«Deutschland hat die Rechtspopulisten, die es verdient hat»: Für den Politikwissenschafter Christian Stecker ist die Brandmauer ein Irrweg. Er plädiert für Minderheitsregierungen und wechselnde MehrheitenAm 6. September wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Die Rechtsaussenpartei AfD könnte dann erstmals ein deutsches Bundesland übernehmen. Höchste Zeit, das Regieren mit zerstrittenen Koalitionen zu überdenken und sich ein Beispiel an Skandinavien und der Schweiz zu nehmen, erklärt der Politologe Stecker im Interview.02.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenHinter der Brandmauer wurden sie nur immer stärker: Die Parteichefs der Alternative für Deutschland, Tino Chrupalla und Alice Weidel.Hannibal Hanschke / EPANZZ AM SONNTAG: Die Zukunft des Kanzlers und seiner Regierung scheint nach dieser Woche noch unsicherer: Kabinettsumbildung verstolpert, viel Unmut in der CDU über den Chef, Friedrich Merz, die Koalition sowieso ohne Mehrheit in den Umfragen, und in fünf Wochen, bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, droht den Regierungsparteien eine historische Niederlage gegen die AfD. Alles ziemlich verfahren, oder?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.CHRISTIAN STECKER: Ja, aus meiner Sicht gelangt die AfD jetzt in Sachsen-Anhalt in die Nähe der absoluten Mehrheit, weil sie hinter der Brandmauer eine so attraktive Alternative wurde. Für viele ist sie die einzige Kraft, die nicht in dieses Verschleissgeschäft Politik gezogen wurde, was Politik heute, in Zeiten schrumpfenden Wohlstands, eben ist. Die Menschen in Sachsen-Anhalt wählen die AfD wegen ihrer Positionen, aber am Ende auch wegen ihrer Ablehnung der etablierten Parteien. Das könnte zu der grotesken Situation führen, dass die AfD aus einer Fundamentalopposition in das Gegenteil rutscht, in die alleinige Regierungsverantwortung, und diese auch noch völlig ressentimentgeladen betreiben könnte. Das hat uns die Brandmauer beschert.Die Isolierung dieser Rechtsaussenpartei war also ein kapitaler Fehler?Es war ein Irrweg. Die effektivste Brandmauer gegen extreme politische Positionen wäre die Beachtung von Pluralismus und Mehrheitsprinzip gewesen. Hätte man die AfD früh in den politischen Wettbewerb hineingezogen, wäre sie niemals so gross und eventuell auch niemals so radikal geworden. Die Republik hat jetzt gewissermassen die Rechtspopulisten, die sie verdient hat. Denn die heutige AfD ist auch ein Produkt des politischen Wettbewerbs, der in erster Linie von den Mehrheitsparteien strukturiert wurde. CDU, SPD und Grüne haben diesen Wettbewerb als hermetischen Ausschluss betrieben. Sie sind damit gescheitert und haben eine enorme gesellschaftliche Spaltung befördert.Sie schlagen einen anderen Weg vor: Regieren mit flexiblen Mehrheiten. Minderheitsregierungen, die für politische Vorhaben fallweise Unterstützung bei einer anderen Partei suchen – auch bei der AfD. Warum sollte das besser sein?Weil es den Parteien selbst nützt und den Alltagsverstand vieler Wähler eher ansprechen würde. Nehmen wir zum Beispiel die geplante Arbeitsmarktreform der schwarz-roten Bundesregierung. Einige linke Sozialdemokraten würden sagen, dass die SPD hier ihren eigenen Markenkern noch ein Stück mehr aufgibt. In einer anderen Welt, jener der flexiblen Mehrheiten, würde die SPD diese Reform, die wahrscheinlich im Bundestag mehrheitsfähig ist, anderen Parteien überlassen, in dieser Angelegenheit also verlieren und dagegen wettern. Doch ihr politisches Profil würde sie in diesem Punkt wahren können. In einer Welt flexibler Parlamentsmehrheiten würde eine Partei schauen: Wo kann man dabei sein und eigene Projekte unverfälscht verwirklichen, und wo hält man sich lieber raus, auch wenn man dann bei einem Thema verliert?Zur PersonRuediger DunkerDer aus Ostdeutschland stammende Politikwissenschafter lehrt als Professor an der TU Darmstadt. Der 46-Jährige beschäftigt sich vor allem mit dem politischen System der Bundesrepublik Deutschland. Anfang des Jahres erschien sein Buch «Ohne Koalitionskorsett und Brandmauern. Wie flexible Mehrheiten die Demokratie stärken».Minderheitsregierungen und wechselnde Mehrheiten sind in Deutschland verpönt, anders als in Skandinavien. Das gilt als schwach und unseriös. Wie wollen Sie die Leute überzeugen?Es ist ja ein Aberglaube, dass die Mehrheitskoalition der Hort der Stabilität wäre. Die SPD hat sich in den Jahren von Angela Merkel in der Koalition mit der CDU verschlissen. Die gegenwärtige Koalition sieht auch nicht besonders stabil aus. Die «Ampel» ist geplatzt wegen des Zwangs zur Einigung, des ständigen Hinquälens zu Kompromissen, die den eigenen Wählerinnen und Wählern nicht zu vermitteln waren.Sie nennen dies das «Koalitionskorsett».Ja, das ist also praktisch eine Einladung zum dauernden Streiten. Man hat eigentlich eingesehen, dass man das geräuschloser betreiben müsste. Aber das gelingt einfach nicht. In vielen Themen stehen CDU und SPD doch an ganz unterschiedlichen Enden des politischen Spektrums, haben eine ganz andere Meinung, müssen sich aber doch zur Einigkeit zwingen. Für Leute, die Politik nur aus dem Augenwinkel verfolgen, macht es diese zu einem zynischen Spiel. Man weiss, am Ende einigen die Koalitionäre sich sowieso irgendwie und machen alles gemeinsam. Aber zuvor wird noch grossartig herumgestritten.