Alkohol ist out, immer mehr Beizen schliessen. Doch in der Literatur feiert die Kneipe ein ComebackEine literarische Zechtour mit Stefanie Sargnagel, Peter Bichsel, Heinz Strunk und Alex Capus.Björn Hayer08.09.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenFür manche gleicht die Kneipe einer zweiten Heimat. Sie sei dort «wie in einer Fruchtblase umgeben von Liebe und Flüssigkeit», schreibt die Autorin Svenja Liesau.Annick Ramp / NZZEckkneipen bieten die schnelle Therapie. Sie sind Anlaufstelle für Einsame, Schlaflose und Alltagsflüchtende. Ein Ort der Geselligkeit, der jedoch zunehmend gefährdet ist. Sowohl in der Provinz als auch in den immer teurer werdenden Städten werden Kneipen durch schicke Bars ersetzt. Doch während altgediente Beizen schliessen, feiern sie in der Literatur ein Revival.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im jüngst erschienenen Debütroman der deutschen Schauspielerin Svenja Liesau «Es war nicht anders möglich» trösten Alkohol, ein Tresen und ein paar angetüterte Menschen mit Hang zum Palaver die von Seelenschmerz geplagte Erzählerin. Nach dem Tod ihres Vaters, der sich kaum um seine Tochter scherte, spült Martina Reimers ihren Kummer in den Kneipen Berlins herunter. Dort schreibt sie Briefe an den Verstorbenen oder lauscht den seichten Tresengesprächen.In Liesaus Roman gleicht die Kneipe einer zweiten Heimat. «Ich bin wie in einer Fruchtblase umgeben von Liebe und Flüssigkeit», schreibt Liesau. Alle tragen ihr Päckchen, und dieser Ballast verbindet. Es ist eine lose Gemeinschaft der Aussenseiter, Sonderlinge und vom Schicksal Gebeutelten. So «werde ich akzeptiert, weil ich hierherkomme, um zu trinken. Weil hier jeder irgendetwas Seltsames, meist Tragisches [. . .] von der Gesellschaft der Funktionierenden Abgestossenes an sich hat», so die Protagonistin.Bis zur Schliessstunde sind Verwertungslogik und Konkurrenzgebaren weit weg. Im Geschwätz, im Erzählen und Zuhören, mithin im Verzweiflungssuff sind alle gleich. Schlager beschwören selbst im Spelunkendunst Träume vom fernen, idyllischen Dasein herauf. In Wirklichkeit schauen die meisten nur in leere Gläser.Bilder Annick Ramp / NZZEin wenig Süsses gibt es auch, übersichtlich präsentiert. Und zum Bezahlen nutzt man im «Löwen» in Saland immer noch eine Kasse aus den 1940er Jahren.Kaputte Menschen, kaputte GeschichtenIn der zeitgenössischen Literatur hat der Kneipenroman mittlerweile ein eigenes Genre begründet. Zu den Autoren gehören auch Stefanie Sargnagel und Heinz Strunk. Erstere, wohl die Thekensoziologin der Literatur schlechthin, entfaltet in «Dicht» (2021) einen Reigen der Abstürze in den «abgefucktesten» Schuppen. Die Autorin beschreibt Randfiguren, unter ihnen «Bezirksalkoholiker», die «ab dem Vormittag die Zeit totschlugen, zum Beispiel Hugo, der schielende Elektriker, immer im Blaumann, obwohl er arbeitslos war [. . .] oder Gino, ein Hüne von über zwei Metern [. . .] und einem Gesicht wie aus einem David-Lynch-Film, der irgendwas mit Computern machte. An der Ecke sass Ernstl, ein pensionierter Installateur, der schwul war, sich aber nie geoutet hatte.»Noch krasser wirken die Gestalten in Heinz Strunks «Der goldene Handschuh» aus dem Jahr 2016. Der Roman führt in die gleichnamige 24-Stunden-Kaschemme im Hamburger Stadtteil St. Pauli, wo sich der Serienmörder Fritz Honka zumeist aufhielt. 