Am Anfang war die déformation professionnelle. Je länger ich an der Universität tätig war, desto häufiger musste ich feststellen, dass Hausarbeiten plagiiert wurden, und desto sicherer wurde mein Blick für schlecht kaschierte Fälschungen. Gute Studenten waren stets auch kluge Fälscher. Sie entzogen sich von Beginn an der Entdeckung. Der Nachweis von Plagiaten jedoch blieb mühsam. Mit etwas Glück kannte man den wissenschaftlichen Text, aus dem zitiert worden war, weil man ihn selbst in der Lehre verwendet hatte. Dann allerdings mussten die Studenten schon auffallend ungeschickt vorgegangen sein. In allen anderen Fällen führte der Weg in die Universitätsbibliothek, wo man eigenhändig nach den Quellen suchte. Das kostete Zeit und Nerven, hatte aber bisweilen auch einen unerwarteten Gewinn: Man stieß auf spannende Aufsätze und Monographien, die einem sonst entgangen wären. Gleichwohl fühlte man sich bisweilen wie ein inoffizieller Mitarbeiter eines Überwachungsstaates. Der Ärger über den Betrug war groß, die Kränkung spürbar – und zugleich regte sich der Teilzeit-Sherlock-Holmes, der am Ende eines schwierigen Falls die Aufklärung als Belohnung sucht.