Im Kinojahr 1966 kamen zwei auf den ersten Blick unverwandte Filme auf die Leinwand, die zumindest über die Tonspur miteinander verbunden waren. Sergio Leones Spaghetti-Western „The Good, the Bad and the Ugly“ endet als Totentanz aus Staub, Gold, Gier und Gewalt. In der Schlussszene steht Clint Eastwood auf dem Friedhof von Sad Hill in einem Mexican Standoff, das bis heute zum Bildgedächtnis der großen Kinoduelle gehört.Bereits im August war Gillo Pontecorvos „Schlacht um Algier“ auf den Filmfestspielen in Venedig uraufgeführt worden und hatte dort den Goldenen Löwen gewonnen. Auch Pontecorvos bis heute in verschiedenen Milieus legendärer Film erzählt von Gewalt: Hier allerdings nicht als Ritual einsamer Revolvermänner, sondern als vermeintlich nüchterne Chronik des antikolonialen Kampfes, den das algerische Volk gegen seine kolonialen Unterdrücker führt.Trommeln, Marschrhythmen, Klagefiguren und ein musikalischer PulsBeide Regisseure waren Italiener, beide kamen, auf sehr unterschiedliche Weise, aus der antifaschistischen Tradition. Pontecorvo, 1919 in Pisa in eine jüdische großbürgerliche Gelehrtenfamilie geboren, hatte Italien 1938 nach der Einführung der faschistischen Rassengesetze verlassen, sich später dem Widerstand angeschlossen und bis 1956 der Kommunistischen Partei Italiens angehört. Akustisch verbunden sind beide Filme durch einen dritten Italiener: Die Filmmusik stammt in beiden Fällen von Ennio Morricone. Hier wie dort brennt sich der Score nicht weniger tief ins Gedächtnis ein als die Bilder. In Pontecorvos Film sind es Trommeln, Marschrhythmen, Klagefiguren und ein musikalischer Puls, der die Bilder weniger begleitet als mobilisiert und vorantreibt.Filmplakat zu „Schlacht um Algier“ArchivLeone entmythologisierte den Western, Pontecorvo mythologisierte den antikolonialen Befreiungskampf. Leone übernahm die Ikonographie des amerikanischen Westens — Revolverduell, Wüste, Eisenbahn, Kopfgeldjäger, Grenzland — und veränderte ihre moralische Grammatik. Aus der gemeinschaftsbildenden Welt der Western wurde bei ihm ein Universum aus Staub und Gewalt. Pontecorvo verwandelte Staub und Gewalt des algerischen Unabhängigkeitskampfs in einen politischen Mythos. Bilder und Sound seines Films reichen weit über Algerien hinaus, wurden zum global lesbaren Exportschlager. Weltweit wurde die am Neorealismus geschulte, mit Handkamera und Laiendarstellern inszenierte Fiktion wie eine dokumentarische Darstellung gelesen.Attentate, Gegenterror, Folter„Schlacht um Algier“ erzählt einen Ausschnitt des Algerienkriegs, die urbane Kriegsführung zwischen der FLN in der Kasbah der Hauptstadt Algier und den französischen Fallschirmjägern, die 1957 die Netzwerke des Aufstandes mit massiver Gewalt und systematischer Folter brechen, den Krieg jedoch nicht gewinnen können. Im Zentrum stehen Attentate, Gegenterror, Folter, Verhöre, Massenstreik und die Zerschlagung der FLN-Zellen um Ali La Pointe, mit dessen Umzingelung der Film beginnt. Der Film wurde 1965 in Algerien gedreht, mithilfe der jungen algerischen Regierung und unter maßgeblicher Beteiligung Yacef Saadis, eines ehemaligen FLN-Kommandeurs, der sich im Film selbst spielt. Er trug somit von Anfang an den Doppelcharakter von Rekonstruktion und Staatslegende.Der Film endet mit dem Triumph „des Volkes“, er beginnt mit einer Niederlage. Unter Folter verrät ein FLN-Mann das Versteck Ali La Pointes. Französische Fallschirmjäger umstellen das Haus. In einer Wandöffnung kauern La Pointe, eine Frau, ein Kind und ein weiterer Kämpfer. Im Halbdunkel sind die engelsgleichen, im Lichtschein sanft leuchtenden Gesichter der auf den Tod wartenden Widerstandskämpfer erkennbar, draußen die metallische Lautsprecherstimme, die Forderung nach Aufgabe, das Warten auf die Explosion, mit der die Fallschirmjäger das Gebäude sprengen werden.