Ezra Acayan / Getty Images AsiaPacDie Erfindung von Kältemaschinen hat alles verändert. Doch der Triumph über die Natur hat einen hohen Preis. Eine kurze Kulturgeschichte der Abkühlung.03.08.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenVor hundert Jahren, im August 1926, schwitzt Washington vor sich hin. Temperaturen über 37 Grad Celsius, dazu eine unerträglich hohe Luftfeuchtigkeit, wie sie in der Stadt am Potomac River nicht selten ist. Der Politbetrieb ist heruntergefahren. Dafür berichtet das Nachrichtenmagazin «Time» über eine wundersame Neuerung im Weissen Haus namens «frigidaire», «mit flossenartigen Kühlschlangen und vier Kompressoren von je einer halben Pferdestärke».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die tägliche Leistung des elektrischen Kühlschranks entspreche einer halben Tonne schmelzenden Eises, heisst es begeistert. Nun könne der Präsident auch um Mitternacht noch ein kaltes Chicken-Sandwich haben. Verantwortlich für die neue Kühle am Sitz des mächtigsten Mannes der Welt ist der Präsident selbst: Calvin Coolidge. Ohnehin ein Meister der Coolness. Sein Wahlkampfslogan ist bis heute legendär: «Keep cool with Coolidge.»Die Anekdote aus der amerikanischen Geschichte mag belustigen, so alltäglich sind Kühlschränke längst geworden. Doch sie steht für die revolutionäre Kraft, mit der die Erfindung der Kältetechnik das Leben der Menschen verändert hat – und es weiter tut.Um die Klimaanlage – die «einflussreichste Innovation des Jahrtausends», wie sie Lee Kuan Yew, der erste Premierminister Singapurs, 1999 genannt hat – tobt in Europa gerade ein Kulturkampf. Schliesslich ist die globale Erwärmung auch in gemässigten Lagen immer stärker spürbar. Das Buch des Historikers Jan Eike Dunkhase kommt da wie gerufen: «Kühle neue Welt». Es ist «eine Geschichte der Moderne», wie es der Untertitel verspricht.Dunkhase zeigt, wie ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine rasant wachsende Kälteindustrie entsteht, die im 20. Jahrhundert ihre gesellschaftliche Durchdringung feiert, vor allem natürlich in Amerika, über dessen heruntergekühlte Restaurants wir Europäer uns noch vor wenigen Jahren lustig machten. Was Historiker wie Salvatore Basile im Buch «Cool» oder Gail Cooper mit «Air-conditioning America» bereits faszinierend erzählten, wird nun für den deutschsprachigen Markt erschlossen und erweitert. Es handelt sich dabei nicht um Technik-, sondern um eine Kulturgeschichte im besten Sinn: An der künstlichen Kühlung hängt längst der ganze Alltag, die Globalisierung, der Kapitalismus, ja: die Zukunft.Doch bis dahin dauerte es lange. Bevor die technische Herstellung von Kälte möglich wird, sind die Menschen allein auf die Natur angewiesen. Und auf ihre Muskelkraft.Das Geschäft mit EisDass bewegte Luft kühlt, wussten schon die frühen Hochkulturen. Seither gibt es Fächer. Das beliebteste und natürlichste Kühlmittel ist aber seit je: Eis. Bereits die alten Römer kühlen damit Wasser und Wein, vor allem dort, wo die Temperaturen hoch, aber Eis relativ leicht zugänglich ist, also bei Vulkanen und Bergen. Wie exklusiv das damals ist, belegt Seneca, der Stoiker und Erzieher von Nero, der das Verhalten als dekadente Verirrung der Elite geisselt.Zum grossen Geschäft wird gefrorenes Wasser indes erst durch einen Amerikaner, dem es im 19. Jahrhundert gelingt, aus «einem an sich wertlosen Material wie natürlichem Eis eine Exportindustrie aufzubauen», wie es der Kulturtheoretiker Sigfried Giedion einmal süffisant formuliert.Frederic Tudor lässt im Nordosten der USA die Eisdecke von Seen abtragen und verschiffen, in die Karibik, aber bald auch nach Kalkutta. Im Jahr 1864 setzt er bereits 65 000 Tonnen ab. Laut dem Historiker Jonathan Rees verdankt «jeder Bereich der modernen Eis- und Kühlindustrie» seine Existenz Tudors «Pionierarbeit zur Beherrschung der Kälte». Durch die Zwischenlagerung seiner Ware in Eishäusern gilt er zudem als Erfinder der Kühlkette.Trotz Exportgeschäft bleiben die USA