Brandbeschleuniger Bundesrat: Albert Rösti streicht die Millionen, die den Wald fit für den Klimawandel machen solltenDer Bundesrat kürzt ausgerechnet im Hitzejahr 2026 die Mittel, um den Wald zukunftstauglich umzubauen. Das Vorgehen ist brandgefährlich für die Zukunft der grünen Lunge der Schweiz.«Diese Fichten sind schon tot»: Ständerat Daniel Fässler zeigt im Appenzeller Wald abgestorbene Bäume.Sara Spirig für NZZKonzentriert steuert Daniel Fässler über das schmale Bergsträsschen im Alpstein. «Da sehen Sie schon, wie trocken die Weiden sind», sagt der Appenzeller Ständerat und zeigt aus dem Fenster auf das Braun, das einmal Gras war. Das Strässlein windet sich in engen Kurven den Berg hoch, vorbei an einer Kapelle. «Hier zünde ich manchmal eine Kerze an», sagt Fässler und entdeckt dann schon wieder etwas im Wald: «Diese Buche da hat klar zu trocken.» Er zeigt auf einen Baum mit verfärbten Blättern. Neben einer Holzbeige parkiert Fässler und nimmt zwei grosse Wasserkessel aus dem Kofferraum. Er will nach seinen Bäumen schauen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Steil geht es auf einem kleinen Trampelpfad den Hang hinunter. Die Wanderschuhe wirbeln Staub auf. «Diese Fichten sind schon tot», sagt er und bricht ein Stück Rinde vom kahlen Baum ab. Das steile Stück Bergwald gehört Fässler und seinen Geschwistern. Er ist Präsident des Dachverbandes Wald Schweiz und damit oberster Waldbesitzer. Im unwegsamen Gelände hat der Mitte-Ständerat vor vier Jahren neue Eichen und Kastanien gepflanzt. Sie bereiten ihm Sorgen. «Dieser Ast hier ist komplett abgestorben, das Laub total vertrocknet», sagt er und giesst die angeschlagenen Jungbäume. «Eigentlich müssten Kastanien und Eichen die Hitze gut vertragen.» Doch diesen Sommer geraten Gewissheiten ins Wanken.Ist persönlich enttäuscht von Bundesrat Rösti: Mitte-Ständerat Daniel Fässler kritisiert die Streichung der Klima-Gelder scharf.Selbst hitzeresistente Baumarten kriegen ProblemeDass es selbst Fässlers jungen Eichen schlecht geht, ist kein gutes Zeichen. Denn mit fast 900 Metern über Meer befinden sie sich klimatisch in einer bevorzugten Lage. Im Mittelland und im Jurabogen setzen Hitze und Trockenheit der grünen Lunge der Schweiz noch viel härter zu. Der Rekordsommer 2026 mit seinen heftigen Hitzewellen zeigt, dass der Wald in seiner heutigen Form keine Zukunft hat. Er ist zu empfindlich gegenüber Trockenheit und Hitze.«Der Klimawandel setzt den Bäumen härter und schneller zu, als ich je gedacht habe», sagt Fässler. Dennoch hat er die Krise kommen sehen. Bereits 2020 hat er eine Motion verfasst, mit der er zusätzliche Mittel für den klimatauglichen Umbau des Waldes verlangte. 100 Millionen Franken, verteilt auf vier Jahre, unter anderem, um hitzeresistente Bäume zu pflanzen. Das Parlament stimmte fast ohne Gegenstimmen zu. 2023 reichte Fässler einen zweiten Vorstoss ein und forderte die unbefristete Verlängerung. Auch diesmal sagten die Räte deutlich Ja, obwohl der Bundesrat von Beginn weg aus finanziellen Gründen dagegen war. Ein grosser Erfolg für den Ständerat.Doch dann begann das Trauerspiel. Nur ein Jahr später kürzte das Parlament die Mittel um ein Drittel. Und nun sind sie plötzlich ganz weg. Wie Recherchen der «NZZ am Sonntag» zeigen, hat Umweltminister Rösti sie aus der Finanzplanung für die kommenden Jahre gestrichen. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) bestätigt die Recherchen. «Diese Gelder stehen ab 2027 nicht mehr zur Verfügung.» Der Bundesrat könne im Rahmen der Finanzplanung Änderungen vornehmen, so das Bafu.Am Holztisch vor seiner Waldhütte breitet Daniel Fässler die Unterlagen zum Thema aus. Es hat sich bei ihm etwas angestaut: «Es ist bemühend, wenn der Bundesrat klare Entscheide des Parlaments nicht umsetzt.» Das Vorgehen der Landesregierung ist für Fässler angesichts der Hitzekrise unverständlich. «Der Handlungsbedarf ist erwiesen und unbestritten.» Die Sparmassnahmen seien brandgefährlich.«Ich bin mit Holz aufgewachsen»: Ständerat Daniel Fässler ist oberster Waldbesitzer des Landes.Welche dramatischen Folgen verfehltes Waldmanagement haben kann, lässt sich im Ausland sehr gut aufzeigen. Ein Extrembeispiel ist der Harz. Seit Jahrhunderten ist der Wald im deutschen Mittelgebirge von der Fichte geprägt. Doch die zunehmenden Hitzesommer und fehlender Niederschlag setzten den Nadelbäumen zu. Vor allem 2018 war ein Katastrophenjahr. Anschliessend fielen Borkenkäfer über die geschwächten Bäume her und rafften Zehntausende Hektaren dahin. Gewaltige Mengen Totholz und Trockenheit – eine toxische Mischung. Prompt brach vor zwei Jahren am bekannten Ausflugsgipfel Brocken ein Grossbrand aus. Über 500 Touristen mussten vom Berg evakuiert werden, es folgten tagelange Löscharbeiten im Nationalpark.Der Harz ist ein Extrembeispiel, das sich nicht eins zu eins mit den Schweizer Verhältnissen vergleichen lässt. Doch auch hierzulande ist die Fichte die wichtigste Art. Sie gilt als Brotbaum der Forstbranche. Doch die Fichte ist flachwurzlig und kommt bei Trockenperioden rasch an ihre Grenzen. Sie dürfte deshalb im Mittelland keine Zukunft haben.Kantone: «Die Sparmassnahme kommt zur Unzeit»Mittlerweile schlagen auch die Kantone Alarm. «Die jetzige Situation mit der Trockenheit, dem frühzeitigen Blattabfall und der akuten Waldbrandgefahr zeigt den nochmals gestiegenen Handlungsbedarf leider deutlich auf», sagt der Innerrhoder Mitte-Regierungsrat Stefan Müller. Er ist im Vorstand der kantonalen Konferenz für Wildtiere, Wald und Landschaft. Dort ist man verärgert über das Vorgehen des Bundesrats. «Die Streichung kommt zur Unzeit», so Müller. Die Hitzeperiode werde im Schweizer Wald grosse Schäden und Folgekosten verursachen. Nach dem zweimaligen Ja des Parlaments sei die Kürzung «staatspolitisch nicht verständlich».Normalerweise stirbt der Wald leise und von der Öffentlichkeit unbemerkt. Doch mit den europaweiten Waldbränden hat das Thema eine neue Dringlichkeit. «Seit dem Trockenjahr 2003 ist die Waldbrandgefahr auch nördlich der Alpen zunehmend», so Müller. Die Lage sei derzeit dermassen angespannt, dass nur «ein Funke» genüge, um ein Feuer zu entfachen. Wissenschafter der Forschungsanstalt WSL gehen davon aus, dass die Anzahl Tage mit extremer Feuergefahr stark zunehmen wird. Je nach Klimaszenarium und Standort könnten sie sich im Extremfall verdoppeln.Die internationale Katastropheneinheit von @fire Schweiz setzt sich für die Ausbildung der Feuerwehren bei Waldbränden ein. Bei den Feuerbekämpfern ist längst angekommen, wie wichtig das Waldmanagement für die Prävention ist. «Alles, was Richtung Monokultur geht, ist schlecht, und Brände sind im Einsatzfall schwieriger zu bekämpfen», sagt Joel Schwendimann. Nicht alle Bäume entflammen gleich rasch: «Totholz und ausgedörrte