Das Phantom legt uns die Hände auf die Schultern, wir weichen zurück. Der Maskierte geht die Holztreppe vor uns hinunter, tritt in den Lichtkreis, wartet auf seine Christine. Eine schnelle Klavierkaskade ertönt, verstummt, keiner sagt etwas. Alle blicken in den Lichtkreis, alle tragen Masken. Viele Frauen sind in Abendkleidern gekommen, Männer in schwarzen Anzügen, manche mit weißen Handschuhen. Sie haben sich Sticker auf die Kameralinsen ihrer Handys kleben lassen, wurden in Gruppen aufgeteilt und durch immer neue Räume geführt: Samtsofas, antik aussehende Spiegel, Kerzenlicht. Eine Gestalt im Umhang, nicht das Phantom, beugt sich zu einer anderen Zuschauerin hinab und flüstert ihr etwas ins Ohr.Andrew Lloyd Webbers „Phantom der Oper“ ist zurück in New York. Aber nicht dort, wo es 35 Jahre lang gespielt wurde, sondern „Off Broadway“ in einem umgebauten Kaufhaus an der West 57. Straße in Manhattan. Die Gäste von „Masquerade“ folgen den Schauspielern über mehrere Stockwerke eines fiktiven Pariser Opernhauses. Ähnlich wie bei der mittlerweile geschlossenen Produktion „Sleep No More“ kommen sie den Darstellern nahe, werden selbst zum Teil eines Maskenballs. Wer den vollen Preis dafür bezahlt, ist mehr als 300 Dollar los.Lloyd Webbers dramatischer AppellMehr als vier Jahrzehnte nach seiner Entstehung in London begeistert das „Phantom“ also in einer völlig neuen Verpackung. Am Broadway musste eine andere Neuerfindung eines Musicals von Lloyd Webber zur gleichen Zeit aufgeben. Trotz guter Kritiken und obwohl auch „Cats: The Jellicle Ball“ als Zeichen dafür galt, dass die Reinterpretation von Broadway-Klassikern populär ist, war nach vier Monaten Schluss. Dabei hatte die Produktion, die drei Tony Awards gewann, zeitweise mehr als eine Million Dollar pro Woche eingenommen. Dennoch konnte das Stück die Produktionskosten von rund 18 Millionen Dollar nicht wieder einspielen.Mit dem Scheitern dieses Herzensprojekts, das er bei einer Party als „DJ Webz“ beworben hatte, hing wohl auch der Appell zusammen, mit dem sich Lloyd Webber kürzlich zu Wort meldete. Der Broadway sei mehr als eine Straße, er sei eine der größten kulturellen Ideen, die Amerika je gehabt habe, die nun in Gefahr sei, schrieb der britische Komponist. Es sei wegen der immensen Kosten kaum noch rentabel, dort ein Stück zu produzieren. Die Menschen, die Macht über die Zukunft des Broadway hätten, müssten zusammenkommen, „bevor es zu spät ist“, forderte Lloyd Webber.Wie schlecht läuft es am Broadway wirklich?Die Zahlen erzählen auf den ersten Blick eine andere Geschichte, denn der Broadway hat sich seit dem Covid-Stillstand mehr als erholt. In der Spielzeit 2025 und 2026 setzten die Theater hier 1,91 Milliarden Dollar um, so viel wie noch nie. Rund 14,6 Millionen Menschen besuchten 74 Produktionen, mehr als neunzig Prozent der verfügbaren Plätze waren besetzt. Von einem Publikum, das dem Theater den Rücken kehrt, kann keine Rede sein. Wie kann die Branche also Rekordeinnahmen melden und sich nach Ansicht eines ihrer berühmtesten Komponisten und Produzenten in einer existenziellen Krise befinden?Andrew Lloyd Webber und Madeleine Gurdon bei den Tony Awards 2025 in der Radio City Music Hall in New YorkEvan Agostini/Invision/APDie Antwort liegt im Unterschied zwischen Umsatz und Gewinn, sagt Produzent Scott Zeiger. Der Broadway als Ganzes könne boomen, während einzelne Produktionen Millionen verlieren. Die Einnahmen von Dauerbrennern wie „Wicked“, „Hamilton“ oder „The Lion King“ helfen einem neuen Musical nicht, seine Rechnungen zu bezahlen. Ebenso wenig sagten ausverkaufte Vorstellungen viel darüber aus, ob eine Show das Geld zurückverdiene, das investiert worden sei. Zeiger, der seit den Achtzigerjahren am Broadway und im Tourneegeschäft arbeitet, hält Lloyd Webbers Diagnose deshalb im Kern für richtig. Er kennt dessen Werk seit Jahrzehnten, betreute auch die ersten Nordamerika-Tourneen von „Cats“ und „Phantom der Oper“. „Es gibt keinen Zweifel, dass wir eine Kostenkrise haben“, sagt Zeiger.Kostenkrise statt PublikumskriseAlles sei teurer geworden, sagt er: die Gagen für Schauspieler, Musiker und Bühnentechniker, der Betrieb der historischen Theatergebäude, Versicherungen, Werbung und Mieten. Für die Vermarktung einer großen Produktion könnten 200.000 Dollar pro Woche anfallen. Vor zehn Jahren habe ein Wochenumsatz von einer Million Dollar bei einem Musical noch einen Gewinn von vielleicht 250.000 Dollar bedeutet. Heute bedeute dieselbe Zahl bei einer aufwendigen Produktion oft nur noch: schwarze Null.So war es auch bei „Cats: The Jellicle Ball“. Die Produktion war kein künstlerischer Fehlschlag. Sie verwandelte Lloyd Webbers Musical in eine Geschichte aus der New Yorker Ballroom-Kultur, die seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts von queeren Schwarzen und Latinos