Interview«Je progressiver und weltoffener sich ein Milieu wähnt, desto eher unterstellt es dem Land, konservativ, rückschrittlich und rechts zu sein»Der Autor Andreas Möller kritisiert die Arroganz urbaner Eliten: Viele Städter unterschätzten die Landbevölkerung. Dies wecke politischen Unmut. Als Ostdeutscher versteht er den Groll der Provinz.04.08.2026, 05.30 Uhr7 Leseminuten«Passiert der strukturelle Wandel zu schnell, wird das als Verlust von Heimat erlebt», sagt Andreas Möller.Karin Hofer / NZZAndreas Möller ist ein Städter, der vom Land kommt. Aufgewachsen in Rostock, verbrachte er viel Zeit im Ferienhaus seiner Eltern in einem Dorf in Mecklenburg. Die bäuerliche Welt ist ihm vertraut. Heute lebt er in Berlin. Über den sich vertiefenden Graben zwischen Stadt und Land hat er das Buch «Die Unterschätzten» geschrieben. Darin plädiert er für den ländlichen Raum: klug, persönlich und pointiert, ohne in kulturkämpferische Rhetorik zu verfallen. Der 52-jährige Sachbuchautor arbeitet als Kommunikationschef eines Maschinenbauers, beim Online-Gespräch sitzt er in seinem Büro, im Hintergrund ein Plattenspieler. Darauf angesprochen, sagt er: «Ich bin sehr traditionalistisch.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Herr Möller, Sie sprechen von einem Kulturkampf zwischen Stadt und Land. Dabei hätten vor allem die Menschen in ländlichen Gebieten das Nachsehen. Warum sind sie benachteiligt?Historiker und Buchautor Andreas MöllerVerena MüllerDie Zukunft wird in den Städten ersonnen, immer schon. Ich spreche vor allem von Deutschland, aber in der Schweiz und anderswo ist es dasselbe. Was die Politik in Berlin, Bern oder Brüssel hinsichtlich der Natur beschliesst, muss vor allem auf dem Land umgesetzt werden. Das weckt Unmut und das Gefühl, fremdbestimmt zu sein, vor allem, wenn dann noch eine gewisse Herablassung der Städter zu spüren ist, gepaart mit Unwissen.Woran muss sich das Land, ob es will oder nicht, anpassen?Das Land muss mit seinen Flächen liefern, was der städtische gesellschaftliche Wunsch nach einer nachhaltigen Energieversorgung ist. Bevor es Photovoltaik und Windkraft gab, wurde in meiner Heimat zwanzig Jahre lang Biomasse befördert, also erneuerbare Energien aus Raps oder Mais. Die Strassen wurden gigantisch, ebenso Traktoren und Landmaschinen, die Verkehrsbelastung nahm massiv zu. Der ländliche Raum erinnert mich heute vielerorts an eine industrialisierte Zone zum Zwecke der Nachhaltigkeit, während sich der städtische Raum, etwa was den Verkehr angeht, konserviert.Wie meinen Sie das?In städtischen Wohnvierteln gibt es immer öfter verkehrsberuhigte Zonen zum Zwecke des Emissions- und Lärmschutzes, was es für Handwerker oder Paketboten, aber auch Anwohner erschwert, die auf das Auto angewiesen sind. Fahrbahnen werden verengt, damit die Leute das Fahrrad nehmen. Man bringt die Suggestion der Ruhe und Entschleunigung mitten in die Kernstädte hinein, während der ländliche Raum industrialisiert wurde.Und mit der Veränderung des ländlichen Raums haben dann die Städter wieder Mühe, die sich in einer technologisierten Welt zusehends nach der unberührten Natur sehnen?Das ist das Paradox. Aus städtischer Perspektive möchte man das Land nicht als Wirtschaftsraum sehen, der marktwirtschaftlich funktioniert. Aber die Bauern sind gezwungen, Pflanzenschutzmittel einzusetzen oder bei den Tieren eine gewisse Herdengrösse zu haben, wenn sie nicht nur am Tropf der Subventionen hängen wollen. Das wollen manche Berliner nicht sehen, für die die Uckermark zu einer Art Bullerbü geworden ist. Das Land soll wie der Schwarzwald um 1900 aussehen, während sonst alles digitalisiert und mit KI beschleunigt