Nigel Farages ärgster Gegner ist eine Mülltonne – wer ist Count Binface?Nachdem der Chef von Reform UK eine vorgezogene Wahl in Clacton-on-Sea erzwungen hat, wird sein einziger Rivale voraussichtlich ein Spasskandidat sein, der Farages Kalkül zunichtemacht.11.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenCount Binface ist schon bei mehreren Wahlen angetreten. Hinter der Figur verbirgt sich der Satiriker Jonathan Harvey.Adam Vaughan / EPAEigentlich wollte Nigel Farage eine Wahl nach dem Motto «Das Volk gegen das Establishment» inszenieren. Nun tritt er gegen einen Abfallkübel an.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das kam so: Wegen einer Kontroverse um Parteispenden in Millionenhöhe geriet Farage, der Chef der rechtsnationalistischen Partei Reform UK, immer mehr unter Beschuss. Er zog die Notbremse mit einem – wie er wohl dachte – genialen Schachzug. Er trat als Abgeordneter des Wahlkreises Clacton-on-Sea zurück, um damit eine Neuwahl zu erzwingen, und versprach, gleich wieder anzutreten.Farages Kalkül: Nicht die Richter, Journalisten und Politiker sollen über ihn urteilen, sondern das einfache Volk. Die anderen Parteien machten jedoch nicht mit. Labour, Konservative, Liberaldemokraten, Grüne sowie die Rechtsaussenpartei Restore Britain entschieden, keinen Kandidaten ins Rennen zu schicken, das sie als Spektakel und Ablenkungsmanöver Farages betrachten.Nigel Farage, der Parteichef von Reform UK, hat diese Woche seinen Rücktritt als Parlamentarier verkündet. In der Nachwahl will er allerdings wieder antreten.Jack Taylor / ReutersDer Boykott war die perfekte Chance für Count Binface. Mit den Worten «Überlasst ihn mir!» präsentierte er sich als Herausforderer und versprach, als «Kandidat der Einheit» anzutreten.Die Slogans sind teils dadaistisch, teils ernstCount Binface (Graf Mülleimer-Gesicht) ist eine Politikerparodie, ein Spasskandidat, der immer wieder bei Wahlen antritt. Zuletzt in der Nachwahl in Makerfield gegen Andy Burnham, den wahrscheinlich künftigen Premierminister. Count Binface trägt einen Mülleimer mit einem leuchtenden Sehschlitz auf dem Kopf und ein silbernes Cape. Hinter der Verkleidung verbirgt sich der Londoner Comedian Jonathan Harvey, der auch Drehbücher für die beliebten Satireshows «The Thick of It» oder «Have I Got News for You» verfasst.Jonathan David Harvey.PDCount Binface beschreibt sich als intergalaktischen, 5900 Jahre alten Weltraumkrieger und Anführer der «Recyclons» vom Planeten Sigma IX. Seine Wahlversprechen mischen absurde mit echten Anliegen. So kündigte er zum Beispiel an, mindestens ein bezahlbares Haus in Grossbritannien zu bauen, oder forderte eine Abstimmung darüber, ob man nochmals über den Brexit abstimmen solle.Weitere Versprechen sind: die Verstaatlichung der Sängerin Adele, die Abschaffung des Oberhauses und des Videoassistenten im Fussball, die Einführung eines Stimmrechtsalters von minimal 16 und maximal 80 Jahren sowie die Beschränkung des Ministerlohnes auf denjenigen von Krankenpflegern. Zudem fordert er, dass die Verantwortlichen der Wasserbehörde der Themse ein Bad im verschmutzten Fluss nehmen müssen. Berühmt wurde auch sein Slogan: «Stimmt für Count Binface, um die eigenen Steuern zu kürzen und alle andern zu erhöhen.»Er sagt, er sei noch nie in Clacton gewesen, aber er habe gehört, das sei eine Voraussetzung dafür, den Wahlkreis zu vertreten – eine Anspielung darauf, dass sich Farage offenbar höchst selten in «seinem» Clacton sehen lässt.Count Binface (links) mit Andy Burnham (Mitte) und einem verkleideten Kandidaten mit dem Slogan «Protect British Wildlife» (rechts) nach der Wahl in Makerfield am 19. Juni.Jon Super / AP«Ich bin nicht Nigel Farage»Kemi Badenoch, die Vorsitzende der Konservativen, sagte: Wenn es bei der Nachwahl um einen Kampf zwischen Volk und Elite gehe, sei Binface wahrscheinlich der Kandidat des Volkes. Rachel Reeves, die Finanzministerin der Labour-Regierung, schrieb in den sozialen Netzwerken: «Wenn Farage den Sommer damit verbringen will, mit einem Mülleimer zu streiten, möchte ich ihn nicht davon abhalten.»Eigentlich deutete alles auf einen klaren Sieg von Farage und eine Niederlage seiner Gegner bei der Nachwahl hin, die innert der nächsten 35 Tage stattfinden soll. Clacton gilt als Reform-UK-Hochburg. Dass nun sein einziger Gegner ein Abfallkübel sein wird, durchkreuzt das geplante Spektakel.«Ich bin nicht Nigel Farage», sagte Count Binface. «Das ist das Hauptargument, für mich zu stimmen.» Bisher ist er bei den Wahlen nie zu einer ernsten Konkurrenz für die Favoriten geworden. Da nun jedoch fast alle Farage-Gegner für ihn stimmen dürften, könnte er für den Reform-UK-Chef tatsächlich gefährlich werden. Einziges Problem: Abgeordnete dürfen im Parlament keine Kopfbedeckung tragen.Passend zum Artikel