der wichtigste Verbraucher von Natureis. Nicht zuletzt, weil es ein altes Problem der amerikanischen Fleischwirtschaft löst: Die Viehmassen befinden sich auf den weiten Ebenen des Westens, fernab der Menschenmassen an der Ostküste, die sie konsumieren wollen. Die Kombination aus Schienennetz und Kühlmethode nutzen nun findige Fleischunternehmer, die die Tiere in riesigen Schlachthöfen zerlegen und ihre Bestandteile in neuartige Waggons verfrachten, die mit Eis unter der Decke gekühlt sind.Bald etabliert sich auch ein transatlantischer Fleischhandel, besonders als Mitte des 19. Jahrhunderts Eis- und Kältemaschinen entwickelt werden, in den USA, aber auch in Grossbritannien, Frankreich und Deutschland. Wenn schon mit gefrorenem Wasser Geld zu verdienen ist, wieso nicht gleich Eis herstellen? Es sind Maschinen, die Kälteleistung erzeugen, indem ein gasförmiges Kältemittel mechanisch verdichtet wird und durch anschliessendes Verflüssigen sowie Entspannen im Kreislauf der Umgebung Wärme entzieht.Eine erste technologische Wegmarke sind Kompressionskältemaschinen, die Äther oder Ammoniak als Kältemittel verwenden. Ihre Nutzung beschränkt sich nicht auf den Lebensmittelhandel, der allmählich seine saisonalen und regionalen Beschränkungen überwindet. Kunsteis, das nun in gigantischen Mengen produziert werden kann, geht auch an Spitäler, Restaurants und Privathaushalte. Die deutsche Kälteindustrie verdankt ihren Aufschwung derweil fast gänzlich den Brauereien, die für untergäriges Bier tiefe Temperaturen benötigen.New Deal mit KälteDer Weg zum Kühlschrank für alle ist dann aber hindernisreicher, als man meinen könnte. Einerseits hält sich die Natureisproduktion hartnäckig, andererseits gibt es technologische Schwierigkeiten: Die Kühlanlagen sind gross und schwer; um sie küchentauglich zu machen, muss zuerst ihre Grösse reduziert werden, aber auch der Lärm und das Sicherheitsrisiko. Der revolutionäre Schritt besteht in der Abkopplung von der Dampfmaschine: Das Zeitalter des Haushaltskühlschranks beginnt mit der Elektrifizierung.Erfrischung gefällig? Der Kühlschrank erobert zuerst die amerikanischen Haushalte, dann auch die westeuropäischen, hier ein Bild aus Deutschland aus den 1960er Jahren.Siegfried Pilz / GettyAls einziger Apparat, der ununterbrochen in Betrieb ist, verbraucht der Kühlschrank deutlich mehr Strom als alle anderen Haushaltsgeräte. 1926, in dem Jahr, als das Weisse Haus seinen ersten Kühlschrank erhält, empfiehlt der Verband der amerikanischen Elektrizitätswirtschaft, den Verkauf des Geräts «aggressiv voranzutreiben». Doch erst 20 Prozent aller Haushalte verfügen über Strom. Es braucht schliesslich den Staatsinterventionismus von Franklin Delano Roosevelt, der 1933 Präsident der USA wird: «Jetzt aber ist die Zeit gekommen, wo die Elektrizität in all unsere Häuser vordringen sollte, um die Schufterei des Haushalts zu erleichtern.» Als Beispiel nennt er die elektrische Kühlung.Schon 1940 besitzt fast die Hälfte der amerikanischen Haushalte einen Kühlschrank. «Kein anderer Mensch hat so viel zur Verbreitung des Kühlschranks beigetragen wie Franklin Delano Roosevelt», schreibt der Historiker Dunkhase in «Kühle neue Welt». Tatsächlich ändert sich die häusliche Essensplanung und -zubereitung bald ebenso radikal wie die Einkaufsmöglichkeiten in den überall entstehenden Supermärkten, jenen «Hochburgen der Kühltechnik». In den USA und – mit zeitlicher Verzögerung – im Westen generell.Skeptischer ist der Kühlschrank-Förderer Roosevelt hingegen bei der Klimaanlage. Von der Raumkühlung, die 1930 im Oval Office installiert worden ist, will er selbst an heissen Tagen nichts wissen. Doch damals ist auch noch nicht absehbar, wie flächendeckend und konsequent die Amerikaner ihre Bürotürme, Häuser und Shopping-Malls dereinst kühlen würden.Die Geschichte des Air-Conditionings beginnt um 1900. Schon zuvor gibt es zwar Versuche, eine Maschine zu entwickeln, die einem Raum Wärme entzieht, diese nach draussen ableitet und auch