Wo die Geschichten nie ausgehen: Wieso Neapel die Literatur Italiens prägtDie Metropole ist im vergangenen Jahrzehnt zu einem Tourismus-Hotspot geworden. Das hat viel mit ihren Autorinnen und Autoren zu tun, allen voran Elena Ferrante, deren «Meine geniale Freundin» zum Welterfolg wurde.02.08.2026, 05.30 Uhr7 Leseminuten«Made in Naples» steht auf der Mauer. In der Tat: Die Stadt am Golf ist künstlerisch äusserst produktiv.Napolipress/ImagoDie neuste Offenbarung heisst Gianni Solla. Anfang Juni ist «La memoria delle foglie» erschienen, frei übersetzt: «Das Gedächtnis des Laubs». Nach wenigen Seiten wird klar: Es ist ein berührendes Buch, genau wie seine bisherigen vier Romane.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Lorenzo hat früh seine Frau verloren und die Kinder alleine grossgezogen. Inzwischen wird er bald Grossvater, ist nun aber auch seinen Job los. Um neu anzufangen, geht er an den Ort seiner Kindheit zurück – zu jener Gärtnerei mitten in Neapel, die einst seinen Eltern gehört hatte. Im Gewächshaus, das nach Erde und Feuchtigkeit riecht, liegen seine Wurzeln. Findet er dort wieder Halt?Er versucht es zumindest, zusammen mit dem neuen Besitzer Renato, einem einstigen Dichter, und dessen Hund Pitagora. Lorenzo packt im Laden mit an. Gemeinsam säen sie Optimismus in ihre Leben. Auch in dasjenige von Pitagora. Er wedelt mit dem Schwanz und fährt gern in Lorenzos Auto mit.Gianni Solla erzählt Lorenzos fragile Familiengeschichte behutsam, als würde er eine Staude festbinden, sie vor dem Umknicken bewahren. Die Sätze sind kompakt wie Cherrytomaten, der Inhalt intensiv im Geschmack.Wut und WunderSolla hat einen eigenen Sound, den seiner Stadt. Neapel. Das ist elektrisierende Energie über dem vulkanischen Untergrund und vor atemberaubender Kulisse: Der Vesuv zeichnet eine sinnliche Kurve am Horizont, der Golf umarmt das Meer, der Hafen pulsiert. Um ihn herum glänzen die barocken Palazzi dicht neben den bröckelnden Rioni, den Quartieren dieses mystischen Ortes, wo sich jährlich das Blut des Stadtheiligen San Gennaro verflüssigt. Und wo die Camorra genauso das Blut fliessen lässt. Hier koexistieren Wut und Wunder – die Stoffe, aus denen Literatur gemacht ist.Vielleicht überrascht uns Neapel deshalb immer wieder mit neuen Autorinnen und Autoren. Wie kaum eine andere Stadt prägt die Metropole des Mezzogiorno die Literatur Italiens und darüber hinaus. Das ist seit Jahrhunderten so: von Vergil in der Antike bis Luciano De Crescenzo in der Moderne.Und auch heute erstaunt die Stadt mit einer Vielzahl an zeitgenössischen Grössen. Erri De Luca liefert seit den achtziger Jahren Weltliteratur, Maurizio De Giovanni begeistert mit Krimis und den daraus entstehenden TV-Serien, Viola Ardone wurde 2018 schon vor der Publikation von «Il treno dei bambini» an der Frankfurter Buchmesse zum hoch gehandelten Talent. Ihr Buch «Ein Zug voller Hoffnung» wurde in insgesamt 35 Sprachen übersetzt.Mehr noch: Da sind die literarischen Reportagen und Mafia-Enthüllungen von Roberto Saviano, die leichtfüssig-tiefgründigen Geschichten von Lorenzo Marone, die eindringlich-kunstvolle Sprache Valeria Parrellas. Damit ist der absolute Weltstar noch gar nicht erwähnt, Elena Ferrante. Wer tatsächlich hinter dem Pseudonym steckt, ist weiterhin ungeklärt. Was wir kennen, sind aber ihre Verkaufszahlen. Laut dem Stammverlag Edizioni e/o wurde allein die Tetralogie rund um «Meine geniale Freundin» weltweit 22 Millionen Mal verkauft und in mehr als 50 Sprachen übersetzt.