Soviel Selbstironie muss man erst mal aufbringen: Der Schweizer Schriftsteller legt Studierenden einen eigenen und einen KI-generierten Text «im Stil von Franz Hohler» vor. Sie sollen herausfinden, welches das Original ist. Und was sagen Sie?Franz Hohler02.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenFür Franz Hohler ist der Versuch der KI, ihn zu imitieren, «ein pseudopoetisches Imitat, eine Parodie».Christian Beutler / Keystone, Bearbeitung NZZaSText 1: Der Briefkasten«Ich möchte gern ein Rennrad sein», sagte der Briefkasten zum Gartentor, «und durch weite Ebenen flitzen und hohe Pässe bezwingen.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Du mit deinen Wünschen», krächzte das Gartentor, «dabei entsprichst du nicht einmal den neuen Vorschriften der Post.»«Wünschen kann man immer», sagte der Briefkasten nur und schluckte weiterhin Rechnungen, Zeitschriften, Prospekte und Postkarten.Wenig später wurde er abgeschraubt und durch einen neuen ersetzt. Man schmolz ihn ein, und zusammen mit alten Metallstühlen, zerrissenen Drahtgittern und krummen Schraubenziehern wurde er zu Leichtstahl verarbeitet, kam in eine Rennradfabrik, und bald darauf flitzte er durch weite Ebenen, bezwang hohe Pässe und konnte kaum glauben, dass er jahrelang am selben Ort gestanden hatte und jeden Tag an der Post fast erstickt war.Text 2: Der leere BriefkastenAls Herr Bärtschi an diesem Dienstagmorgen den Briefkasten öffnete, fand er darin nichts – und das war ungewöhnlich viel. Normalerweise lag wenigstens eine Rechnung darin oder ein Prospekt für Gartengeräte, obwohl Herr Bärtschi gar keinen Garten hatte. Doch heute war der Kasten so leer, dass es fast nach Absicht aussah. Er hielt die Klappe noch einen Moment offen, als könnte sich die Leere vielleicht noch umentscheiden.Auf dem Weg zur Arbeit dachte er darüber nach. Im Tram sah er die anderen Leute ihre Mails auf dem Handy lesen, als hätten sie Angst, auch nur eine Nachricht zu verpassen. Herr Bärtschi hingegen hatte eine verpasst, da war er sicher. Man schickt doch nicht einfach nichts.In der Mittagspause ging er zur Post. «Entschuldigen Sie», sagte er zur Frau am Schalter, «bei mir ist heute nichts angekommen.»Die Frau nickte höflich, so wie Postangestellte nicken, wenn sie noch nicht wissen, wohin das Gespräch führt. «Gar nichts», präzisierte Herr Bärtschi. Sie tippte etwas in ihren Computer. «Das kommt vor.»«Aber heute hätte etwas kommen sollen», sagte Herr Bärtschi, obwohl er nicht wusste, was. Die Frau schaute ihn an, diesmal etwas genauer. «Vielleicht ist es noch unterwegs.» Das beruhigte ihn ein wenig. Dinge, die unterwegs sind, haben immerhin eine Richtung.Am Abend öffnete er den Briefkasten wieder. Noch immer nichts. Aber diesmal war die Leere anders. Sie wirkte nicht mehr vergessen, sondern eher wie eine kleine Pause. Herr Bärtschi stellte sich vor, irgendwo fahre gerade ein Lastwagen durch die Nacht, voller Briefe, Rechnungen, Einladungen und vielleicht auch einem einzigen Umschlag ohne Absender, der noch nicht genau wisse, zu wem er gehöre.Und während der Lastwagen weiterfuhr, liess Herr Bärtschi den Briefkasten offen. Nur für den Fall, dass die Leere doch noch ankommen wollte.Fazit: Die NiederlageEiner meiner Söhne erlaubte sich den Spass, Chat-GPT um «einen kurzen Text im Stil von Franz Hohler» zu bitten. Den erhielt er in Sekundenschnelle und schickte ihn mir zu. Es kam ein Text, der eine kleine Geschichte eines Mannes erzählt, welcher irritiert ist, dass nichts in seinem Briefkasten ist und deswegen zur Post geht, um zu reklamieren. Um gleich klarzustellen, dass es sich bei mir um einen Schweizer Autor handelt, hatte GPT eigens einen Helvetismus eingebaut («im Tram») und nannte den Mann «Herr Bärtschi».Aber geschrieben hätte ich diese Geschichte nie, für mich war sie ein pseudopoetisches Imitat, eine Parodie.Bei einer Veranstaltung an der Uni Luzern in einer Reihe über künstliche Intelligenz, an welcher der junge Autor Nelio Biedermann und ich über unsere Haltung zu KI befragt wurden, nahm ich die Gelegenheit wahr, die Leistung meines Schattenautors zu testen. Da es von mir eine kurze Geschichte gibt, deren Motiv ebenfalls ein Briefkasten ist, las ich beide Texte vor, ohne zu sagen, wer was geschrieben hatte, versuchte auch den künstlichen Text so lebendig wie möglich vorzutragen, und danach fragte der Moderator das Publikum, welcher der beiden Texte wohl von mir sei.Das Ergebnis: Etwa drei Viertel des Auditoriums schrieben den KI-Text mir zu. Mein eigener Text fiel bei der Mehrheit als Machwerk eines Literaturroboters durch. Wäre mein Name unter dem künstlichen Text gestanden, die meisten hätten es ohne weiteres geglaubt.Ich war verblüfft, mehr noch, verstört. Etwa so musste sich Kasparow gefühlt haben, als er zum ersten Mal eine Schachpartie gegen einen Computer verlor. Vergeblich versuchte ich den Leuten zu erläutern, wo die Schwächen meines Konkurrenten lagen, ihr Mitgefühl für Herrn Bärtschi war nicht mehr rückgängig zu machen.So ist es also. Ein grosses Weltgehirn mit Galaxien von Synapsen und Armeen von Botenstoffen schwebt irgendwo in einer Cloud und denkt sich die Menschen aus. Es arbeitet dauernd daran, besser zu sein als wir, und dafür frisst es unsern Strom und säuft unser Wasser, denn seine Gier nach unseren Algorithmen ist unersättlich.Und wir? Wir müssen darum kämpfen, unser eigenes Gehirn nicht aushebeln zu lassen und das tun, was das Weltgehirn niemals kann: lieben, seufzen, weinen, lachen.Franz Hohler ist Schweizer Schriftsteller und Kabarettist. Der Text zu seinem KI-Erlebnis wird in seinem neuen Buch «Der Schrei des Elektrikers» zu lesen sein. Der Erzählband erscheint im November im Luchterhand-Verlag.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Ein selbstironisches Experiment von Franz Hohler: Wer kommt besser an, die KI oder ich?
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