PfadnavigationHomeGeschichteBeginn „Hunnensturm“„Diese Schlacht bedeutete für das Römische Reich den Ursprung allen Übels“Veröffentlicht am 29.09.2025Lesedauer: 4 Minuten„Zweibeinige Bestien“ eröffneten einen „Völkersturm“: So deuteten antike Autoren den Einfall der HunnenQuelle: picture-alliance/akg-imagesWeil die Goten 375 n. Chr. vor den „plötzlich“ einbrechenden Hunnen ins Römische Reich flohen, gilt das Jahr als Beginn der Völkerwanderung. Tatsächlich dürften die gefürchteten Reiterkrieger schon über Jahrzehnte Nachbarn gewesen sein.Als „Ursprung verschiedener Katastrophen, die die ganze Welt in einem beispiellosen Flammenmeer vergehen ließ“ – so deutete der römische Historiker Ammianus Marcellinus (ca. 330–395) das Auftauchen der Hunnen jenseits der Grenzen des Römischen Reiches. Denn die Reiterkrieger aus der eurasischen Steppe trieben die Goten und andere Gruppen über die Donau nach Süden, wo sie Ostrom ins Chaos stürzten. Da das nach Ausweis der antiken Quellen 375 n. Chr. geschehen ist, gilt dieses Jahr seitdem als Beginn der sogenannten Völkerwanderung, dem Anfang vom Ende des Imperiums im Westen.Dem „Hunnen-Exkurs“ in Ammianus‘ „Res gestae“ (Tatenbericht) ist die moderne Geschichtswissenschaft weitgehend gefolgt, zählt der Autor doch zu den verlässlichsten Gewährsleuten jener Epoche. Auch andere antike Historiker berichten von einem regelrechten „Völkersturm“ (Jordanes), in dem sich die Hunnen auf die Goten „geworfen“ (Zosimos) und „viele von ihnen getötet und den Rest über die Donau in das Römische Reich getrieben“ (Prokop) hätten.Umso bemerkenswerter ist daher der Einspruch, den der Althistoriker Mischa Meier in seinem neuen Buch „Die Hunnen. Geschichte der geheimnisvollen Reiterkrieger“ (C. H. Beck, 534 S., 38 Euro) erhebt: Danach tauchten die „zweibeinigen Bestien“ (Ammianus) nicht urplötzlich aus der Steppe auf, sondern standen bereits „durchaus mehr als zwei Jahrzehnte“ in engem Kontakt zu den Goten, die daher „nicht binnen kurzer Zeit überrannt“ wurden. Indem Meier, der mit seiner mehr als 1500 Seiten starken „Geschichte der Völkerwanderung“ (C. H. Beck, 2019) ein fulminantes Standardwerk vorgelegt hat und Mitglied im Forschungsprojekt „Migration und Mobilität in Spätantike und Frühmittelalter“ an der Universität Tübingen ist, Ammianus einer kritischen Revision unterzieht, findet er bei ihm deutliche Indizien, die gegen einen plötzlichen Dominoeffekt sprechen. Denn der Römer berichtet selbst von „langem“ Widerstand und „zahlreichen Niederlagen“, die mehrere gotische Anführer im Kampf gegen die Hunnen erlitten hätten. Auch dass die Goten in diesen Auseinandersetzungen offenbar verschiedene Stellungen ein- und Umgruppierungen vornehmen konnten, spricht für eine längere Zeitspanne, in denen die Kontrahenten Nachbarn waren. Das bestätigt auch der archäologische Befund: Die sogenannte Tschernjachow-Kultur, die mit Goten verbunden wird, brach keineswegs plötzlich ab, sondern klang allmählich aus. „Hunnen, alanische Gruppen, Goten und andere müssen jedenfalls schon vor 375 interagiert haben“, folgert Meier: „Über die Frage, wie lang diese Phase des Kontakts bereits angedauert haben kann, lässt sich nur spekulieren, sie kann aber durchaus mehr als zwei Jahrzehnte umfasst haben.“ Lesen Sie auchDazu würde passen, dass hunnische Gruppen, Chioniten genannt, in den 350er-Jahren in das persische Sasanidenreich vorstießen. Römer und Perser, die üblicherweise Kriege gegeneinander führten, fanden 363 sogar zu Verhandlungen zusammen, um unbekannte Barbaren im Norden des Kaukasus in Schach zu halten.Das gelang wohl nur bedingt. Warum die Hunnen um 375 den Druck in Richtung Westen erhöhten, ist jedoch unklar. Flucht vor Feinden oder eine Klimaverschlechterung, wie sie neue Auswertungen von Klimadaten wahrscheinlich machen, könnten nach Meier die Dynamik ausgelöst haben, deren Endergebnis Ammianus in großen Worten umschreibt: „Die Hunde erwiderten das Geheul der Wölfe, und die Nachtvögel ließen ein jammervolles, klagendes Lied ertönen ... Plötzlich zum allgemeinen Verderben auftauchend ... richten sie (die Hunnen) ein entsetzliches Blutbad an, und bei ihrer blitzartigen Geschwindigkeit bekommt man sie kaum zu Gesicht.“Lesen Sie auchDas ist der rhetorische Auftakt zu einer Katastrophe, die 378 das Römische Reich erschütterte. Nachdem gotische und alanische Gruppen drei Jahre zuvor über die Donau gesetzt hatten, war ihre Bitte um Aufnahme von Konstantinopel dilatorisch behandelt worden. Daraufhin nahmen sich die Migranten mit Gewalt, was sie zum Leben brauchten. Als Kaiser Valens mit seinen Gardetruppen die Beutezüge stoppen wollte, erlitt er im August 378 bei Adrianopel eine vernichtende Niederlage, eine der größten der römischen Militärgeschichte. Der Kaiser und zwei Drittel der Orientarmee kamen um. Ohnmächtig musste Ostrom die Barbaren gewähren lassen. Nur mit viel Glück konnte die östliche Reichshälfte ihre Existenz behaupten, nicht zuletzt, weil sie mit gotischen und hunnischen Gruppen die Lücken im Heer auffüllte.Lesen Sie auchDie Zeitgenossen verglichen die Katastrophe von Adrianopel mit den entsetzlichen Niederlagen gegen Karthago im Zweiten Punischen Krieg (218–201 v. Chr.). „Diese Schlacht bedeutete für das Römische Reich den Ursprung allen Übels, damals und auch für die Folgezeit“, klagte der Kirchenhistoriker Rufinus. Damit wurde der Einfall der Goten 375 zum traumatischen Fixpunkt, dem sich 406/7 die Invasion der Vandalen, Sueben und Alanen in Gallien und 410 die Plünderung Roms durch die Westgoten anschlossen. Soweit die Perspektive der römischen Zeitgenossen. Meier zeigt, dass dieses Bild den komplexen Verhältnissen im Barbaricum nicht gerecht wurde.Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.