Er organisierte mehr Filmfestivals als jeder andere und vermittelte zwischen Ost und West: Nun ist Moritz de Hadeln mit 85 Jahren gestorbenDer kantige Kosmopolit leitete Berlin, Venedig, Locarno und Nyon. Sein Biograf lernte von ihm, dass man reisen und mit Menschen reden muss, um an grosse Filme heranzukommen. Eine persönliche Erinnerung.Christian Jungen07.07.2026, 10.30 Uhr5 LeseminutenMoritz de Hadeln, der Leiter der Berlinale, mit dem Hauptpreis des Festivals, dem Goldenen Bären 1998.Ronald Siemoneit / Sygma / Getty«Das ist ein schönes Film», sagte Moritz de Hadeln oft. Viele in der Filmbranche glaubten aufgrund seines kuriosen Deutsch, er sei Holländer. Ein Missverständnis, das er jeweils energisch korrigierte: Er sei stolzer Schweizer! 1968 sei er eingebürgert worden – es sei gewesen wie im Film «Die Schweizermacher»: Zwei Beamte der Fremdenpolizei hätten ihn und seine Frau Erika in ihrer Wohnung in Gland besucht und seien mit dem Finger über die Kommode gefahren, um zu sehen, ob sie abgestaubt war.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Persönlich lernte ich de Hadeln 2008 am Filmfestival Nyon kennen. Er hatte mein Buch «Hollywood in Canne$» gelesen und erzählt, dass er viele Studiobosse, über die ich geschrieben hatte, gut kannte. Etwa Jim Gianopulos von 20th Century Fox, dank dem er Filme wie «The Thin Red Line» von Terrence Malick nach Berlin bringen konnte. Ich war fasziniert von de Hadelns Erzählungen und schlug ihm vor, er solle doch seine Memoiren schreiben. Das wollte er nicht. Und so wurde ich sein Biograf.Besuche der Kantonspolizei in NyonIn über 200 Stunden Oral-History-Interviews mit ihm, seiner Frau Erika und vielen Weggefährten erschloss sich mir das Bild eines kantigen Kosmopoliten, dessen Lebensleistung das Vermitteln zwischen Ost und West war – als Direktor von Filmfestivals in Nyon, Locarno, Berlin, Venedig und Montreal.Die Mission war bereits in seiner Biografie angelegt: De Hadeln kam 1940 als Sohn eines britischen Offiziers und einer rumänischen Malerin in Exeter zur Welt. Später heiratete er zum Entsetzen seiner Eltern eine Deutsche. Und zog mit ihr in die Schweiz, wo sie sich am Genfersee niederliessen, weil das Leben in der Schweiz einfacher sei als in Paris.1969 gründeten Moritz und Erika de Hadeln das Dokumentarfilmfestival Nyon, das unter ihrer Leitung zu deinem der drei wichtigsten seiner Art weltweit avancierte. In Nyon waren Filme über Afroamerikaner, Homosexuelle und über Abtreibung zu sehen, aber auch Werke aus den sozialistischen Staaten.Das trug de Hadelns Besuche der Kantonspolizei ein, die Filmspulen beschlagnahmten. De Hadeln kämpfte zuerst in Nyon und später bei jedem Festival, das er leitete, gegen Zensur. Für ihn war Kino die Kunstform der Freiheit – und die Provokation ein Mittel zu ihrer Verteidigung.Als er 1972 als Direktor nach Locarno berufen wurde, zeigte er dort auf der Piazza Grande erotische Filme wie «Contes immoraux» (1973), weshalb der Bischof von Lugano den Katholiken den Besuch des Festivals untersagte. Das Resultat war, dass die Piazza Grande aus allen Nähten platzte. Aber nicht nur die Kirche stemmte sich gegen das Festival, auch die Ladenbesitzer der Portici. Sie fürchteten, die temporäre Reduktion der Parkplätze auf der Piazza würde zu Umsatzeinbussen führen.De Hadeln brachte Grössen wie Andrei Tarkowski und Pier Paolo Pasolini nach Locarno. Er machte aus einer touristischen Provinzveranstaltung ein international renommiertes Filmfestival. 1977 verzockte er sich, als er wegen eines Machtkampfs mit Lokalfürsten seinen Rücktritt anbot – und die Tessiner ihn annahmen, um den fremden Fötzel loszuwerden.Die folgenden Jahre seien die schwierigsten seines Lebens gewesen, erzählte mir de Hadeln. Vorher habe er Macht gehabt – die Macht, Filme einladen zu können. Deshalb sei er in Cannes und Berlin von allen zum Essen eingeladen worden. Kaum sei er nicht mehr Direktor gewesen, hätten viele ihn nicht mehr gegrüsst.Dass man das Prestige eines Amtes nie mit dem seiner Person gleichsetzen sollte, ist eine Botschaft, die mir geblieben ist: Weil sie de Hadeln in seiner kleinen Wohnung in Gland wiederholte, in der er Vitrinen voller Orden und Verdienstkreuze hatte. Hier die Zeugen der grossen Zeiten, dort das Telefon, das kaum mehr klingelte.Die grosse Zeit von de Hadeln kam, als er 1979 zum Direktor der Berlinale berufen wurde (die er bis 2001 leitete) – und Ost-Filme in den Westen brachte. De Hadeln liebte es, ennet der Mauer mit den Staatsbürokraten zu verhandeln. Für ihn war das wie Schachspielen. Und mit den Apparatschiks aus Ostberlin und Moskau blieb er bis ins Alter in Kontakt. Sie schrieben sich jeweils zu Geburtstagen und Weihnachten.De Hadeln konnte stundenlang Anekdoten erzählen, wie er von KGB-Spionen begleitet durch die Sowjetrepubliken tingelte auf der Suche nach Filmen. Er liebte Spione! Und Geschichten von Abenden, als er den Wodka in die Pflanzen goss, während sein Gegenüber betrunken wurde und Geheimnisse preisgab. Dank seiner «Schachpartner» konnte er während der Perestrojka als erster Tresorfilme, also verbotene Werke, wie «Tema» von Gleb Panfilow in den Westen bringen, eine Sensation.De Hadeln wurde wegen seiner brüsken Art oft als Elefant im Porzellanladen beschrieben. Er konnte aber auch über Eierschalen gehen. Und Wert auf präzise Sprache legen. «Kommunistische Staaten» lehnte er ab – es musste heissen «sozialistische Staaten». Einmal, als ich ihm zwei Kapitel zum Gegenlesen geschickt hatte, verweigerte er einen Monat lang die Kommunikation. Der Grund: Das Wort «Ostblock» im Text. Das fand er despektierlich. «Sie können das nicht verstehen, Sie waren ja nicht dort», sagte er.Selbst Cannes erwog eine VerlegungDem Dort-Gewesen-Sein verdankte er seinen Erfolg als Festivaldirektor. Er reiste, um Filme zu entdecken. Und sprach persönlich mit Menschen, um sie zu bekommen. In einer Zeit, als China noch abgeschottet war, ging er als einer der ersten westlichen Kuratoren regelmässig ins Reich der Mitte und brachte Filme wie «Das rote Kornfeld» von Zhang Yimou in den Westen.Aber auch nach Hollywood flog de Hadeln immer wieder. Eine Hürde, die er zu überwinden hatte: Viele jüdische Executives lehnten es ab, in die «Täter-Stadt» Berlin zu gehen. De Hadeln vertraute mit der Bernerin Beki Probst die Leitung des neu geschaffenen European Film Markets einer Jüdin an. Weil die Berlinale kurz vor den Oscars stattfand, konnte de Hadeln die grossen US-Produktionen nach Berlin holen, die noch einen letzten PR-Schub brauchten. «Rain Man», «The People vs. Larry Flint» und «Magnolia» gewannen den Goldenen Bären. Die Berlinale lief damals Cannes den Rang ab, so dass die Franzosen 1994 eine Verlegung ihres Festivals vom Frühling in den Herbst prüften.Für den Schweizer Film leistete de Hadeln ebenfalls Grosses – in Locarno wie auch in Berlin, wo in seiner Zeit bis zu drei helvetische Filme im Wettbewerb liefen. Trotzdem erhielt er hierzulande nie die verdiente Anerkennung. Letzten Samstag ist Moritz de Hadeln, der Mann, der mehr Filmfestivals organisiert hat als jeder andere, im Alter von 85 Jahren in Nyon gestorben.Christian Jungen ist CEO des Zurich Film Festival. Sein Buch «Moritz de Hadeln: Mister Filmfestival» erschien 2018 im Verlag Rüffer & Rub.Passend zum Artikel