Auf der Bühne steht ein Abzug des berühmten Fotos aus dem Warschauer Ghetto. Im April oder Mai 1943 wurde es aufgenommen, als die deutschen Besatzer den Aufstand der Ghettobewohner brutal niederschlugen. Fünf Soldaten sind darauf zu erkennen, die eine Gruppe Juden abführen. Ganz vorne läuft ein Junge in Wintermantel und kurzer Hose. Er hebt die Hände über den Kopf, man sieht die Angst in seinen Augen, sein Entsetzen.In Israel ist Yom Haschoa ein nationaler Gedenktag. Zwei Minuten lang erklingen dann überall im Land die Sirenen. Der Verkehr steht still, die Menschen halten inne, um an die Opfer des NS-Terrors, aber auch an den Widerstand dagegen zu erinnern. Auch in der Frankfurter Budge-Stiftung wird der jüdische Holocaust-Gedenktag seit vielen Jahren begangen. Mit Gebeten, Musik, Reden.In der ersten Stuhlreihe sitzt Kurt Salomon Maier, er trägt eine bunte, gehäkelte Kippa auf dem Kopf. Erst vor wenigen Wochen ist Maier in das Altersheim der Budge-Stiftung gezogen. Nun soll er die erste von sechs weißen Kerzen, die vor der Bühne stehen, anzünden. „Es geht schon“, sagt Maier und schiebt den Rollator, der vor ihm steht, zur Seite. Dann geht er zu dem Tisch. „Jede der sechs Kerzen steht für die unglaubliche Zahl von einer Million Ermordeten“, erklärt Andrew Steiman, der Rabbi der Budge-Stiftung, den Besuchern der Gedenkveranstaltung.85 Jahre sind seit seiner Deportation vergangenKurt Salomon Maier ist ein Remigrant. Nicht in dem Sinne, wie AfD-Politiker und Rechtsextremisten den Begriff gerade gerne verwenden, sondern so, wie er ursprünglich benutzt wurde. Maier wurde aus seiner Heimat vertrieben, er flüchtete als Kind in die Vereinigten Staaten, baute sich ein neues Leben auf. Und dann ist er zurückgekehrt in das Land, in dem er seine Wurzeln hat. Das hat lange gedauert: 85 Jahre sind seit Maiers Deportation aus Deutschland vergangen.Was zieht ihn jetzt zurück? Warum wagt er, mittlerweile 96 Jahre alt, noch einmal einen Neuanfang in dem Land, aus dem er und seine Verwandten fortgejagt wurden? Was erhofft er sich davon, dort seinen Lebensabend zu verbringen?Nach der Ankunft: Kurt Maier im New Yorker Winter des Jahres 1942. Die Fotografie ist in der Deutschen Nationalbibliothek ausgestellt.Lucas Bäuml„Ich stehe schon immer mit einem Fuß in Amerika und mit dem anderen in Deutschland“, sagt Maier. „So wie Gulliver aus Jonathan Swifts Roman, solch große Beine habe ich.“In New York wächst er unter deutschen Emigranten auf, seine Nachbarn stammen aus Hessen, Bayern und Baden. In der Synagoge, die er mit seiner Familie besucht, werden die Gottesdienste bis in die Sechzigerjahre in deutscher Sprache gefeiert. In der Schule ist er ein „Heinie“: So nennen die New Yorker die deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs. Später wird es die deutsche Literatur, um die Maiers Leben kreist.In den Vereinigten Staaten habe er sich oft nach Kippenheim, der badischen Kleinstadt seiner Kindheit, gesehnt, sagt Maier. „Und jetzt, wo ich in Frankfurt lebe, habe ich Sehnsucht nach Amerika.“Ende Februar ist Maier am Frankfurter Flughafen gelandet, nach einem langen Übernachtflug. In dem jüdisch-christlichen Seniorenheim der Budge-Stiftung ist er in die sogenannte Probewohnung gezogen. Erstes Stockwerk, viel Licht, eine Küchenzeile, kleines Wohnzimmer, kleines Schlafzimmer. Zwischen Sofa und Fernseher steht ein Hocker. „Da lege ich die Füße hoch, wenn sie wehtun.