Politische Botschaften zwischen Bratwürsten und Koteletts: Polens früherer Regierungschef Morawiecki lotet seine Zukunftschancen ausDie von der grössten polnischen Oppositionspartei PiS abtrünnigen Politiker um Mateusz Morawiecki wollen eine moderate konservative Alternative anbieten. Mit einer Parteigründung warten sie aber noch ab.Paul Flückiger, Poznan01.08.2026, 17.54 Uhr4 LeseminutenPolens früherer Regierungschef Mateusz Morawiecki hat sich mit einigen Dutzend Mitstreitern von seiner bisherigen politischen Heimat PiS gelöst.Radek Pietruszka / EPA PAPRauchschwaden von einem Dutzend Grillstände waberten am Freitag über den Innenhof des angesagten Komplexes «Klein-Warschau» im Warschauer Stadtteil Praga. Der Putz vieler Wände ist abgeblättert, doch hinter der Hauptbühne rankt sich freundlicher Efeu die Backsteinmauer hoch. Hier finden oft Raves oder Live-Konzerte statt. Am Freitag jedoch lud der frühere Ministerpräsident Mateusz Morawiecki zu einem Picknick in den bei der Bohème angesagten Osten der polnischen Hauptstadt ein. Für Medienvertreter war der Zugang eingeschränkt. Die Veranstaltung konnte aber im Internet in Echtzeit verfolgt werden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ausnahmsweise auch am Freitag GrillfleischMorawiecki hatte sich am Mittwoch mit der Gründung einer neuen Parlamentsfraktion von der grössten polnischen Oppositionspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) de facto abgespalten. Dem PiS-Vorsitzenden und Parteigründer Jaroslaw Kaczynski machte er damit 41 Abgeordnete in beiden Parlamentskammern abspenstig. Davor hatte Kaczynski die Auflösung von Morawieckis parteiinterner Faktion «Entwicklung Plus» verlangt. Als dieser nicht nachgeben wollte, drohte er den Abweichlern mit dem Parteiausschluss. Der Bruch in der PiS ist zum dominierenden Thema in Polen geworden. Laut Umfragen kann sich jeder dritte Pole vorstellen, bei den im Herbst 2027 anstehenden Parlamentswahlen für Morawieckis neue Gruppe zu stimmen. Das Grillieren mit Morawiecki sollte erste Hinweise darauf geben, wohin diese politische Reise gehen könnte.Zum Auftakt seiner immerhin zehnstündigen Veranstaltung bei gut 34 Grad machte Morawiecki klar, dass bei diesem Anlass ein breites Spektrum von Meinungen willkommen sei. Er trat jugendlich in Turnschuhen auf. Unter fast schon frenetischen Jubelrufen seines Vornamens brach der 58-Jährige eine Lanze für ein Polen ambitionierter Bürger, die trotz dem Chaos in der Welt und einem sich verlangsamenden Wirtschaftswachstum an eine Chance Polens glaubten. Der Glaube an die Zukunft, klare Regeln und die zehn Gebote, so sagte Morawiecki, brächten Polen weiter. Willkommen seien auch jene, die nicht an Gott glaubten, unterstrich er.Dies sind neue Töne, die man bei der PiS während ihrer vergangenen Regierungsjahre 2015 bis 2023 nicht hörte. Gleichzeitig liess «Entwicklung Plus» noch am Vortag des Picknicks verlauten, die neue politische Gruppe habe bei der Kirche eine Ausnahmeregelung erhalten, so dass die Besucher auch am Freitag Fleisch essen dürften. In Polen beachten nämlich viele noch das Fleischverbot der katholischen Kirche für den fünften Wochentag.Morawiecki will niemanden vor den Kopf stossenDieser Spagat ist symbolisch für das ganze Treffen. Morawiecki war ganz offensichtlich darauf bedacht, niemanden vor den Kopf zu stossen, besonders auch