Bäume, insbesondere Nadelholz, sind bei lange andauernder Trockenheit besonders brandgefährlich», warnt Schwendimann, der beim Verein Teamleiter Schweiz ist.Die Fichte ist der Hitze nicht mehr gewachsen: Daniel Fässler sorgt sich um den Schweizer Wald.Zurzeit experimentieren die Förster überall im Land mit neuen Baumarten. Neben der Eiche setzen viele auf Spitzahorn, Kirsche oder Douglasie. «Im Idealfall haben wir einen Mischwald mit verschiedenen Baumarten, gemischten Höhenprofilen und unterschiedlichem Alter», so Schwendimann. Ein solcher Wald sei gegenüber Trockenheit resilienter. Er könne vermehrt Feuchtigkeit speichern, und im Brandfall lasse sich ein Feuer auch besser bekämpfen. Der Experte sagt, den Wald so neu aufzustellen, sei eine «Mehrgenerationenaufgabe», die auf das Land zukomme. «Dies ist mit Aufwand und Kosten verbunden, jedoch zum Erhalt des wertvollen Lebensraumes Wald unabdingbar.»Umso stossender ist für die waldinteressierten Kreise, dass der Bundesrat nun die Mittel für genau diesen Umbau zusammenstreicht. Bereits im Januar hat ein Vertreter des Bafu die Oberförsterkonferenz über die drohende Kürzung informiert. Im internen Sitzungsprotokoll ist dazu vermerkt: «Das stösst bei den Anwesenden auf grosses Unverständnis.»Die Ohnmacht der Schweizer FörsterDie Schweiz war einst das Pionierland der nachhaltigen Waldbewirtschaftung. Mit der Industrialisierung und dem starken Bevölkerungswachstum wurde der Wald im 19. Jahrhundert massiv übernutzt – was sich brutal rächen sollte. Vor allem in den Alpentälern fehlte er als Wasserspeicher und Puffer bei Starkniederschlägen. 1868 kam es nach tagelangen Regenfällen im Tessin, in Graubünden und der Innerschweiz zu heftigen Überschwemmungen. Die Katastrophe forderte über fünfzig Todesopfer und gilt heute als Geburtsstunde der modernen Waldgesetzgebung.Das erste eidgenössische Waldgesetz von 1876 stoppte den Kahlschlag der Schutzwälder und gilt bis heute als Lehrbuchbeispiel für zukunftsgerichtete Politik – heute hingegen fühlen sich die Försterinnen und Förster von Bundesbern im Stich gelassen.«Ich spüre eine gewisse Ohnmacht», sagt der Solothurner Kantonsförster Rolf Manser. Seit mittlerweile 34 Jahren setze er sich für den Erhalt des Waldes ein. Nun könne er praktisch nichts mehr machen und müsse zuschauen, wie der Wald jeden Tag brauner werde. «So etwas wie dieses Jahr habe ich noch nie erlebt», erzählt der erfahrene Förster. Er hat in seinen Wäldern ein neues Phänomen entdeckt. Immer mehr Bäume verlieren grüne Blätter. Das zeige, dass es ihnen nicht mehr gelinge, die Nährstoffe aus dem Laub zurückzuziehen, bevor sie es abwürfen. «Die Veränderungen im Wald sind zurzeit so radikal und schnell, dass die Forschung nicht mehr nachkommt», so Manser.Dass der Bundesrat die Gelder für den Umbau streicht, ist für ihn ein Affront. Der Wald verliere gleich doppelt. Das Programm war so konzipiert, dass die Kantone die Bundesgelder mit eigenen Mitteln ergänzt haben. «Wenn der Bund nicht mehr zahlt, werden auch sie sich zurückziehen», so befürchtet Manser.Doch warum soll die öffentliche Hand überhaupt Steuergeld sprechen? Schliesslich gehört viel Wald oft auch privaten Besitzern, die mit dem Holzschlag Geld verdienen können. Ist der Wald überhaupt eine Staatsaufgabe? «Der Wald erbringt sehr grosse gesellschaftliche Leistungen, die nicht abgegolten werden», sagt der Oberförster Manser. Der Wald