«Real, aufrichtig und ehrlich»«Meine geniale Freundin» hat Neapel verändert. Im letzten Jahrzehnt erlebte die Stadt einen Boom, der an Overtourism grenzt. Einst wegen Sicherheitsbedenken gemieden, ist Neapel inzwischen die italienische Stadt mit der zweithöchsten Aufenthaltsdauer nach Rom. Das hat mehrere Gründe: ihre Piazze, ihre Pizze, ihre populären Inhalte, wie die explodierende Rap-Szene oder den Kult um den 2020 verstorbenen Fussballgott Diego Armando Maradona.Aber auch Elena Ferrante. Zu ihr gibt es längst spezielle Literaturführungen. Stadtrat Carlo Puca ist verantwortlich für das Image Neapels. Er sagt: «Immer mehr Touristen kommen in die Stadt, um die Orte und Schauplätze zu besuchen, von denen in den Büchern von Elena Ferrante, Maurizio De Giovanni, Viola Ardone, Roberto Saviano und anderen die Rede ist.»Verfilmungen ihrer Werke, wie «The Hand of God» von Paolo Sorrentino, haben dies verstärkt. Der Filmtourismus sei «heute eines der interessantesten Phänomene der Kulturwirtschaft», sagt Carlo Puca. Neapel habe sich dadurch international als authentischer Ort etabliert, «reich an Kontrasten, Geschichten und Identitäten». Das Storytelling der neapolitanischen Künstler zeige nicht nur die Tradition, sondern auch die komplexen und schwierigen Seiten der Stadt: «real, aufrichtig und ehrlich». Mehr als zweitausend CliffhangerWie eben Elena Ferrante. In der Saga von Lila und Lenù geht es um sozialen Aufstieg, Feminismus, Selbstbestimmung, Freundschaft, letztlich auch um die Geschichte Italiens seit der Nachkriegszeit. Diese universellen Themen bekommen mit der Kulisse des ärmlichen Viertels, dem Rione Luzzatti am Rande des Bahnhofs, eine besondere Wucht.Immer wieder geschieht in diesen dunklen Gassen oder in der gleissenden Sonne an der Strandpromenade etwas Überraschendes, Unerhörtes, auch Verstörendes. Seite um Seite, Kapitel um Kapitel, Band um Band – mehr als zweitausend Cliffhanger lang. Dass daraus der Hashtag #Ferrantefever entstand, passt zum Sog der fieberhaften Erzählung.«Meine geniale Freundin» ist ein Paradebeispiel für den Reichtum an Geschichten dieser genialen Stadt. Wieso sie diese liefert, verrät uns Maurizio De Giovanni. Der 68-Jährige ist einer der produktivsten und erfolgreichsten Autoren Neapels mit über 60 Romanen und Erzählungen – hinzu kommen Theaterstücke und Drehbücher für Adaptationen seiner zwei Krimireihen rund um die Kommissare Ricciardi oder Lojacono.Die Stadt sei aus einem bestimmten Grund literarisch derart fruchtbar, sagt De Giovanni. «Unsere Quartiere sind eng, deshalb ist die Interaktion unter den Menschen konstant und lärmig.» Während De Giovanni am Telefon spricht, merkt man die Lust an, seine Heimat zu erklären, ernst und gewitzt. «Dank dem milden Klima können wir zehn Monate lang im Jahr die Fenster offen halten.» Das führe dazu, dass man in den schmalen Gassen auch alles von den Nachbarn mitbekomme. «So werden wir zwangsläufig Teil der Familie gegenüber.»Für ihn gäbe es viele Gründe, um nach Mailand oder Rom zu ziehen, sagt De Giovanni. Dort sind die grossen Verlagshäuser daheim, die wichtigen Filmproduzenten. Dort ist die mediale Aufmerksamkeit grösser. «Das wäre bequem. Aber ich würde nicht mehr schreiben.»Denn Neapel bereichert auch durch die soziale Durchmischung. In Mailand oder Turin brauche man eine Stunde, um von der Stadtmitte in die Agglomeration zu gelangen. «Bei uns ist die Peripherie mitten im Zentrum», sagt De Giovanni. Berüchtigte Quartiere wie der Rione Sanità oder die Spagnoli liegen im Herzen der Stadt. Es gebe Wohnhäuser, in denen bis zu vier verschiedene Einkommensklassen gleichzeitig lebten. «Innerhalb weniger Meter spielen sich Tragödien und Komödien ab. Es ist unmöglich, dass einem hier die Geschichten ausgehen.»Auch Gianni Sollas neuster Roman zeigt dieses Spannungsfeld. In einer Szene fährt der Ich-Erzähler Lorenzo von seinem noblen Wohnquartier zurück zum ärmlichen Rione seiner Vergangenheit und zur Arbeit in die alte Gärtnerei. «Die Strasse [. . .] verbindet zwei sehr unterschiedliche Stadtteile miteinander, und nur wer hier geboren ist, kann die unterirdische Materie spüren, die sie verbindet.»Am Ende zeigt sich: Lorenzo hatte recht. In der Gärtnerei spriesst etwas: Hoffnung. Mitten im verwahrlosten Quartier hat sie jahrzehntelang überlebt. Nun hat Lorenzo geholfen, sie zu renovieren, zu vergrössern. Sie wird zum Zufluchtsort für seine Tochter und die Enkelin, die dort einziehen. Es wächst etwas Neues heran. Das hat Neapel offenbar an sich.Neapolitanisch für Anfänger: Vier LesetippsKurzversion des WelterfolgsFür einige mögen die vier dicken Bände und der ganze Hype um «Meine geniale Freundin» abschreckend wirken. Wer trotzdem wissen will, was im mysteriösen Pseudonym Elena Ferrante steckt, bekommt mit «Frau im Dunkeln» eine anschauliche, tiefgründige und sprachlich brillante Kurzversion der später erschienenen Tetralogie geliefert. Der novellenartige Text dreht sich um eine Puppe, die beim Welterfolg ebenso am Anfang steht. Auf den rund 190 Seiten kommen in anderem Setting und mit wesensverwandten Figuren viele Themen vor, die Ferrante später so populär gemacht haben: Liebe, Leidenschaft, Betrug, die Flucht aus der rauen Realität Neapels ins kultivierte Akademikerleben und damit auch aus dem scheinbar vorgegebenen Pfad der Frau als Mutter. Diese Gegensätze zwischen Erwartungen der Gesellschaft und weiblichem Begehren lässt Ferrante an einem Strand aufeinanderprallen – mit dramatischem Ende.Prägende Ferien auf IschiaIn seinen Jugendjahren war er linker Aktivist, Fabrik- und Bauarbeiter. Politisch ist Erri De Luca auch mit weit über 70 geblieben. Jüngst stand er im Zentrum einer Polemik, weil er sich als Zionist bezeichnete und es ablehnte, Israels Krieg in Gaza einen «Genozid» zu nennen. Das machte De Luca zur umstrittenen Figur. Unbestritten bleibt, dass er unter den zeitgenössischen Autoren Neapels einer der grössten Poeten ist. Seine Prosa grenzt an Lyrik und ist mindestens so schön wie der Anblick des Golfs dieser Stadt bei Vollmondschein. Eines seiner zugänglichsten Werke ist «Fische schliessen nie die Augen». Ein Kleinod über die erste Liebe, das Erwachsenwerden und einen unvergesslichen Sommer auf Ischia.Schreiben, um zu überlebenEin Thema kommt in Gianni Sollas Romanen immer wieder vor: das Schreiben. So auch im fulminanten und tragikomischen Roman «Tempesta Madre». Darin gibt Jacopo die Abgründe seiner psychisch kranken Mutter in Schulaufsätzen preis oder kritzelt in der Gefrierzelle der Metzgerei seines Vaters Gedichte aufs Packpapier, mit dem das Fleisch eingewickelt wird. In ganz anderer Umgebung spielt sich «Bei Licht ist alles zerbrechlich» ab, der bisher einzige Text Sollas, der auf Deutsch übersetzt wurde. Im bitterarmen Süditalien zur Zeit des Faschismus entkommt Davide der Schweinefarm seines brachialen Vaters – unter anderem auch, weil er am Markt Hefte klaut und mithilfe seiner Freunde schreiben und lesen lernt. Später wird er im versehrten Neapel der Nachkriegszeit Autor und Schauspieler. Es sind die Worte und Geschichten, die ihn retten.Freiheit im GefängnisVor Neapel liegen die beliebten Inseln Capri, Ischia und Procida. Dann gibt es auch noch Nisida. Man nennt sie die «Insel, die es nicht gibt». Auf ihr befindet sich die Jugendstrafanstalt. Valeria Parrella lässt ihren Roman «Versprechen kann ich nichts» in diesem Gefängnis spielen und macht aus einem Ort der Isolation einen der Verbindung. Die Mathematiklehrerin Elisabetta Maiorano sucht nach dem frühen Tod ihres Mannes einen neuen Sinn im Leben und unterrichtet Häftlinge. Dabei lernt sie die 16-jährige Almarina kennen – von allen verlassen, missbraucht, misshandelt. Zwischen der kinderlosen Lehrerin und der elternlosen Schülerin entsteht eine besondere Beziehung und die grosse Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft. Ein wunderbar musikalischer, zärtlicher Roman mit tiefen Gedankengängen. Voller Menschlichkeit. Wie Neapel.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Wo die Geschichten nie ausgehen: Wie Neapel die Literatur Italiens prägt
Die Metropole ist im vergangenen Jahrzehnt zu einem Tourismus-Hotspot geworden. Das hat viel mit ihren Autorinnen und Autoren zu tun, allen voran Elena Ferrante, deren «Meine geniale Freundin» zum Welterfolg wurde.