geschaffen wurde. Broadway-Darsteller standen für „Jellicle Ball“ mit Künstlern aus der Ballroom-Szene auf der Bühne. Es war jene Art von Erneuerung, die sich viele am Broadway seit Jahren erhoffen: diverser, moderner und offener für ästhetische Traditionen, die abseits der großen Theater entstanden. Doch die kulturelle Bedeutung, die bei Preisverleihungen gefeiert und auch vom Publikum honoriert wurde, konnte die Bilanz nicht retten.Neue Shows verschwinden schneller als früherFür viele, die am Broadway auf der kreativen oder Dienstleisterseite arbeiten, ist diese Widersprüchlichkeit schon lange spürbar und nicht überraschend, sagt Lilli, die seit zwanzig Jahren als Schauspielerin arbeitet und als Jugendliche in der Originalproduktion von „Spring Awakening“ auftrat. Sie beobachte seit der Pandemie, dass neue Shows immer schneller verschwinden. „Manchmal arbeitet man zehn Jahre lang an einer Show“, erzählt Lilli. „Dann wechselt sie an den Broadway, und selbst wenn viele Tickets verkauft werden, kann die Produktion sich nicht halten, weil der Betrieb so teuer ist.“ Lilli hat zwei Kinder und macht auch Synchron-, Film- und Fernsehjobs. „Wenn ich nur am Theater arbeiten würde, könnte ich meine Familie nicht ernähren.“Starökonomie: George Clooney bei der Premiere des Stücks „Good Night, and Good Luck“ am BroadwayAndy Kropa/Invision/APLloyd Webber beklagt, dass auch viele Autoren, Komponistinnen und Regisseure auf einen Teil der Tantiemen oder Gagen verzichteten, damit ihre Stücke überhaupt produziert werden. Die Investoren müssten damit rechnen, nur einen Bruchteil ihres Kapitals wiederzusehen. Erfolgreich ist heute vor allem, was vor der Premiere Aufmerksamkeit garantiert: bekannte Stoffe und zeitlich begrenzte Produktionen mit Filmstars. Wer George Clooney oder Denzel Washington sehen will, akzeptiert Ticketpreise von mehreren Hundert Dollar.Starökonomie verändert KaufverhaltenDie Starökonomie verändere das Verhalten des Publikums. Früher, sagt Zeiger, hätten Touristen bei einem New-York-Besuch vielleicht drei oder vier Broadway-Shows gesehen. Heute geben manche ihr gesamtes Theaterbudget für eine einzige, extrem teure Vorstellung aus: „Danach ist das Broadway-Budget aufgebraucht.“ Auch die Anforderungen an das Marketing hätten sich völlig verändert. Als „Spring Awakening“ 2006 herauskam, hatte die Produktion weder Stars noch eine bekannte Marke, erinnert sich auch Lilli. Sie wuchs durch Mundpropaganda, Kritiken und die Tony Awards. Heute müsse eine Show auch auf Instagram und Tiktok funktionieren. Influencer werden zu Vorstellungen eingeladen, einzelne Szenen müssen sich in kurze Clips verwandeln lassen.Und dann sind da natürlich die Mieten. Der Broadway sei im Grunde ein Immobilieninvestitionsmodell, meint die Schauspielerin. Die Theater stehen auf einigen der teuersten Grundstücke der Welt und gehören wenigen großen Firmen. Eine Produktion kann nicht einfach in eine günstigere Halle nach Queens oder Brooklyn ausweichen und weiterhin als „Broadway“ gelten. Trotzdem herrsche kein Mangel an neuen Stücken, sagt Zeiger. Derzeit konkurrierten sicher siebzig Projekte um ein Dutzend verfügbare Häuser, schätzt er. Das spricht gegen die These vom sterbenden Broadway. Es zeigt aber auch, wie groß die Macht der Theaterbesitzer ist.„Masquerade“ erscheint manchen vor diesem Hintergrund wie ein Gegenmodell. Die Produktion hat, wie „Sleep No More“ und andere vor ihr, den traditionellen Theaterraum verlassen. Die Besucher bezahlten für ein Erlebnis, nicht nur, um etwas passiv zu sehen, heißt es von den Machern des immersiven Theaters oft. Der Produzent Randy Weiner, der hinter „Masquerade“ und „Sleep No More“ steht, erklärte zur Schließung von „The Jellicle Ball“, er könne sich vorstellen, auch diese Produktion in einer neuen Form zu übernehmen, womöglich als Mischung aus Musical und Nachtklub an einem weniger kostenintensiven Ort.Dass der Broadway selbst in der Krise ist, ist schwer zu glauben. Die Häuser sind voll, die Einnahmen hoch, und mehr Produzenten suchen nach Spielstätten, als Theater verfügbar sind. Aus der Perspektive derjenigen, die am Broadway arbeiten oder gearbeitet haben, gibt es aber eine Kostenkrise und eine Krise der Risikoverteilung. Investoren tragen das Risiko, ihr Kapital zu verlieren. Künstler tragen das Risiko schlecht bezahlter Arbeit und plötzlicher Arbeitslosigkeit. Produzenten schützen sich durch Stars und bekannte Stücke, Theaterbesitzer durch hohe Mieten.Die wahrscheinlichste Zukunft sind deshalb nicht dunkle Theater, wie in Lloyd Webbers Warnung. Doch auf den Bühnen könnten zunehmend nur noch die „sichersten“ Shows laufen: massentaugliche Musicals, Revivals und zeitlose Welterfolge mit Filmstars. Der Broadway könnte eines Tages boomen, aber genau jene künstlerische Vielfalt verlieren, die ihn einmal kulturell bedeutend machte.