speichert sehr viel CO2, er ist ein wichtiger Lebensraum für Tiere, und besonders wichtig ist er dort, wo er auch eine Schutzfunktion bezüglich Naturgefahren hat. Der grösste Teil der zusätzlichen Gelder ist bisher in die Schutzwälder geflossen.Wie wichtig der Wald für die Bevölkerung ist, zeigt jeweils das grosse vom Bund durchgeführte Waldmonitoring. Bei der letzten Ausgabe von 2022 gaben 95 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer an, den Wald regelmässig als Erholungsraum zu nutzen. Hunderttausende Jogger, Spaziergänger und Hündeler sind im Schweizer Wald unterwegs. Die Mehrheit der Befragten fühlt sich nach einem Waldbesuch entspannter. Gerade mit den steigenden Temperaturen dürfte die Bedeutung des Waldes als kühlender Oase steigen.Getroffen hat den umstrittenen Entscheid Umweltminister Albert Rösti. Sein Departement schreibt der «NZZ am Sonntag», dass die Kürzungen im Zusammenhang mit den Entlastungsmassnahmen getroffen worden seien. «Für Bundesrat Rösti sind Investitionen in den Wald, gerade wenn es um Anpassungen an den Klimawandel geht, selbstverständlich sehr wichtig.» Wie bei jeder Ausgabe müsse aber auch bei dieser die Schuldenbremse eingehalten werden. Deshalb habe sich der Gesamtbundesrat gegen die Weiterführung entschieden.Wasser schleppen für die Jungbäume: Fässler hat in seinem Wald Eichen und Kastanien gepflanzt. Doch selbst diese als robust geltenden Arten kommen jetzt an ihre Grenzen.Wald oder Waffen? Der Verteilkampf um GeldSupport kriegen Rösti und das Gremium aus der SVP. Nationalrat Lars Guggisberg räumt ein, dass es dem Wald nicht gut gehe. «Auch ich sehe, dass wir ein Problem haben und es Handlungsbedarf gibt.» Doch er lehne zusätzliche Ausgaben ab. «Der Bund hat finanziell wirklich schwierige Zeiten vor sich», so der Finanzpolitiker. Guggisberg sieht auch die Kantone in der Pflicht und sagt, der Bund gebe auch ohne die zusätzlichen Mittel pro Jahr über 150 Millionen Franken für den Wald aus. «Das ist sehr viel Geld und muss einfach reichen.» Notfalls müsse man die Gelder halt umverteilen. Aus geopolitischen Gründen habe für ihn derzeit die Aufrüstung der Armee Priorität. «Wenn ich entscheiden muss, ob der Wald mehr Geld kriegt oder wir unsere Armee wieder verteidigungsfähig machen, dann ist mein Entscheid klar.»In der Budgetdebatte muss sich das Parlament noch einmal mit den Geldern befassen. Harte Verteilkämpfe sind vorprogrammiert.Daniel Fässlers Vater führte eine grosse Sägerei. Der heutige Ständerat hat als Kind viel im elterlichen Betrieb mitgeholfen. «Ich bin mit Holz aufgewachsen», erzählt er, während er nochmals zwei gefüllte Kübel den Berg hochträgt. Fässler fasziniert, dass der Wald in Zyklen wächst, die länger als ein ganzes Menschenleben dauern. «Bäume pflanzt man nicht für sich selber», sagt er bei seinen angeschlagenen Jungbäumen. «Bäume pflanzt man für seine Enkel.» In der schnelllebigen Politik sei es nicht einfach, dafür Verständnis zu schaffen. Doch von Bundesrat Rösti sei er persönlich enttäuscht. «Als Berner Oberländer und Bergler müsste er wissen, wie wichtig der Wald ist.»Passend zum Artikel
Rösti streicht Millionen, die den Schweizer Wald fit für den Klimawandel machen sollten
Der Bundesrat kürzt ausgerechnet im Hitzejahr 2026 die Mittel, um den Wald zukunftstauglich umzubauen. Das Vorgehen ist brandgefährlich für die Zukunft der grünen Lunge der Schweiz.







