Überall im Land verschwinden die Dorfbeizen. Ruedi Schiesser wehrt sich bis jetzt erfolgreich gegen das Ende. Er wirtet seit 48 Jahren in Saland. Doch nun ist auch sein «Löwen» bedroht.02.08.2026, 05.05 Uhr8 LeseminutenDie Dorfbeiz, dieser urchige Ort der Zusammenkunft, ist in Gefahr. Wenn man durch die Lokalzeitungen der letzten Monate blättert, liest man Schlagzeilen wie diese: «Vor den Sommerferien ist Lichterlöschen in Wilas letzter Dorfbeiz», «Eglisau verliert Kult-Gasthof: Hirschen macht dicht», «Noble Goldküstengemeinde verliert ihre letzte Dorfbeiz».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Trend ist real. Was geht verloren, wenn die Schweiz gerade das Ende der Dorfbeiz erlebt?Einer, der sich gegen das Ende stemmt, ist Ruedi Schiesser. Im Zürcher Tösstal ist er besser bekannt als «Leue»-Ruedi. Sein Name ist verschmolzen mit dem seines Gasthofs – es gibt den einen nicht ohne den anderen.Seit 1978 ist Ruedi Schiesser Pächter des «Löwen» in Saland. Zum ersten Mal zu Gast in dieser Beiz war er 1956. 70 Jahre später ist sie sein Zuhause.Der «Löwen» sieht genau so aus, wie man sich eine Dorfbeiz vorstellt, mit Stammtisch und allem, was dazu gehört.Die Besitzer wollen verkaufenRuedi Schiesser ist das, was man gerne als «Original» bezeichnet. Ein knorriger alter Mann mit einem imposanten weissen Schnauz, hinter dessen ironischen Sprüchen sich eine sanfte Melancholie verbirgt. Ein gradliniger Typ. Sympathisch auf eine schroffe Art.Der Telefonanruf im «Löwen», um mit Ruedi Schiesser einen Gesprächstermin für diesen Artikel zu vereinbaren, lief zum Beispiel so ab:Guten Tag, ich bin Journalist und schreibe über das Verschwinden der Dorfbeizen. Wie ich gehört habe, ist auch der «Löwen» bedroht. Darüber würde ich gerne mit Ihnen reden.Sie wissen ja schon alles, dann schreiben Sie das doch.Ich weiss eben noch nicht alles.Alles müssen Sie auch nicht wissen. (Ein raues Lachen schallt aus dem Hörer.)Nein, alles nicht. Aber Sie haben sicher viel zu erzählen. Kann ich einmal bei Ihnen vorbeikommen?Ja, machen Sie doch, was Sie wollen.Ginge es am nächsten Mittwoch, so um 10 Uhr?Kommen Sie, wann es Ihnen passt. Ich bin immer hier von Mittwoch bis Montag.Super, dann bis am Mittwoch.Ja, ja, adieu. Ich muss jetzt wieder arbeiten.Ein paar Tage später, Mittwochmorgen um 10 Uhr, Ankunft im «Löwen» in Saland. Ruedi, wie er genannt werden will, erinnert sich an das Gespräch mit dem Journalisten. Nicht nur das, er hat sogar ein Sichtmäppchen vorbereitet mit einer historischen Liste aller Pächter des «Löwen», mit Ausrissen von Zeitungsartikeln, die über ihn geschrieben wurden, mit alten Fotos – und mit der Verkaufsbroschüre für den «Löwen».