wird.Was für Klischees haben die Städter über die Landbewohner?Je progressiver, weltoffener, diverser sich ein Milieu wähnt, desto eher unterstellt es dem Land pauschal, konservativ, rückschrittlich und in Ostdeutschland neuerdings rechts zu sein. Man muss sich vor Augen halten: 60 Prozent der Menschen in den ostdeutschen Ländern leben auf dem Land, vor der Wende waren es 80 Prozent. Im Westen sind es nur 37 Prozent. Dass im Osten alle rechts sein sollen, widerspricht ausser der Statistik auch meiner Erfahrung. In städtischen Quartieren in Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg sieht man ein ähnliches Wählerverhalten. Genauso gibt es sehr progressive Bauern.Bilden sich kulturelle Blasen nicht sogar stärker im urbanen Raum?Ja. Manche städtischen Gebiete sind viel homogener, als man das vielen Dörfern unterstellt, nicht nur von der Altersstruktur her. Wenn Sie durch die Kastanienallee im Prenzlauer Berg gehen, sehen Sie nur Leute zwischen 20 und 40, oft mit internationalem Hintergrund, die meisten haben studiert, sie wählen grün oder links und arbeiten am Computer, um es holzschnittartig zu umreissen.Ein Sinnbild für die Kluft zwischen Stadt und Land ist der Wolf. Die Städter freuen sich über seine Wiederansiedlung, den Bauern bringt er bloss finanziellen Schaden.Für viele Bauern ist es mehr als das. Es ist ein Vorurteil, dass Nutztiere für Landwirte nur einen ökonomischen Wert haben. Nicht wenige Landwirte, die ich kenne, haben eine emotionale Beziehung zu ihren Tieren, auch wenn sie von ihnen leben. Die Risse oder zumindest Rissverletzungen des Wolfes gehen in Norddeutschland mittlerweile in die Tausende. Wenn Sie mit eigenen Augen gesehen haben, wie das aussieht, nachdem der Wolf in einer Schafherde gewütet hat, verstehen Sie die Ohnmacht und Wut der Tierhalter. Die Städter haben keinen Bezug zu dieser Lebensrealität. Sie romantisieren den Wolf. Dies zeigt einmal mehr: Wo man am urbansten lebt, ist die Projektion der Natur am grössten.Landwirtschaftsbetriebe müssen aufgeben, immer weniger Politiker bewirtschaften selber einen Hof. Sie rechnen es selber vor: Von 630 Bundestagsabgeordneten sind noch vier Landwirte. Ist diese Entfremdung nicht einfach der Lauf der Zeit?Vor hundert Jahren war noch die Hälfte der Bevölkerung landwirtschaftlich tätig, in manchen Regionen damit jeder zweite Abgeordnete. Die Anzahl der Landwirtschaftsbetriebe hat sich seit der Wende in Deutschland halbiert, in der Schweiz dürfte es ähnlich sein. Mein Punkt ist: In der Dienstleistungsgesellschaft geht Wissen verloren, es ist das Ausschleichen von Erfahrung und Geschichten. Mein Vater hat in den sechziger Jahren in Rostock Medizin studiert, in den Ferien musste er auf den Feldern Kartoffelkäfer sammeln. Er fand das nicht immer amüsant, aber immerhin wusste er, woher das Essen kommt, das er in der Kaufhalle sah. Mir geht es aber gar nicht nur um die Bauern, wenn ich vom ländlichen Raum spreche.Sondern?Auch Mittelstandsunternehmen gehören zu einem intakten ländlichen Raum, sie schaffen immer noch die meisten Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Aber auch sie leiden zunehmend unter staatlichen Eingriffen, der Bürokratie, den fehlenden Fachkräften. Deswegen steht so viel auf dem Spiel, wenn die industriellen Strukturen auf dem Land verlorengehen.Wie wirkt sich der Strukturwandel auf den Alltag der Menschen aus?In manchen Dörfern wurde die Buslinie aufgehoben, da steht nun nur noch eine einsame Mitfahrbank. So ist es in meinem Dorf geschehen, wo ich einen Grossteil meiner Kindheit verbrachte. Und abends hört man dann in der «Tagesschau», wie umweltschädlich der Verbrenner sei und dass man überhaupt aufs Auto verzichten solle. Wenn Sie aber aus Mecklenburg kommen und bis zum nächsten Facharzt 50 oder 60 Kilometer fahren müssen, fühlen Sie sich von der Politik abgehängt.Rührt daher das Gefühl, dass sich niemand für die Sorgen der Menschen auf dem Land interessiert?Solche Stimmungen muss man auf jeden Fall ernst nehmen, sonst braut sich politischer Unmut zusammen.Die AfD ist vor allem in Ostdeutschland erstarkt, bei den kommenden Landtagswahlen könnte die Partei in Sachsen-Anhalt erstmals an die Macht kommen. Macht dieses fehlende Interesse der Politik die Partei so erfolgreich?Rechtskonservative Parteien wissen solche negativen Gefühle zu kanalisieren. Das sieht man überall in Europa und auch in den USA. Die Leute treibt nicht nur das Thema Migration um. Wenn alles immer weiter reguliert wird und der Staat unablässig wächst, fühlt man sich gegängelt. Das schürt das Misstrauen dem Staat gegenüber.Im Juni wurde in der Schweiz über die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» abgestimmt, die zum Ziel hatte, die Zuwanderung zu begrenzen. Sie wurde abgelehnt. Auffällig war auch hier der Stadt-Land-Graben. Die Initiative fand vor allem auf dem Land Zustimmung, obwohl man da nicht unter Dichtestress leidet und auch der Anteil der Ausländer kleiner ist. Sind das Ressentiments – hat man auf dem Land schnell das Gefühl, zu kurz zu kommen?Man muss das emotional verstehen, auch wenn man vielleicht anders abgestimmt hätte. Die Welt und die Lebensräume verändern sich. Die Verantwortung des Bauern für seinen Betrieb oder des Kleinunternehmers für seine Firma bleibt aber dieselbe. Passiert der Wandel zu schnell, bricht der Boden weg. Ein Gasthaus nach dem andern schliesst, das Vereinsleben stirbt. Das wird als Verlust von Heimat, von Identität erlebt. Umso wichtiger wird das Festhalten an Erinnerungslandschaften.Gleichzeitig macht das Land kulturelle Veränderungen mit, die von den Städten ausgehen. Schwule Paare mit Kindern leben heute in Dörfern, ohne dass daran jemand Anstoss nimmt. Gibt es also doch einen Austausch?Ja, und das macht mir Hoffnung. In den USA ist die Spaltung zwischen den Küstenstädten und dem Rust Belt im Mittleren Westen viel ausgeprägter. Bei uns kapselt man sich nicht so ab, eine unterschätzte Stärke des Föderalismus. Städter ziehen aufs Land, auf dem Land konsumiert man dieselben Medien wie in der Stadt. Es gibt, etwas abgedroschen gesagt, eine gegenseitige kulturelle Bereicherung.Die Städter ahmen das Landleben nach, sie halten Bienen auf ihren Dachterrassen oder bepflanzen einen Schrebergarten. Ist das wiederum eine Wertschätzung des Handwerklichen?Ich sehe darin eine Art Rückversicherung, die ich keinesfalls belächeln möchte. Vieles erscheint uns heute abstrakt und entgrenzt. Schafft man etwas mit den eigenen Händen, ist das ein Versuch, Produktionsprozesse, zum Beispiel Nahrungsketten, überhaupt wieder nachvollziehen zu können.Sie leben in Berlin und angeln in Ihrer Freizeit. Was gibt es Ihnen, Fische zu fangen?Stellen Sie sich vor: Sie angeln einen Hecht, schneiden ihn auf, nehmen ihn aus und sehen dann, dass er einen Beutefisch im Magen hat. Abends essen Sie ihn mit Ihren Kindern. Das ist eine kulturelle Praxis, die mir entgeht, wenn ich den Fisch im Supermarkt kaufe. Der Verlust von Produktion ist ein Verlust von Welt. Es ist der Verlust von sinnlichen Erfahrungen, die zum Verständnis der Gegenwart beitragen. Auch deshalb sind Industrie und Landwirtschaft so wichtig.Andreas Möller: Die Unterschätzten. Warum sich unsere Zukunft auf dem Land entscheidet. Rowohlt, Berlin 2026. 208 S., Fr. 37.90.Passend zum Artikel
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