gleich noch die Luftfeuchtigkeit kontrolliert. Aber erst 1902 installiert der gerade einmal 26-jährige Ingenieur Willis Carrier in einer Druckerei in Brooklyn eine Anlage, die nach einem simplen Prinzip funktioniert: Sie bläst Luft mithilfe von Ventilatoren über kaltwassergekühlte Metallrohre, wodurch die Luft abgekühlt und ihr durch Kondensation gleichzeitig die überschüssige Luftfeuchtigkeit entzogen wird.Carrier gilt bis heute als Vater der Klimaanlage, obwohl er nicht den Begriff «air conditioning» (A/C) erfunden hat und auch nicht der Allererste war, wie der Historiker Dunkhase schreibt: Die wahrscheinlich erste funktionstüchtige Klimaanlage hat ein Mann namens Alfred R. Wolff konzipiert, für ein Gebäude in der gleichen Stadt, aber an prominenterer Adresse: Als «New York’s coolest place» wird es gefeiert, als es nach langen Arbeiten 1903 eröffnet wird. Es ist der Neubau der Aktienbörse an der Wall Street – das Herz des Kapitalismus.Dialektik der AbkühlungEs dauert dann allerdings einige Jahre, bis die Segnung schön gekühlter Innenräume zum amerikanischen Allgemeingut wird. Industriezweige, die sich keine schwankende Luftfeuchtigkeit leisten können, setzen zuerst auf A/C.In den 1920er Jahren lockt dann die populärste Kulturinstitution des Landes die Leute in ihre wohltemperierten Räume: die Kinos. Auf der anderen Seite des Atlantiks beobachtet der deutsche «Kältepapst» Rudolf Plank, wie sich die Raumkühlung in den Vereinigten Staaten entwickelt. Es sei tatsächlich nicht einzusehen, schreibt der Ingenieur 1929, «warum man sich in Zukunft nicht ebenso selbstverständlich vor der Sommerhitze wie vor der Winterkälte schützen sollte».Doch selbst in den USA erfolgt die Massenklimatisierung erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. 1955 schreiben die Behörden vor, dass alle neuen staatlichen Gebäude, die über einen längeren Zeitraum Aussentemperaturen von mehr als 26 Grad ausgesetzt sind, klimatisiert sein müssen – was fast das ganze Land betrifft. Die Privaten folgen. 1980 ist bereits die Hälfte der Haushalte mit A/C ausgestattet, heute beträgt die Marktdurchdringung über 90 Prozent.Das hat politische Auswirkungen. Ohne die Klimatechnik wäre weder der wirtschaftliche Aufstieg des amerikanischen «Sun Belt» möglich noch die Migration von Senioren in die Südstaaten, nicht zuletzt nach Florida. Oder wie es der Historiker Dunkhase pointiert: «Auch Mar-a-Lago ist undenkbar ohne Air-Conditioning.»Doch im Gestus der Frankfurter Schule betont er das Grunddilemma des künstlichen Klimas, das von Amerika aus den Globus erobert hat: «Der durch Wärmeaufwand erkaufte Wärmeentzug macht die Welt wärmer. Je mehr gekühlt wird, desto wärmer wird es, desto mehr muss wieder gekühlt werden. Das ist die Dialektik der Abkühlung.»Tatsächlich erzeugt die Kältemaschine neben dem, was sie erzeugen will, zugleich das, was sie bekämpft. Und die schädlichen Treibhausgase stammen ja nicht nur von der Stromerzeugung, sondern auch von den gasförmigen Kältemitteln, die bei der Wartung oder Verschrottung der Klimaanlagen in die Umwelt gelangen.Dabei erleben wir gerade erst das bis jetzt letzte Kapitel in der Geschichte der künstlichen Kälte: Der Kühlungsbedarf der Digitalisierung, des Internets, der Algorithmen, künstlichen Intelligenzen, Netzwerke und Clouds ist massiv und wächst rasant. Schon heute verbrauchen Klimaanlagen die Hälfte des von Serverfarmen benötigten Stroms. Jan Eike Dunkhase schreibt von einer doppelten Künstlichkeit: «Künstliche Intelligenz kann nur funktionieren, wenn sie permanent von künstlicher Kälte umgeben ist. Die kältetechnische Teufelsspirale hat damit eine neue Eskalationsstufe erreicht.» Eine Entwicklung, die uns nach dem gloriosen Siegeszug der Kältemaschinen zu denken geben sollte.Jan Eike Dunkhase. Kühle neue Welt. Eine Geschichte der Moderne. Reclam-Verlag 2026. 288 S., Fr. 39.90.Kühle neue Welt, auch in Schweizer Innenstädten: künstliche Nebelwolke in Zürich.Christoph Ruckstuhl / NZZPassend zum Artikel