Elf Jahre musste man sich gedulden, wenn man wissen wollte, wie Vladek Spiegelman die Schoa überlebt hatte, und dann endete das letzte Kapitel mit seinem Grabstein. 1982 war Art Spiegelmans Vater, Jahrgang 1908 und bis 1939 jüdischer Textilkaufmann in Polen, in den USA gestorben, doch in den Jahren zuvor hatte sich sein Sohn von ihm erzählen lassen, was ihm unter den Deutschen widerfahren war. Art Spiegelman, geboren 1948 in Stockholm, kurz vor der Abreise seiner Eltern aus Europa, in dem nur noch die Gräber ihrer Familien lagen, sollte daraus einen Comic machen, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Vladek Spiegelman sah noch die ersten Kapitel und war nicht glücklich damit.Auch weil die Sache unter Ausschluss der Öffentlichkeit begann. 1980 war es losgegangen, in der zweiten Ausgabe der großformatigen, aber nur in geringer Auflage vertriebenen Comicanthologie „Raw“, die Art Spiegelman und seine Frau Françoise Mouly in New York publizierten. Darin eingeklebt: ein kleines Extraheft mit dem Titel „Maus – A Survivor’s Tale“ und dessen erstem Kapitel. Und genau so, als Bestandteile von „Raw“, erschienen auch die weiteren Fortsetzungen, bis das Magazin 1991 eingestellt wurde. Das letzte Kapitel bekam man erst nachgereicht, als kurz darauf der zweite Band von „Maus“ erschien.Die Originalausgabe des Abschlussbandes von „Maus“ aus dem Jahr 1991 (links) und die erste Gesamtausgabe (1992)ReutersDer erste Band war 1986 erschienen, und Spiegelmans Verfahren, die Erinnerungen seines Vaters als Comic im Funny-Animal-Stil zu erzählen (die Juden sind Mäuse, die Deutschen Katzen), verstörte zunächst so manchen. Als die deutsche Übersetzung erschien, 1989, verteilte der Rowohlt Verlag einen schmalen Sonderdruck, in dem neben einer Leseprobe positive Einschätzungen versammelt waren. Die negativen ließen dennoch nicht auf sich warten.Der Kampf gegen die Einordnung als FiktionAber wer die Befremdung über die Darreichungsform dieses entsetzlichen Stoffs als Comic überwand, fand in „Maus“ eine Anschaulichkeit und ein Erzählgeschick, das ohne Beispiel in der Schoa-Geschichtsschreibung war – gerade durch die grafische Fiktionalisierung des realen Geschehens. Als der Erfolg des zweiten Bandes „Maus“ 1991 auf die Bestsellerliste der „New York Times“ brachte, beschwerte sich Spiegelman, dass er dort unter „Fiction“ geführt wurde. Die Zeitung korrigierte das sofort. Im Jahr darauf wurde „Maus“ mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet.Aber Pulitzerpreisträger gibt es viele, „Maus“ nur einmal. Allerdings in vielerlei Form: als Fortsetzungen aus „Raw“, in zwei Bänden und als Gesamtausgabe. 1994 erschien zudem „The Complete Maus“ als CD-Rom, und dank der Speicherkapazität dieses damals neuen Mediums konnte Spiegelman seiner Geschichte etliche Vorarbeiten beigeben. 2011 kam dann auch noch „Meta Maus“ heraus, ein Buch, das die gesamte Produktion dokumentierte und auf einer DVD auch die verschriftlichten Gespräche von Spiegelman mit seinem Vater enthielt. Da war „Maus“ längst Gegenstand der Forschung geworden. Kein anderer Comic hat so viel akademische Aufmerksamkeit erfahren.Und keiner hat so viel verändert. Auch wenn Spiegelman sich vehement gegen die Bezeichnung Graphic Novel für „Maus“ wehrt (denn sein Buch ist ja eben kein Roman), hat er damit den Weg bereitet für die Wahrnehmung von Comics als anspruchsvolle Erzählform. „Maus“ löste den weltweiten Siegeszug des Autorencomics aus. Und ganz wie Beckett niemals einer Verfilmung von „Warten auf Godot“ zugestimmt hat, lehnt auch Spiegelman alle Angebote ab, „Maus“ auf die große Leinwand zu bringen: „Es ist als Comic gedacht und anders undenkbar.“In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstages der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.