom Menschen verursachten Erwärmung abhängt, sondern auch davon, wie die natürliche Variabilität im Atlantik mit diesem allgemeinen Trend interagiert“, sagt Katherine Power.Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.
Bronzezeit: „Wenn du nicht schnell herkommst, werden wir des Hungers sterben“ - WELT
Schriftliche Quellen berichten von Hungersnöten, die um 1200 v. Chr. zum Kollaps der ostmediterranen Staatenwelt führten. Vorausgegangen waren offenbar außergewöhnliche Dürreperioden, hervorgerufen vom Zusammenfallen verschiedener Klimatrends.








