Durch Glasscherben können Bäume zu brennen beginnen. Und vor einem Feuer kann man einfach davonrennen: sechs Mythen über WaldbrändeÜber Waldbrände kursieren viele irrtümliche Vorstellungen – manche davon sind tödlich. Hier ordnen wir häufige Mythen fachlich ein.02.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenIn diesem Sommer brechen immer wieder heftige Brände in den Wäldern Südeuropas aus. Ganz so schlimm ist die Lage in der Schweiz und in Deutschland zwar nicht. Aber auch hier herrscht eine sehr hohe Waldbrandgefahr. Nur: Was bedeutet das konkret? Zu Waldbränden geistern viele verworrene Vorstellungen herum – die Irrtümer reichen von der Zündquelle über das Fluchtverhalten bis zur Ökologie. Wir stellen sechs hartnäckige Mythen auf den Prüfstand.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Glasscherben lösen Waldbrände aus»Nach einem feuchtfröhlichen Picknick bleiben im Wald zerbrochene Bierflaschen zurück. Die Scherben bündeln das Sonnenlicht und entzünden trockenes Gras. Bald steht der ganze Wald in Flammen. Diese Vorstellung spukt durch viele Köpfe – aber sie ist falsch.Ob Glasscherben ein Feuer entzünden können, haben Wissenschafter von der TU Braunschweig und vom Deutschen Wetterdienst schon 2006 mit Versuchen im Labor und im Freiland getestet. Sie prüften, wie stark die Scherben das Licht fokussieren, wie gross die Hitze ist, die dabei entsteht, und ob sich damit typische Materialien eines Waldes entflammen lassen – etwa Fichtennadeln, Buchenlaub oder Gras.Mithilfe von sonnenbeschienenen Flaschenböden konnten die Forscher Temperaturen zwischen 100 und 330 Grad Celsius erzeugen. Diese Hitze entwickelte sich aber nur an kleinen Stellen auf den Materialproben. Keiner der 120 Versuche führte zu einer Entzündung. Es entwickelten sich bloss schwarze Flecken auf manchen Proben.Das Fazit der Wissenschaft: Theoretisch ist es zwar möglich, dass Glasscherben zu einem Feuer im Wald führen – praktisch ist es aber sehr unwahrscheinlich.«Vor einem Waldbrand kann man davonrennen»Das ist ein gefährlicher Irrtum. Oft breitet sich ein Feuer in einem Wald schneller aus, als ein Mensch rennen kann. Das gilt vor allem dann, wenn der Wald sehr trocken ist und ein kräftiger Wind weht. In so einem Fall kann sich das Feuer mit einer Geschwindigkeit von 20 Kilometern pro Stunde ausbreiten. So schnell fährt ungefähr ein Radfahrer.Im Extremfall greifen die Flammen aber noch viel schneller um sich. Etwa dann, wenn die Brandhitze an einem bewaldeten steilen Berghang einen Sog erzeugt. Die Ausbreitungsgeschwindigkeit könne dann 70 Kilometer pro Stunde erreichen, sagt Gianni Boris Pezzatti von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL).Oft ist es schwer, zu beurteilen, in welche Richtung sich ein Feuer als Nächstes bewegt – vor allem, wenn die Windrichtung immer wieder wechselt. Zu bedenken ist auch, dass Waldwege selten in die Richtung führen, die für eine Flucht ideal wäre. Wer darum quer durch den Wald laufen muss, entfernt sich nur langsam von der Gefahr. Ausserdem kann Rauch das Atmen erschweren, und schon weit vor der Flammenfront steigt die Lufttemperatur auf unerträgliche Werte an.Was soll eine Person also tun, wenn sie in der Nähe einen Waldbrand bemerkt? Pezzatti und andere Fachleute empfehlen, in Richtung Tal zu fliehen. Ausserdem solle man kleine, enge Täler meiden, in denen ein Kamineffekt auftreten könne.«Totholz raus, dann brennt es nicht mehr»Je mehr totes Holz im Wald herumliegt, desto grösser ist angeblich die Gefahr eines starken Brands. Doch diese Aussage ist zu pauschal. Manchmal ist Totholz von Übel, manchmal schützt es hingegen vor Waldbränden.Eine wichtige Frage ist, wie viel Feuchtigkeit das Totholz enthält. Dicke Baumstämme oder Äste, womöglich teilweise von Erde bedeckt, bleiben lange feucht. Sie hemmen einen Brand eher, als dass sie ihn nähren. Doch dünne Äste, Rinde, Laub und Nadeln trocknen bei Wind und hohen Temperaturen rasch aus.