«Schauen Sie sich das doch schon einmal an, ich muss mich erst noch um die Gäste kümmern», sagt er. Um den Stammtisch sitzen fünf Männer in Arbeitshosen, die gerne Kaffee trinken möchten.Der «Löwen» sieht genau so aus, wie man sich eine Landbeiz vorstellt. Die holzgetäfelten Wände, der runde Stammtisch, darauf Bierdeckel, Nussgipfel und der «Blick», die Flagge des Männerchors an der Wand, die Jukebox im Achtziger-Jahre-Design in der Ecke, der verblichene Pin-up-Kalender. Es scheint, als wäre in diesem kleinen Raum im Tösstal die Vergangenheit gefangen.Wer die Beiz betritt, hat unweigerlich das Gefühl, in eine Zeitkapsel geraten zu sein.Und zugleich sind an den Wänden überall Reminiszenzen der verstrichenen Zeit zu sehen: Kleber, die auf einstige Jubiläen hinweisen: 25 Jahre «Leue»-Ruedi, 30 Jahre «Leue»-Ruedi, 40 Jahre «Leue»-Ruedi. Im Flur wirbt ein vergilbtes Werbeplakat für den «Grossen Silvesterball im Löwen» am 31. Dezember 1987: «Chum doch au . . .». An der Decke über dem Stammtisch klebt ein Gedicht, das ein Freund Ruedi zum 80. gewidmet hat.Ruedi Schiesser hat sich ein kleines Universum geschaffen in der Dorfbeiz. Doch der «Löwen» ist bedroht. Nicht nur, weil die Gäste nicht mehr so zahlreich kommen wie einst. Sondern weil die Besitzer das Haus samt Gasthof veräussern wollen. Auf Homegate ist Ruedi Schiessers Universum ausgeschrieben: «Zum Umbauen! Wohnhaus mit Restaurant Löwen»: Fr. 898 000.—.Es ist nicht der erste Schlag für ihn.Ruedi hat sich nun an den Tisch gesetzt und beginnt zu erzählen. Vor einem Jahr habe er schon einmal ans Aufhören gedacht. Damals habe es ihm «das Licht gelöscht». Er sei ins Spital eingewiesen worden. «Tierli wollten mich auffressen, von innen her.» Aber als er genesen war, machte der 86-Jährige weiter im «Löwen». «Was soll ich sonst den ganzen Tag tun? In der Wohnung herumschleichen? Da bin ich nicht der Typ dazu.»Mitten im Gespräch schaut er vom Tisch auf und blickt versonnen durchs Fenster. Er beobachtet die Arbeiter auf der anderen Strassenseite. «Früher hatten wir zum Znüni die Bude voll, heute kommen die Arbeiter nicht mehr.» Vis-à-vis des «Löwen» sind sie dran, das ehemalige Fabrikgebäude der Weberei Grünthal auszuhöhlen. Mit ihren Maschinen fressen sie sich durchs Gebäude. Ein bisschen wie damals die Tierli in Ruedis Körper.Am Ende wird von der grossen Vergangenheit nur noch die Hülle stehen bleiben: das weisse Fabrikgebäude, der grosse Kamin aus ziegelrotem Backstein. «Da kommen Loft-Wohnungen rein», sagt Ruedi und zuckt mit den Schultern.Der 86-jährige «Leue»-Ruedi macht trotz allen Rückschlägen weiter. «Was soll ich sonst tun, in der Wohnung herumschleichen?»Bauboom und neue IdentitätDie Fabrik war 1856 eröffnet worden. Damals war das Tösstal ein wichtiger Standort der Textilindustrie. Die Weberei Grünthal war der grösste Arbeitgeber der Region und beschäftigte zu Spitzenzeiten über 200 Personen. Arbeiter, die ihren Feierabend gerne im «Löwen» verbrachten. Dieser war nur vier Jahre nach der Eröffnung der Fabrik gebaut worden und gehörte lange Jahre der Fabrikantenfamilie, welche die Weberei führte.Damals war es üblich, dass die Arbeiter in der Nähe der Fabrik wohnten. Das Leben spielte sich in der engeren Umgebung ab – in den Dörfern und ihren Beizen.Heute ziehen die Leute nicht mehr wegen der Arbeit ins Tösstal, sondern um hier zu wohnen: auf der Suche nach Natur, Ruhe oder einem günstigen Loft. Gearbeitet wird in den Städten, gelebt wird irgendwo dazwischen.Die S-Bahn, die die Arbeiter morgens in die Zentren saugt und abends auf dem Land wieder ausspuckt, hat dem Tösstal einen Bauboom beschert. Und die Identität seiner Dörfer verändert.