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Vereinigtes Königreich: Kann dieser Mülleimer gegen Nigel Farage siegen? Bei einer Nachwahl wollen sich Großbritanniens Rechtspopulisten von einem Finanzskandal befreien. Aber sie haben die Rechnung ohne Count Binface gemacht.
Der falsche Graf Count Binface ist eine Kreation des Komikers Jonathan David Harvey Foto: REUTERSEs gibt ein schönes Ritual in der britischen Politik, wenn das Ergebnis einer Wahl feststeht. Traditionell stellen sich dann sämtliche Kandidaten, die in einem Wahlkreis angetreten sind, nebeneinander auf und warten darauf, dass das Ergebnis offiziell verkündet wird. Manchmal ist es spannend, manchmal wenig überraschend. Doch die Geste des gemeinsamen Auftritts der politischen Kontrahenten soll dem Wahlausgang Legitimität verleihen. Es ist ein kleines Stück Symbolik in einem der ältesten demokratischen Systeme der Welt.Wenn sich Nigel Farage in gut zwei Wochen auf einer Bühne im Stimmkreis Clacton an der ostenglischen Nordseeküste aufbauen wird, dürfte die öffentliche Verkündung gleichwohl mehr einer Demütigung gleichen.Denn neben dem Chef der rechtspopulistischen Partei Reform UK werden nicht etwa die Vertreter der traditionellen politischen Klasse wie der Labour-Partei oder den Konservativen stehen, sondern vor allem Unbekannte und Witzfiguren. Insgesamt 34 Kandidaten haben sich für die Nachwahl in Essex aufgestellt. Doch außer Farage vertritt nicht einer von ihnen eine Partei, die bereits im Unterhaus in London vertreten ist. Dafür hat allein die satirische Official Monster Raving Loony Party drei Vertreter ins Rennen geschickt. Und dann wäre da natürlich noch Farages prominentester Herausforderer: ein Komiker in einem Weltraumanzug mit einem Mülleimer auf dem Kopf. Sein Nom de guerre: Count Binface.Großbritannien Burnham erbt die Macht in London – und drei Krisen zugleich von Julian HeißlerDer falsche Graf ist mittlerweile eine feste Größe in der britischen Politik. Immer wieder tritt er bei prominenten Wahlen an, zuletzt etwa gegen Neu-Premier Andy Burnham, der erst im Juni nach langen Jahren als Bürgermeister von Greater Manchester ins Unterhaus zurückkehrte. Der Labour-Politiker holte damals fast 25.000 Stimmen, Count Binface 95. Kein gutes Ergebnis für den Scherzkandidaten. Schließlich hatte er noch 2024, als er gegen den damaligen Regierungschef Rishi Sunak im Wahlkreis Richmond and Northallerton angetreten war, noch 308 Stimmen geholt – und beim Wettkampf um das Amt des Bürgermeisters von London im selben Jahr gar mehr als 24.000. Stadtoberhaupt Sadiq Kahn hatte allerdings mehr als eine Million Wähler von sich überzeugt.Der Scherzkandidat und die Krise von Reform UKDamit ist Count Binface, eine Kreation des Komikers Jonathan David Harvey, in der Regel nicht viel mehr als eine Fußnote des für seinen Exzentrismus bekannten britischen Systems. Scherzkandidaturen sind hier nicht selten. Denn die Anforderungen, um auf einem Wahlzettel zu erscheinen, sind sehr lax. Man braucht nicht viel mehr als einen britischen Pass und eine Kaution von 500 Pfund. In der Regel enden solche Kandidaturen dann nur knapp über der statistischen Wahrnehmungsgrenze. Doch in Clacton könnte sich das ändern. Und das hat weniger mit Count Binface zu tun als mit seinem Gegner.Rücktritt von Keir Starmer Großbritanniens neuer Premier? Wird wohl „soft links“ von Julian HeißlerDenn dass in Clacton überhaupt gewählt werden muss, ist die Folge eines politischen Stunts von Nigel Farage. Der Parteichef von Reform UK steckte mitten in einem Finanzskandal, nachdem bekannt geworden war, dass ein in