aus der PiS. An fünfzehn Diskussionspodien im Innenhof von «Klein-Warschau» und dessen umliegenden post-industriellen Hallen nahmen laut den Organisatoren etwas über tausend Interessenten teil. Zentral war ein Podium, das mit zum Teil ehemaligen, konservativen Mitgliedern der derzeitigen liberalen Regierungspartei Bürgerplattform besetzt war. Dieses wollte die Möglichkeit einer künftigen Rechtsregierung für Polen ausloten, die ohne Parteien aus dem Regierungsbündnis des gegenwärtigen Regierungschefs Donald Tusk auskommt.Am Grillfest der Fraktion «Entwicklung Plus» von Mateusz Morawiecki nahm auch der ehemalige Schachweltmeister Garri Kasparow (links), heute ein russischer Oppositionspolitiker im Exil, teil.Pawel Supernak / EPABesucht wurde die Diskussion indes von nur hundert bis zweihundert Zuhörern, unter denen mittelalte Männer die Mehrheit bildeten. Die meisten der Picknickbesucher widmeten sich informellen Gesprächen und Selfies zwischen den Essensständen oder spielten mit Morawiecki Tischtennis. Manche besuchten auch den Schiessstand mit Lasergewehren im kühlen Keller. Erst gegen Abend gesellten sich zu den Diskussionsveranstaltungen online bis zu 11 000 Zuhörer hinzu.Online gut besucht waren Diskussionen über Polens demografisches Problem, über Migration und – überraschend – auch ein mit linken Publizisten besetztes Podium, an dem unter anderem die junge Linkspolitikerin Paulina Matyszak teilnahm. Matyszak hatte in der vergangenen Legislaturperiode mehrmals zusammen mit der PiS gestimmt.Demografiepolitisch hatte sich die PiS-Regierung unter der vergessenen Premierministerin Beata Szydlo (im Amt von 2015 bis 2017) mit der Einführung eines Kindergeldes viel Goodwill erworben. Laut Morawiecki wurde dieser indes nach der rein rechnerisch gewonnen Parlamentswahl vom Herbst 2023 verspielt, da PiS zwar als stärkste Partei daraus hervorging, aber nicht koalitionsfähig war und so keine Regierung bilden konnte. «Unsere Mission wurde unterbrochen», sagte Morawiecki am Freitagabend in einer rund halbstündigen Rede. Er machte aber auch klar, dass er stolz auf die acht Regierungsjahre der PiS stolz ist.Die Parteigründung lässt auf sich wartenWer erwartet hatte, dass er nun die Gründung einer neuen Partei ankündigen würde, sah sich getäuscht. Er kritisierte Kaczynski nur zwischen den Zeilen für dessen ewiges Gezeter und Geschrei und griff stattdessen Tusk frontal an. Der aktuellen Regierung warf er Zynismus, Lügen und Passivität vor. Polen brauche jedoch vielmehr wieder ein starkes Zentrum mit Vision und Kompetenz. Es seien Bürger mit einen modernen Patriotismus und einer klaren Identität vonnöten, die auf die Zukunft hin ausgerichtet sei und so als Kraftquelle dienen könne.Laut ersten Umfragen dürfte Morawieckis neue Bewegung vor allem der PiS, aber auch der rechtsextremen Konföderation und Tusks Regierungskoalition ein paar Stimmenprozente kosten. «Die alten wirklich liberal-konservativen und nicht wie heute links-verwaschenen Bürgerplattform-Mitglieder der ersten Stunde à la Jan Rokita und Boguslaw Sonik am Morawiecki-Grillieren erfüllen mich mit Hoffnung», meinte eine Teilnehmerin am Telefon. Viele politische Kommentatoren erwarten, dass Morawiecki im Herbst tatsächlich eine neue Partei gründet. Bis dann dürften sich seiner Bewegung weitere bisherige PiS-Mitglieder angeschlossen haben.Passend zum Artikel