«Anfänglich», sagt Ruedi, hätten die Vereine ob der vielen Neuzuzüger «Halleluja gerufen». Sie hätten sich auf die neuen Mitglieder gefreut – und einige Vereine hätten auch profitiert. Doch viele andere seien eingegangen. «Wir hatten hier einst drei Schützenvereine. Heute keinen einzigen mehr.» Und auch in die Beiz kämen die Neuzuzüger nicht. Die hätten andere Interessen. «Alle sind ständig unterwegs, haben alles durchgeplant, haben keine Zeit, sich einfach mal auf ein Bier und ein Gespräch zu treffen.» Wenn schon, müsse es etwas Besonderes sein: ein schickes Abendessen, eine teure Flasche Rotwein.Doch ganz am Anfang profitierte er noch vom Bauboom. «Ich war in den Achtzigern selbst überrascht, wie viel damals los war.» Die Arbeiter kamen zum Znüni und zum Zmittag, die Vereine und Stammgäste am Abend. «Die Bude war immer voll.»Das Haus mit dem Gasthof steht zum Verkauf.15 bis 18 Stunden Arbeit pro TagRuedi Schiesser wurde nicht in eine Wirtefamilie geboren. Als er noch nicht der «Leue»-Ruedi war, lieferte er für die Firma FBB als Chauffeur Baustoffe aus. Damals, in den sechziger Jahren, seien sie häufig «eingekehrt», auch im «Löwen». An Wochenenden habe er zum Teil in Beizen ausgeholfen. Solche Nebenjobs seien damals ganz normal gewesen.Bis aus dem Nebenjob mehr wurde.Zuerst führte er ein Restaurant in Turbenthal, dann machte er die Wirteschule und übernahm 1978 die Pacht des «Löwen». «Sauglatt» hätten sie es damals gehabt, nur geschlafen habe er wenig. Denn er arbeitete weiterhin auch als Chauffeur. «Abends kam ich kaum vor 1 Uhr ins Bett, am Wochenende noch später. Morgens musste ich zwischen 5 und 5 Uhr 30 wieder raus.» Vier Jahre lang habe er sieben Tage die Woche 15 bis 18 Stunden gearbeitet. Bis man es ihm verboten habe.Die Behörden seien eingeschritten: Mit so wenig Schlaf dürfe er nicht Lastwagen fahren. Und als Einziger mit abgeschlossener Wirteschule sei er zu wenig in seinem Gasthaus. Er musste sich für etwas entscheiden. «Und ich habe den ‹Leuen› gewählt.» Schliesslich sei das Geschäft damals super gelaufen.Wann es schlechter wurde, kann Ruedi gar nicht genau sagen. Die Veränderungen kamen schleichend. Zum Beispiel wegen gesellschaftlicher Trends: Die Leute seien disziplinierter geworden, sagt er, weniger spontan, tränken weniger. «Früher ist man nach der Feuerwehr doch, gopferdammi, nie vor 1 Uhr nach Hause gekommen.» Und die fürs Geschäft so wichtigen Vereine kämpften mit Mitgliederschwund.Daneben gab es auch Einschnitte, die das Geschäft von heute auf morgen veränderten. Zum Beispiel die Pandemie. Seither fehlten vielen Beizen die Arbeiter. «Damals hat man auf den Baustellen begonnen, den Arbeitern Container mit allem Schnickschnack hinzustellen: Tische, Stühle, Heizung und Kühlung, Mikrowelle, Kühlschrank, Fernseher. Die haben gar keinen Grund mehr, die Baustelle zu verlassen», sagt er.Die letzten Jahrzehnte, sie waren ein Ende in Raten.Der «Leue»-Ruedi machte trotzdem weiter. Im Gegensatz zu anderen Wirten konnte er sich das leisten – auch mit weniger Kundschaft: «Ich bin schliesslich seit zwanzig Jahren beim Staat angestellt.» Will heissen: Er bekommt Rente. Personal bezahlen kann er aber seit einigen Jahren nicht mehr. Und so schmeisst er den Betrieb zusammen mit seiner betagten Lebenspartnerin. Sechs Tage die Woche von 8 bis 21 Uhr.Um ihn herum beobachtet Ruedi zahlreiche Wirte, die zu kämpfen haben. «Viele kommen schlicht nicht raus und müssen schliessen. Das ist doch ein Jammer.»Ist das Aussterben der Dorfbeizen mehr als das? Ein Schaden für den gesellschaftlichen Zusammenhalt?Das klingt ihm zu hochtrabend. Klar, früher sei es schon so gewesen, dass Junge und Alte gemeinsam am Tisch gesessen seien, diskutiert, getrunken und einander «angezündet» hätten. «Heute haben alle nur noch diesen Prügel im Gesicht.» Er meint das Smartphone.Aber er will nicht über die Jungen schnöden. Die schafften sich selbst etwas, so wie sein Enkel, der sich einen Raum eingerichtet habe, um mit Freunden laut Musik zu hören. «Leider darf ich da nicht dabei sein.»Zimmer mit fliessendem Wasser wurden im «Löwen» einst angepriesen. Heute können sie nicht mehr genutzt werden. Dafür bietet die Beiz fliessenden Schnaps.«Hoffentlich macht es Ruedi noch zwanzig Jahre»Trotz allen Schwierigkeiten glaubt er, dass Beizen eine Zukunft haben – wenn man es richtig anstellt. Man müsse den Kunden ins Zentrum stellen. «Wenn einer um 13 Uhr 30 noch zum Zmittag kommen will, dann sollte man ihn nicht damit abspeisen, dass die Küche schon geschlossen ist.» Und wenn einer ein zusätzliches Stück Brot zum Salat wolle, verrechne man das selbstverständlich nicht.Neuen Wirten würde er vor allem zwei Dinge raten: «Am Morgen aufstehen und sich auf die Arbeit freuen. Und nie darüber nachdenken, was man für einen Stundenlohn hat.» Das «Münz» sei doch nicht entscheidend, «wichtiger ist, dass man für sich etwas findet, das einem eine innere Ruhe gibt».Die hat er im «Löwen» gefunden. Aber wie lange hält diese Ruhe noch, wenn doch das Haus verkauft werden soll? Das wisse er auch nicht, sagt Ruedi. Aber dass das Haus nach über einem halben Jahr noch keinen Käufer gefunden habe, beruhige ihn. «Ich bleibe so lange, wie es mein Körper mitmacht.»Vom Nebentisch ruft ein Stammgast rüber: «Ich hoffe, der Ruedi macht es noch zwanzig Jahre. Er ist einfach ein super Beizer.»«Irgendwann», sagt Ruedi, «wird der ‹Leuen› von heute auf morgen geschlossen sein. Wenn es mich lupft, ist Feierabend.» Er greift sich mit dem rechten Zeigefinger hinter die Brille und wischt beiläufig eine Träne vom Unterlid. Die Crux sei eben, sagt er, dass der Restaurantbetrieb an ihn gebunden sei. Sobald es einen Wirtewechsel gebe, müsse hier alles saniert werden, das verlangten die Behörden so. Ruedi und sein «Löwen» sind untrennbar.Der Gast vom Nebentisch ruft rüber: «Ruedi, hast du mir bitte noch ein Kaltes?» Ruedi steht auf und geht Richtung Tresen. «Ein Altes? Alte Sachen haben wir hier nicht», sagt er und zieht aus der Kühlschublade unter dem Tresen lachend ein Bier hervor.Noch lebt der «Löwen».Der «Löwen» ist über 150 Jahre alt. Man sieht es ihm an.Passend zum Artikel