In Fritz Lang verdichtet sich die Bandbreite der Weimarer RepublikDer vor fünfzig Jahren gestorbene Regisseur bündelte die Hoffnungen und Ängste der Moderne zu grossen Kinobildern. Seine Filme über Macht, Medien und Manipulation wirken bis heute.02.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenFritz Lang im amerikanischen Exil 1936, wo er seine erste amerikanische Produktion «Fury» drehte.Bettmann/GettyFritz Lang war ein Seismograf seiner Epoche. Eine jener umtriebigen Künstlerfiguren der zwanziger Jahre, wie sie diese hypernervöse, selbstreflexive Zeit in hoher Zahl hervorbrachte. In ihm bündelten sich die charakteristischen Eigenschaften der Weimarer Republik: Innovation und Mythos, Tempo und Power, Sachlichkeit und Rausch, Scheinwerferlicht und Schatten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seine Filme verbanden Hochliteratur und Kolportage, philosophische Fragen und effektvolles Spektakel. Sie waren sorgfältig durchdacht, mit penibler Präzision umgesetzt und auf ein breites Publikum zugeschnitten – eine seltene Kunst. Für Lang war Film kein elitäres Experiment, sondern ein modernes Massenmedium, das in neuem Stil Anspruch und Unterhaltung miteinander versöhnte.Vom Drehbuchautor zum Star-RegisseurFür den Traum, Maler zu werden, hatte der 1890 geborene Lang das Wiener Elternhaus verlassen, es folgten bohèmehafte Lehr- und Wanderjahre in München und Paris, wo er auch intensiv das Kino studierte. Im Ersten Weltkrieg wurde er mehrfach verwundet und ausgezeichnet, ein Schrapnellsplitter verletzte sein rechtes Auge und liess ihn von da an ein Monokel tragen.Auf Einladung von Erich Pommer kam Lang 1918 nach Berlin. Der Produzent erkannte das Talent des jungen Mannes und räumte ihm bei der Produktionsgesellschaft Ufa weitreichende künstlerische Freiheiten ein. Binnen kurzer Zeit erfuhr der Drehbuchautor Lang einen rasanten Aufstieg als Regisseur. An der Seite seiner Partnerin, der Autorin Thea von Harbou, wurde er zu einem der prägenden Gesichter der goldenen Jahre des deutschen Films.Vor fünfzig Jahren, am 2. August 1976, starb Fritz Lang in Beverly Hills, fast vollständig erblindet. Seinen letzten Leinwandauftritt hatte er dreizehn Jahre zuvor in Jean-Luc Godards «Le Mépris». Im Exil in Hollywood musste Lang seine Arbeitsweise den Studios anpassen. Trotzdem entstand noch ein umfangreiches Spätwerk, in dem er unter anderem seine Begeisterung für das Krimigenre im Film noir mit «The Woman in the Window» (1944) und «Scarlet Street» (1955) fortsetzte.Der biedere Kassierer Chris (Edward G. Robinson, Mitte) verfällt in «Scarlet Street» der Schauspielerin Kitty (Joan Bennett).ImagoHeute ragt aus seinem riesigen Œuvre vor allem «Metropolis» heraus, jener monumentale Stummfilm, der weiterhin gerne an Festivals und Open-Air-Events mit Live-Musik gezeigt wird und daran erinnert, wie klangvoll das Kino bereits vor dem Tonfilm war. Ein Koloss, der 1927 zum kommerziellen Desaster wurde und die Ufa um ein Haar in den Ruin getrieben hätte.«Metropolis» ist einer von mehreren Höhepunkten in der bewegten Karriere von Lang. Er beeindruckt mit seiner Grossstadtarchitektur, die aus raffinierten Miniaturmodellen entstand, und mit der damals einzigartigen Verbindung von Märchen und Science-Fiction. Ein expressiver Fiebertraum, der die sozialen Konflikte der Inflationszeit kanalisierte, die Verführbarkeit der Massen ebenso thematisierte wie das eigene schwierige Verhältnis zum Vater. Und dessen metaphorischer, ausgesprochen harmonischer Schluss oft kritisiert wurde: Das Herz wird als Mittler zwischen Hirn und Hand eingesetzt.In «Metropolis» wird die gigantische Stadt der Zukunft entworfen, als Utopie und Moloch zugleich.ImagoDie Massen proben in «Metropolis» den Aufstand, angeführt von einem Roboter, der der Heldin Maria (Brigitte Helm) zum Verwechseln ähnlich sieht.ImagoInformation als WaffeDieses Pathos ist allerdings eine Ausnahme im Werk von Lang, das oft von Pessimismus durchzogen ist. Seine Welt kennt keine schnellen Erlösungen, keine eindeutigen Täter und Opfer. Da treten grausame Frauen auf wie Kriemhild in den zwei Teilen der «Nibelungen» (1924), deren kompromissloser Rachefeldzug im Inferno endet. In «Der müde Tod» (1921) wiederum versucht eine junge Frau, ihren Geliebten dem Tod zu entreissen. Dazu muss sie drei Prüfungen bestehen – und scheitert.Bei anderen Stoffen hingegen zeigte sich besonders Langs technisch gewiefte, der Zukunft zugewandte Seite: «Frau im Mond» (1929) entstand mit Beratung der beiden Raumfahrtspezialisten Hermann Oberth und Willy Ley, die bei den realistischen Kraterlandschaften und der Raketenattrappe halfen. Zudem erfand Lang für den Stummfilm den Countdown, das Herunterzählen, da das Publikum sonst nicht verstanden hätte, wann die Rakete abhebt.Ab 1929 wohnte der Regisseur in einer Villa im Bauhaus-Stil in Berlin-Dahlem, in der sich heute eine Zahnarztpraxis befindet. An der selbst entworfenen Kupferbar wurden Cocktails gemixt. Morgens boxte der Bonvivant, besuchte Sechstagerennen, war Stammgast an Vernissagen, Premieren, Empfängen. Aus den täglich mehrmals erscheinenden Zeitungen notierte er sich aufregende Meldungen, die in seine Filme einflossen.Etliche Möbel in seiner Wohnung in Berlin-Dahlem, so auch die Kupferbar, entwarf Fritz Lang selbst.Ullstein/GettySo wurden seine Filme zu «Zeitbildern», wie bereits «Dr. Mabuse, der Spieler» (1922) untertitelt ist, Melangen aus Sensationen und Alltagsbeobachtungen. Lang liebte exotische Abenteuergeschichten, in denen die Oberhäupter von Gangsterbanden und Geheimorganisationen die Fäden ziehen und die Massen hypnotisch in ihren Bann schlagen.Der Kindermörder in «M», gespielt von Peter Lorre, entdeckt mit Entsetzen das Kreidezeichen an seinem Rücken, das ihn enttarnt.via www.imago-images.deLang erkannte, dass in der Moderne Informationen zur Waffe geworden waren. So wie in «M», dem ersten Tonfilm über einen Triebtäter, für den das Publikum wegen Peter Lorres eindrücklichem Spiel auch Mitleid aufbringen kann. Über dichte Informationsnetze wetteifern Polizei und Verbrecherorganisationen darum, wer den Kindermörder zuerst im Grossstadtdschungel aufspürt.Ein Angebot von GoebbelsWegen seiner jüdischen Herkunft mütterlicherseits und des bald verbotenen «Testaments des Dr. Mabuse» (1933) war klar, dass für Lang im nationalsozialistischen Deutschland kein Platz sein würde. Der geisterhafte Verbrecher Mabuse, der Menschen selbst nach seinem Tod lenkt, liess sich leicht als Allegorie auf die totalitäre NS-Herrschaft lesen.Das Wettrennen um die Schätze des Mondes ist keine reine Männerangelegenheit: Gerda Maurus, die damalige Geliebte von Fritz Lang, spielt eine Hauptrolle in «Frau im Mond».ImagoDer genialische Verbrecher Dr. Mabuse (Rudolf Klein-Rogge) lässt selbst nach seinem Tod seine hypnotischen Kräfte wirken.ImagoTrotzdem umwarb der oft opportunistisch agierende Joseph Goebbels den berühmten Regisseur – und stellte ihm angeblich den Chefposten für den deutschen Film in Aussicht. Lang behauptete später, noch am selben Abend Deutschland ohne Geld verlassen zu haben – was dramaturgisch gut klingt, historisch jedoch Fiktion ist, da der Regisseur erst Monate später endgültig nach Frankreich emigrierte.Dass Lang seine eigene Biografie immer wieder überformte, passt zu einem Regisseur, der sein Leben ebenso sorgfältig inszenierte wie seine Filme. Die Bilder von dem manischen Genie, dem charmanten Gentleman oder dem Exzentriker, der seinen Stoffaffen Peter überallhin mitnahm und ihm briefliche Grüsse senden liess, sind auch sein Werk. Selbst der rätselhafte Tod seiner ersten Frau Lisa Rosenthal, offiziell ein Unfall mit einer Schusswaffe, bleibt von Spekulationen umgeben. Die Wahrheit über diese Episode liegt bis heute im Dunkeln – wie so vieles in Langs Filmen.Passend zum Artikel
Vor 50 Jahren starb Fritz Lang – ein Regisseur zwischen Innovation und Mythos
Der vor fünfzig Jahren gestorbene Regisseur bündelte die Hoffnungen und Ängste der Moderne zu grossen Kinobildern. Seine Filme über Macht, Medien und Manipulation wirken bis heute.