«Äste und Feinreisig am Boden können die Intensität von Bränden steigern, die Ausbreitung in den ersten Minuten beschleunigen und dadurch den ersten und entscheidenden Einsatz der Feuerwehr erschweren», sagt Gianni Boris Pezzatti von der WSL.Fachleute empfehlen einen Waldbau, der die Brandgefahr berücksichtigt. Bilden viele verschiedene Baumarten ein geschlossenes mosaikartiges Kronendach, wird der Boden gut vor dem Sonnenlicht abgeschirmt. Das senkt die Temperatur und erhöht die Luftfeuchtigkeit. Dann trocknet das Totholz nur langsam aus. Auf diese Weise bewirtschaftete Wälder sind für Brände weniger anfällig als etwa Monokulturen.Kurz: Es kommt sehr darauf an, welche Art Totholz im Wald herumliegt – und wo: «Ich würde mich beim Beseitigen von trockenem Totholz eher auf Astmaterial und Feinreisig in der Kontaktzone mit der Zivilisation konzentrieren, wo die meisten Waldbrände beginnen, etwa in der Nähe von Strassen, Siedlungen oder kritischer Infrastruktur», sagt Pezzatti.«Waldbrände sind vermeidbar»Eine vollständige Vermeidung von Bränden ist unrealistisch. Theoretisch lässt sich die versehentliche Entzündung von Wäldern durch den Menschen – etwa durch Fahrlässigkeit oder technische Defekte – zwar vermeiden. Aber dann bleiben immer noch Brandstiftung und Blitze als Auslöser von Bränden.Ausserdem treten im Zuge des Klimawandels immer öfter problematische Wetterbedingungen auf: Es kommt häufiger zu grosser Trockenheit und Hitze, welche die schnelle Ausbreitung von Bränden begünstigen. Auch diese Entwicklung erschwert die vollständige Vermeidung der Feuer.«Mit Prävention kann man viel erreichen», sagt Pezzatti von der WSL. «Aber man wird nie alle Waldbrände vermeiden können.»«Waldbrände sind schlecht für die Natur»Auch diese Annahme ist ein Mythos. In einem naturnahen Wald ist Waldbrand ein natürliches Phänomen mit einer wichtigen ökologischen Funktion: Einerseits beseitigen Brände zum Beispiel grosse Mengen an toter Biomasse. Viren und Pilzsporen werden abgetötet. «Der Boden wird gewissermassen desinfiziert», sagt Pezzatti. Andererseits setzt der Brand Nährstoffe für junge Pflanzen und Bäume frei. Weil mehr Licht auf den Boden fällt, begünstigt er die Ansiedlung neuer Arten.Die Samen mancher Baumarten gehen nur dann auf Wanderschaft oder können nur keimen, wenn es zuvor einen Waldbrand gegeben hat. Auch manche Insekten sind an regelmässige Feuer angepasst.«Das Problem ist: Wir brauchen den Wald, um uns vor den Naturgefahren in den Bergen zu schützen – etwa vor Steinschlag, Rutschungen, Murgängen und Lawinen», sagt Pezzatti. «Darum müssen wir grosse Brände an Berghängen mit höchster Priorität vermeiden. Aber kleinere Brände sind für die Natur eher ein Booster für die lokale Biodiversität.»«Alle Waldbrände sind gleich und vernichten die Vegetation komplett»Nein, Waldbrände unterscheiden sich stark. «Es gibt Bodenbrände, Kronenbrände, unterirdische Brände und andere Varianten und Kombinationen», sagt Pezzatti.Bei Bodenbränden entzündet sich praktisch nur die Biomasse, die auf dem Boden liegt. Bei Kronenbränden hingegen brennen die Bäume bis zu den Baumwipfeln. Brände, die durch Blitzschlag ausgelöst werden, können sich unterirdisch lange im Nadelstreu und in der Humusschicht halten.Die meisten Brände lassen einen Teil der Vegetation übrig. Nach Bodenbränden gebe es zwar ein hohes Erosionsrisiko, weil ein Brand den Boden wasserundurchlässiger mache – dadurch könne es bei Regen zur Bildung von Gräben oder Murgängen kommen, sagt Pezzatti. Aber viele Laubbäume wie die Edelkastanie könnten schon bald nach dem Feuer wieder ausschlagen. «Und dann sieht das Gebiet ziemlich schnell wieder grün aus.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel