Der Stromkonzern Axpo befürchtet einen starken Rückgang der WasserkraftproduktionAus Umweltschutzgründen müssen Kraftwerke künftig mehr Wasser in Flüssen und Bächen belassen. Laut der Axpo droht eine geringere Stromproduktion. Der Stromriese widerspricht damit optimistischen Prognosen der Forschung.04.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDas Axpo-Wasserkraftwerk Eglisau-Glattfelden am Rhein.AxpoEs ist eines der umstrittensten Themen der Schweizer Energiepolitik: Wie viel Wasser dürfen Kraftwerke für die Stromproduktion nutzen? Und wie viel müssen sie in Wasserläufen belassen, um das Überleben von Fischen und anderen vom Wasser abhängigen Arten zu schützen? «Restwasser» lautet der Fachbegriff für dieses ungenutzte Nass.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vor kurzem gab eine Studie der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), der Universität Bern und der Eawag Entwarnung. Die Forscher haben eine schweizweite Datenbank aufgebaut und berechnet, welcher Anteil der Stromproduktion durch das Gewässerschutzgesetz verlorengehen wird.Das Resultat: Bis zum Jahr 2050 betrage das Minus nur gerade knapp 2 Prozent der erwarteten Gesamtproduktion – absolut gesehen zwischen 484 und 725 Gigawattstunden pro Jahr. Das sei deutlich weniger als bisher befürchtet.Erfreute UmweltverbändeDie Umweltverbände nahmen die Ergebnisse erfreut zur Kenntnis. Die Untersuchung zeige, dass «Versorgungssicherheit und Umweltschutz Hand in Hand gehen», hiess es etwa in einer Stellungnahme des WWF. Die Verluste fielen kaum ins Gewicht.Die Axpo, die grösste Betreiberin von Wasserkraftwerken in der Schweiz, schliesst sich dieser optimistischen Sichtweise nicht an. Der Energiekonzern hat kürzlich eine eigene Untersuchung veranlasst. Sie kommt zu einem deutlich negativeren Ergebnis.Die Axpo untersuchte in ihrer Studie die Auswirkungen der sogenannten Konzessionserneuerungen. Bis 2050 stehen über 140 davon an, weil die Wasserkraftwerke in die Jahre kommen und die Konzessionen üblicherweise nach sechs bis acht Jahrzehnten ablaufen. Bei der Erneuerung gelten aber nicht mehr die alten Umweltschutzregeln, sondern die deutlich strengeren ökologischen Vorgaben des heutigen Gewässerschutzgesetzes.Die Umsetzung dieser verschärften Gesetzesnormen dürfte laut der Axpo im Minimum zu einem jährlichen Produktionsverlust von 1470 Gigawattstunden führen. Gemessen am gesetzlichen Ausbauziel von 39,2 Terawattstunden bis 2050 entspricht das nicht knapp 2 Prozent, wie in der WSL-Studie, sondern einem Minus von fast 4 Prozent.Und das wäre noch der beste Fall. Sollten die Behörden strengere Vorgaben bei der Wassertiefe für Fische machen, stiege das jährliche Minus bis 2050 auf 1890 Gigawattstunden – das entspräche knapp 5 Prozent der bis dann angestrebten Gesamtproduktion. Müssten Auenlandschaften stärker geschützt werden, wären es gar 2940 Gigawattstunden pro Jahr oder ein Verlust von rund 7,5 Prozent.Für die Axpo-Expertin Nadia Semadeni beruht das optimistische Forschungsergebnis auf praxisfremden Annahmen. Die Forscher gingen etwa davon aus, dass Ausnahmeregelungen die strengeren Restwasservorgaben wettmachen. Daten aus fast vierzig bereits erneuerten Konzessionen bestätigen das laut Semadeni aber nicht: Die Umweltbehörden setzen die Schutzauflagen konsequent durch, Ausnahmen für die Kompensation der Produktionsausfälle gibt es kaum.«Nicht vereinbar» mit den AusbauzielenSemadeni will angesichts der Resultate der Axpo-Studie nicht von einer Entwarnung sprechen, im Gegenteil: «Die heutigen Gewässerschutzanforderungen sind nicht vereinbar mit den energiepolitischen Zielen der Schweiz», sagt die Axpo-Expertin vielmehr.Der Ausbau der Wasserkraftproduktion auf 39,2 Terawattstunden bis 2050 ist erst vor zwei Jahren von der Stimmbevölkerung beschlossen worden. Ausgehend vom heutigen Stand, wäre dafür ein Zubau von 1,8 Terawattstunden notwendig.Bezieht man die von der Axpo errechneten Verluste mit ein, verändert sich die Rechnung grundlegend. Um das gesetzliche Ziel zu erreichen, muss die Schweiz nicht nur 1,8 Terawattstunden zubauen, sondern zusätzlich die von der Axpo berechnete Lücke von fast 1,5 Terawattstunden schliessen – und bei strengeren Umweltvorgaben wäre es gar noch mehr.Der effektive Zubau müsste bis 2050 somit im Minimum knapp 3,3 Terawattstunden betragen. Das entspricht ungefähr der Produktion von fünf neuen, grossen Rheinkraftwerken oder 40 Prozent der Jahresproduktion des Kernkraftwerks Gösgen.Trotz diesen düsteren Aussichten für die Versorgungssicherheit fordert die Axpo keine Abkehr vom Gewässerschutz, wie Semadeni betont. Man wolle aber ein Bewusstsein dafür schaffen, dass der vom Volk beschlossene Ausbau der Wasserkraft nur gelingen könne, wenn Behörden und Umweltverbände die anstehenden Konzessionserneuerungen «mit Augenmass angehen».Das ist laut der Axpo möglich. An ökologisch besonders wertvollen Gewässern mit Fischen oder Auen muss laut Semadeni dem Umwelt- und Artenschutz Priorität eingeräumt werden. Im Gegenzug sollten jedoch weniger anfällige Gebirgsbäche intensiver für die Stromproduktion genutzt werden können.Passend zum Artikel
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