Thailand lebender Kryptounternehmer dem Rechtspopulisten fünf Millionen Pfund hatte zukommen lassen, die dieser nicht angegeben hatte. Auch seine Beziehungen zu einem anderen, wegen Betrugs verurteilten Kryptounternehmer rückten in den Fokus der Öffentlichkeit. Das Parlament leitete eine Untersuchung ein.Farage reagierte wütend: „Ich habe den Eindruck, dass das Establishment nun zu dem Schluss gekommen ist, dass es uns auf faire Weise nicht besiegen kann, und sich daher für unlautere Mittel entschieden hat“, sagte er in einer Videoansprache an seine Wähler. Dann kündigte er an, als Abgeordneter des Wahlkreises Clacton zurückzutreten und bei der darauf folgenden Nachwahl erneut antreten zu wollen. Dies, so das Kalkül, könnte die Untersuchung seiner Finanzen beenden und ihm einen politischen Sieg einbringen. „Ich habe beschlossen, dass die Einwohner von Clacton über mein Handeln urteilen sollen“, so Farage. „Diese Nachwahl wird ein Kampf zwischen dem Volk und dem Establishment sein.“Liz Truss „Die Probleme Großbritanniens sind nicht geschrumpft. Sie sind schlimmer geworden“ von Julian HeißlerDoch das Establishment wollte nicht mitspielen. „Niemand wird sich auf diesen politischen Trick von Nigel Farage einlassen, denn er will sich einfach nur den Regeln entziehen, die für alle gelten“, so die damalige Außenministerin Yvette Cooper. Auch die Vorsitzende der Konservativen, Kemi Badenoch, erklärte, ihre Partei werde sich nicht an „der Scheinwahl beteiligen, die Nigel Farage inszeniert, um die Menschen von den aktuellen Ereignissen abzulenken“. Die anderen in Westminster vertretenen Parteien schlossen sich an – und machten so den Weg frei für die Unabhängigen und Scherzkandidaten. Allen voran: Count Binface.Kein Ende in SichtKann er gewinnen? Ein großer Teil der britischen Öffentlichkeit hätte zumindest nichts dagegen. So kam eine Umfrage des Ipsos-Instituts zu dem Ergebnis, dass ein Drittel der Bevölkerung des Vereinigten Königreichs Count Binface den Sieg in Clacton gönnen würde, Farage hingegen nur 21 Prozent. Überhaupt hat Reform UK zuletzt an Zustimmung verloren. Seitdem Andy Burnham den glücklosen Keir Starmer in 10 Downing Street abgelöst hat, steigen etwa die Umfragewerte der Regierungspartei wieder. In einigen Erhebungen liegt Labour sogar schon wieder auf Platz eins.In Clacton selbst dürfte die Stimmung gleichwohl anders ausfallen. Der Wahlkreis zählt zu den absoluten Reform-UK-Hochburgen. 2024 gewann Farage hier deutlich, die Buchmacher der Insel sehen ihn auch heute wieder vorne. Doch dass er sich – wie erhofft – durch die Nachwahl von seinen Finanzskandalen befreien kann, danach sieht es nicht aus. Die Untersuchung im Parlament dürfte nach seiner wahrscheinlichen Rückkehr nach Westminster wieder aufgenommen werden. Am Ende könnte gar ein Prozess stehen, der Farage erneut aus dem Parlament verbannt. Dann stünde in Clacton eine zweite Nachwahl an, an der wohl auch die etablierten Parteien wieder teilnehmen würden.Und höchstwahrscheinlich auch Count Binface. Mehr zum Thema Unsere Partner Anzeige Stellenmarkt Die besten Jobs auf Handelsblatt.com Anzeige ImmoScout Jetzt kostenlos den Wert deiner Immobilie ermitteln Anzeige IT BOLTWISE Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik Anzeige Remind.me Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s Anzeige Presseportal Lesen Sie die News führender Unternehmen! Anzeige Bellevue Ferienhaus Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen Anzeige Übersicht Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche Anzeige Finanzvergleich Die besten Produkte im Überblick