1976 wurde er für mehrere Tötungsdelikte an Frauen zu fünfzehn Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Strunk schildert vor allem das Kneipenmilieu des Mörders. Kaputte Menschen erzählen kaputten Menschen kaputte Geschichten.Der Literaturwissenschafter Jan Behr, der zu subkulturellen Milieus in der Belletristik forscht, spricht von einer «Pornografie des Elends». Kurz vor der Verwesung stehende Menschen mit und ohne Gebiss sowie vom Stuhl kippende Scheintote vegetieren vor dem Tresen. Immer wieder mit Gestank, Schimmel und allerlei Sekreten assoziiert, erscheint die Absteige als Ort des Ekels. Mag die Bar in Svenja Liesaus Roman noch an einen rettenden Hafen erinnern, gleicht sie bei Strunk einer Deponie für havarierte Tanker.Etwas actionreicher wird es bei Alex Capus. Der Schweizer Autor greift auf eigene Erfahrungen aus der Gastronomie zurück. In seiner Heimatstadt Olten hat er die Bar «Galicia» eröffnet. Möglicherweise diente sie ihm als Inspiration für seinen jüngsten Roman «Querfeldein». Er spielt in einem Dorf an der Grenze zu Deutschland, in dem eine Wirtschaft vor hundert Jahren zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte wird. Sie gerät zu jenem Ort, an dem die Machenschaften von Schmugglern und Kriegstreibern kulminieren. Zugleich versammelt sie mehr und mehr Menschen, die sich gegen eine Usurpation ihrer Heimat zur Wehr setzen wollen.Szenetreff der kleinen LeuteDarum ging es auch einem weiteren eidgenössischen Schriftsteller: Peter Bichsel. Als Mitbegründer der ältesten genossenschaftlich betriebenen Beiz der Schweiz, des «Kreuzes» in Solothurn, beklagte der im letzten Jahr verstorbene Autor das Kneipensterben in der Provinz. In einer Epoche der zunehmenden Fremdenfeindlichkeit bieten Schankstuben eine «Ersatzheimat», wie er einmal in einer Laudatio für frisch diplomierte Hoteliers hervorhob. «Sie haben eine Verantwortung, die über das Gewinnstreben hinausgeht. Sie haben eine schweizerische Tradition zu bewahren, die des bodenständigen und handfesten Gastgewerbes.»Das Lokal erweist sich als Politikum. Zum einen weil es ein aussterbendes Biotop darstellt, zum anderen weil es – ungeachtet seiner Offenheit für jedermann – in diversen Romanen prekären Lebenssituationen Sichtbarkeit verleiht. Alfred Döblin zeigt sie etwa in «Berlin Alexanderplatz» aus dem Jahr 1929, geschrieben in einer Umbruchszeit, in der das Proletariat um seine Existenz in den Städten kämpfen musste. Als Szenetreff der kleinen Leute, vom Angestellten bis zum Gauner.Idealisierung des VersifftenSo viel Elend, so viel Traurigkeit – will man davon lesen? Wie erträgt man es, wenn in Strunks «Der goldene Handschuh» dem «Taxi-Dieter» der Unterkiefer mit einem Schlagring auf «halb acht» gehauen wird? Oder wenn sich eine Prostituierte ihre auf dem Boden verteilten Zähne mit Zementkleber wieder anzukleben müht? Als Schmierenkomödie haben derlei Szenen, bei denen einem auch das Lachen im Halse stecken bleibt, durchaus einen Unterhaltungswert. Sie triggern den Voyeurismus und das Interesse am Abseitigen, gleichzeitig gewähren sie Einblicke in Lebenssituationen, die manchen unbekannt sind.Obgleich Autoren wie Heinz Strunk die dunkle Seite der Kneipenwelt mit ihren Prügeleien und ihrer Trostlosigkeit aufzeigen, wohnt dem Genre ein Hang zur Idealisierung inne. Kneipen sind eben auch Projektionen. Prosatexte über die Geschehnisse hinter und vor der Theke bedienen unsere Lust an Tratsch. Denn was wird dort neben Alkohol und bisweilen schmalzigen Schlagern sonst geboten ausser Geschichten, dem eigentlichen Pfund der Literatur?Mittlerweile kommt dem Kneipenroman auch eine konservierende Funktion zu. Er bedient eine Sehnsucht nach Austausch, und zwar über Milieugrenzen und Unterschiede hinweg. Während altgediente Beizen schliessen, bleiben sie in der Literatur bestehen. Immerhin findet man verlotterte Ecken und kuriose Gäste noch zwischen den Buchdeckeln.Alex Capus: Querfeldein. Hanser-Verlag, München 2026. 288 S., Fr. 37.90. Svenja Liesau: Es war nicht anders möglich. Rowohlt-Verlag, Berlin 2026. 240 S., Fr. 36.90. Stefanie Sargnagel: Dicht. Rowohlt-Verlag, Hamburg 2021. 256 S. Fr. 22.90. Heinz Strunk: Der goldene Handschuh. Rowohlt-Verlag, Hamburg 2017. 256 S. Fr. 22.90.Passend zum Artikel