«In einer Demokratie müssen wir uns auf Ungewissheiten einlassen. Das nimmt uns auch kein Verfassungsschutz ab.»Friedrich Merz hat es einmal mit wechselnden Mehrheiten probiert, noch als Oppositionsführer im Bundestag Anfang 2025. Er brachte einen Antrag zur Verschärfung der Migrationspolitik durch und war dann selbst unglücklich darüber, weil dies mit den Stimmen der AfD gelungen war. Der Fraktionschef der SPD rief danach empört, das Tor zur Hölle sei geöffnet worden.Darunter macht man es ja nicht mehr.Das wird also schwierig mit Ihrer Idee von Minderheitsregierung, flottierenden Mehrheiten und «Themendemokratie».Es ist ein gewisses Mass an Utopie dabei, das erkenne ich an, es ist eine grosse Hürde im Verständnis der Parteien. Aber das ist der intellektuelle Sprung, den man als Parteipolitiker eben machen müsste: nach einer solchen Abstimmung wie jener über die Migrationspolitik zu sagen, dass man am nächsten Tag wieder dabei sei bei der Zusammenarbeit in anderen Themen.Merz hat sich die Finger verbrannt mit seiner Abstimmung zur Migrationspolitik.Merz hat hier einen grossen strategischen Fehler gemacht. Also entweder nimmt man diese Mehrheit mit der AfD nicht billigend in Kauf. Oder man macht es und schämt sich dann nicht dafür, dass man in einem demokratisch gewählten Parlament eine Mehrheit für ein eigenes Anliegen erlangt hat.Bundeskanzler Friedrich Merz nach einer Sondersitzung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.Clemens Bilan / EPADas Problem ist ja die AfD. Wie kann man eine Partei in Mehrheitsentscheidungen einbinden, die zu grossen Teilen vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft wird? Die demzufolge gegen das Demokratie- und das Rechtsstaatsprinzip verstösst, gegen die Garantie der Menschenwürde?Die etwas saloppe Antwort lautet: Was bleibt anderes übrig, als den Umstand zu akzeptieren, dass viele Wählerinnen und Wähler sich von der AfD besser vertreten fühlen als von anderen Parteien? Das ist Pluralismus. Ich erkenne an, dass die AfD in Teilen in Richtung rechtsextrem ausgefranst ist. Aber wir wissen nicht, inwieweit die AfD die Demokratie abschaffen wollte oder Andersdenkende politisch verfolgen würde. Diese Angst wird ja auch eigeninteressiert von ihren politischen Wettbewerbern geschürt und ist meines Erachtens übertrieben. In einer Demokratie müssen wir uns auch auf Ungewissheiten einlassen. Das nimmt uns auch kein Verfassungsschutz ab.Probieren wir es also einfach einmal aus mit der AfD und schauen, was passiert?Mein Argument ist ein Argument für flexible Mehrheiten in der Demokratie, und ich habe es schon 2012, 2013 vertreten, als die AfD völlig irrelevant war. Jetzt haben wir eine Situation, in der diese Partei nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt allein die Regierung übernehmen könnte und sich die Frage flexibler Mehrheiten unter diesen Umständen hier gar nicht mehr stellt. Das ist für mich die Tragik dieser Politik der Brandmauer.Spielen wir die Möglichkeiten des Regierens mit wechselnden Mehrheiten im Bundestag durch. Die Union mit ihrem Wahlergebnis von 28 Prozent wäre der Spielmacher, richtig?Es braucht natürlich politische Führung und jemanden, der das organisiert. Da drängt sich häufig eine Partei der Mitte auf. Das sieht man in Skandinavien, wo nicht unbedingt die stärkste Partei regiert, sondern jene, die nach links und rechts Mehrheiten bilden kann. Man müsste nicht mehr fetischartig am Einigungszwang einer Koalition festhalten. Aber diesen Zwang aufzugeben, bedeutet ja nicht, sofort in eine chaotische Welt zu wechseln, in der sich bei jeder Abstimmung neue Mehrheiten bilden. Der Kompromiss bleibt, aber er wird eben politisch profilschonender im gesamten Parlament gesucht.Es gibt nur noch Gewinner, jeder darf ein bisschen mitregieren?Ich finde diese Idee von Inklusivität sehr attraktiv. Man ist nicht mehr für vier Jahre entweder Regierung oder Opposition, sondern man kann bei Themen, die einer Partei wichtig sind, auch einmal Teil der Mehrheit sein, und am nächsten Tag verliert man eben wieder. Ich will ja als Wähler auch demokratische Teilhabe erleben, indem meine Partei einmal mitregiert. Die Schweiz ist relativ nah an diesem Modell. Die Bundesräte sind nach der Zauberformel sozusagen eine Allparteienregierung. Sieht man sich aber die parlamentarischen Abstimmungen an, kann man flexible Mehrheiten erkennen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel