Auf der «Ballyativ»-Station: Ein umstrittener Investor will die Schweizer Schuhmarke von den Toten zurückholenMichael Reinsteins Methode lautet: verschuldete Firmen aufkaufen und ausweiden. Doch bei Bally könnten dem neuen Freund des Hollywoodstars Nicole Kidman die Richter einen Strich durch die Rechnung machen.02.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenBally steht für Luxus, doch die Situation ist prekär.Illustration Hans-Jörg Walter / NZZaSIm Portfolio des kalifornischen Private-Equity-Unternehmens Regent ist in der Kategorie «Luxus» die Schweizer Marke Bally gelistet. Doch die Situation des traditionsreichen Unternehmens ist nicht luxuriös, sondern prekär.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seit Juni befindet sich das Tessiner Unternehmen in Nachlassstundung. Das ist die Vorstufe eines Konkurses, bei der geprüft wird, ob noch etwas zu retten ist. Denn Bally ist hoch verschuldet. Bis im Oktober muss eine Lösung gefunden werden.Jüngst wurde 27 Schuhmachern gekündigt, welche noch in der Schweiz produzierten. Auf dem Areal in Caslano am Luganersee stehen die Maschinen still. Was mit den verbliebenen 100 Angestellten in der Verwaltung passiert, steht in den Sternen. Der Patient Bally befindet sich auf der Palliativstation.Michael Reinstein mit einer Bekannten an einer Halloween-Party.Michael Kovac / GettySchauspielerin Nicole Kidman.GettyWas einem klassischen Investor den Schlaf rauben würde, löst bei Michael Reinstein nicht einmal ein Zucken des linken Augenlids aus. Der gebürtige Kalifornier wurde kürzlich dabei fotografiert, wie er tiefenentspannt mit Nicole Kidman in Italien herumturtelte.Denn der Bally-Besitzer Reinstein soll der neue Freund der Hollywood-Schauspielerin sein, die sich wiederum vergangenes Jahr nach 19 Ehejahren vom amerikanischen Country-Sänger Keith Urban getrennt hat. Damit ist der Gründer der Investmentgesellschaft Regent auf dem Radar der weltweiten Klatschportale aufgetaucht. Das Leben von Reinstein wird gerade von Boulevard-Reportern durchleuchtet. Seinen Instagram-Kanal hat er vom Netz genommen.Rückt Bally deswegen in den Hintergrund? Viel wahrscheinlicher ist, dass der ausgebildete Jurist Reinstein das Unternehmen bewusst an den Rand des Abgrunds – oder darüber hinaus – geführt hat.Denn er hat seine Erfolgsformel gefunden: defizitäre Unternehmen übernehmen, das Konkursrecht maximal ausreizen, um sie zu entschulden, und dann zu neuem Leben erwecken. Damit hat es der Kalifornier zu einem beachtlichen Vermögen gebracht.Escada, Techcrunch, WonderbraEine weitere Marke im Luxus-Portfolio von Regent heisst Escada. Der Hersteller von Damenmode aus München war vor allem in den 1990er Jahren ein Lieblingsbrand von vermögenden Deutschen. 2019 übernahm Reinstein Escada, 2020 ging die Firma in Konkurs. «Die Insolvenz wirkt bewusst herbeigeführt, von einem dubiosen Investor, der sich noch vor kurzem als Heilsbringer feiern liess», schrieb das «Manager Magazin» damals. Der Vorwurf: Durch die Zahlungsunfähigkeit sollten Abgangsentschädigungen für Angestellte eingespart werden.Escada gibt es heute noch. Vor zwei Jahren wurde eine neue kreative Leiterin eingesetzt. Inzwischen wurde auch ein Online-Shop aufgebaut. Dort gibt es Abendroben für 2350 Euro. Statt wie früher Hunderte arbeiten noch rund 20 Personen für das Unternehmen.Als Regent vor einem Jahr das in der Startup-Welt bekannte Portal Techcrunch übernahm, landete die gesamte europäische Belegschaft umgehend auf der Strasse. Ein Mitarbeiter schrieb damals auf der Plattform Linkedin: «Wenn ihr Europa schon fallen lasst, tut es mit Würde.»Regent kontrolliert wie viele Private-Equity-Unternehmen einen bunten Strauss unterschiedlichster Firmen. Neben Mode- und Medienfirmen gehört auch ein Velohersteller und ein Autozulieferer zum Portfolio. Besonders angetan zu haben scheinen es Reinstein Strumpf- und Unterwäschemarken. Rund ein halbes Dutzend hat Regent in seinem Besitz, darunter Dim aus Frankreich, Wonderbra oder La Senza.Die Geschichten ähneln sich. Reinstein hat gemäss eigenen Angaben über 45 Übernahmen abgewickelt. Er ist das, was man im deutschsprachigen Raum eine «Heuschrecke» nennt. Ein Finanzinvestor, der ohne Rücksicht auf Angestellte oder Gläubiger ein Unternehmen zerlegt, um das verbliebene Vermögen zu Geld zu machen.Das Unternehmen Regent reagiert nicht auf Anfragen. Doch die Hinweise verdichten sich, dass es auch im Fall Bally nicht anders laufen wird. Regent kaufte das Unternehmen 2024 einer anderen Investmentgesellschaft ab – gemäss Gerüchten für einen symbolischen Franken, dafür mit allen Schulden.Bally hatte damals in der Modewelt gerade wieder Beachtung gefunden. Der Kreativdirektor Simone Bellotti löste in der Szene einen Hype aus. Doch kurz nach der Übernahme verliess er Bally und ging zu Jil Sander. Seither war spekuliert worden, was Regent mit dem Schweizer Traditionsunternehmen vorhat.Diese Woche wurden die Pläne von Regent fassbar: Tessiner Richter blockierten den Verkauf der Marke Bally an eine amerikanische GmbH.Die Marke Bally ist neben den alten Schuhmaschinen wohl das einzige Werthaltige, was das Unternehmen noch zu bieten hat. Wollte Michael Reinstein die Marke kurz vor dem Konkurs herauslösen, um sie später zurückzukaufen – ohne die lästigen Schulden aus früheren Jahren?Franco Lorandi, Jura-Professor und Experte für Konkursrecht, sagt: «Eine starke Marke gehört zu den Vermögenswerten, deren Wert durch einen Konkurs am wenigsten gemindert wird.» Mit anderen Worten: Selbst wenn das Unternehmen Bally zugrunde geht, würde das der Marke Bally nicht viel anhaben.Martullo bleibt interessiertEiner, der sich nicht nur für die Marke Bally, sondern für das ganze Unternehmen interessiert, ist Roberto Martullo, der Eigentümer der Schweizer Schuhmarke Künzli.«Ich habe mich bei der Bally-Eigentümerin Regent gemeldet, weil für mich die Schuhproduktion interessant ist. Als Besitzer von Künzli bestehen Synergien. Man könnte Schuhe ‹made in Switzerland› sowohl für Bally wie auch für Künzli produzieren. Das wäre ein grosses Asset», sagt er.Zwar sei Regent bereit gewesen, Martullo die Produktion zu verkaufen. Nicht aber die Marke. «Das ergibt für mich keinen Sinn», sagt Martullo.Auch das zeigt: Regent hat etwas vor mit Bally. Aber was genau, darüber kann nur spekuliert werden. Möglich ist, dass ein neues, schlankes Unternehmen aufgebaut wird wie im Fall Escada. Oder aber, dass die Marke gegen eine Lizenzgebühr an Hersteller von Schuhen und weiteren Produkten «vermietet» wird.Klar ist nur: Roberto Martullo möchte Bally immer noch kaufen und auch die entlassenen Schuhmacher wieder einstellen. «Ich bin nach wie vor interessiert an Bally. Der Ball liegt nun bei den Sachwaltern und den Gerichten.»Ein Artikel aus dem «NZZ Folio»Passend zum Artikel