“Die Deportation der Familie Maier wurde fotografiertEs gibt eine Schwarz-Weiß-Fotografie, die zeigt, wie die Familie Maier am 22. Oktober 1940 aus Kippenheim vertrieben wurde. Sie wurde in einigen Zeitungen gedruckt und ist auch auf dem Titel von Maiers Biographie „Unerwünscht“ zu sehen. Man erkennt, wie die Familie aus ihrem Haus zu einem Militärlaster abgeführt wird, mit ein paar Habseligkeiten in den Händen, der damals zehnjährige Kurt trägt seine Schultasche. Ein Soldat bewacht die Familie, ein Mädchen aus der Nachbarschaft beobachtet die Deportation.Die Maiers werden in das Internierungslager Gurs im Süden Frankreichs gebracht. Die Zustände dort sind katastrophal, es gibt kaum Nahrung, Menschen sterben, der junge Kurt erkrankt an Diphtherie. Verwandte aus Texas helfen, dass die Familie gerettet wird. Im amerikanischen Konsulat in Marseille erhalten die Maiers eines der raren Visa für die Vereinigten Staaten. Über Gibraltar reisen sie mit dem Schiff nach Casablanca in Marokko. Mit einem portugiesischen Dampfer geht es weiter nach New York, in die Freiheit. Die Maiers gehören zu den wenigen, die das Glück haben, zu entkommen.Historisches Dokument: Maiers amerikanische Einbürgerungsurkunde ist noch erhalten.Lucas BäumlIm Stadtteil Washington Heights, im Norden von Manhattan, finden viele deutsche Juden damals Zuflucht und Bleibe. Deutsche Bäckereien, in denen das Schabbatbrot verkauft wird, machen in dem Viertel auf, es gibt koschere Metzger. Donnerstags erscheint der „Aufbau“, die Zeitung der deutschsprachigen Emigranten, für die auch Thomas Mann schreibt. Die Familie schlägt sich durch. Kurt und sein Bruder Heinz, der sich in der neuen Heimat Harry nennt, besuchen die Schule. In einem Sandwichladen findet Kurt einen Job: „Das war noch vor der Zeit von McDonald’s. Jedes Sandwich wurde einzeln angefertigt, es hat Ewigkeiten gedauert.“Er absolviert seinen Dienst in der US-Armee, als Soldat wird er auch ein erstes Mal wieder nach Deutschland zurückkehren. Danach studiert Maier deutsche Literatur und Geschichte. Tagsüber wird gebüffelt, nachts arbeitet er bei der Post. An der Columbia-Universität lernt er Margery kennen, seine spätere Frau. 1967 heiratet das Paar. 1969 reicht Maier seine Dissertation ein: „Images of the Jew in Postwar German Fiction and Drama“. In ihr untersucht Maier das Bild von Juden in der deutschen Nachkriegsliteratur.Maier arbeitet als Deutschlehrer und zwei Jahre lang am Leo-Baeck-Institut in New York, wo Bücher und Manuskripte zum deutschen Judentum gesammelt werden. Für seinen Traumberuf ziehen er und Margery nach Washington, in die amerikanische Hauptstadt. 1978 wird er an der Library of Congress angestellt, der Bibliothek des Kongresses, deren Buchbestand seinesgleichen sucht. Maier ist Teil der Abteilung, in der die deutschsprachigen Bücher katalogisiert werden.Erst mit 94 Jahren geht Maier in den RuhestandMeist kommt er auch an den Samstagen in die Bibliothek, um in Ruhe in neuen Büchern zu stöbern. Die Stunden, die er dann dort verbringt, schreibt er nie auf – schließlich verbietet ihm seine Religion, am Schabbat zu arbeiten. In seinem Beruf geht Maier auf, die Routine gibt ihm Halt. Erst mit 94 Jahren geht er in den Ruhestand. Die Bibliothekare in der Kongressbibliothek arbeiten mittlerweile intensiv mit künstlicher Intelligenz: Das überfordert Maier. Er spürt, dass seine Gesundheit sich verschlechtert. Er kommt auch in seiner Wohnung nicht mehr gut ohne fremde Hilfe zurecht.Doch was bringt ihn dazu, nach Deutschland zurückzukehren? „Eigentlich hatte ich mich schon fest entschlossen, nach Texas zu ziehen“, erzählt Maier. Dort leben noch immer Verwandte von ihm. Ein Altersheim, das ihn aufnimmt, ist auch schon länger gefunden. Maier aber entscheidet sich im letzten Moment um. Das hat vor allem mit dem Netzwerk zu tun, das um ihn in Deutschland entstanden ist, mit den Kontakten, die er geknüpft hat.In der Ausstellung „Frag nach!“ werden die Lebensstationen von Kurt Salomon Maier geschildert.Lucas BäumlMaier ist viele Jahre immer wieder in sein altes Heimatland gereist, er hat auch Kippenheim regelmäßig besucht, ist in Schulen und in Kirchengemeinden als Zeitzeuge aufgetreten. Von der Vertreibung seiner Familie hat er dann berichtet, aber auch von der Zeit davor, von den Traditionen des sogenannten Landjudentums, von einer Kindheit, die noch unbeschwert war. Schon im Sommer 2023 hat Maier die deutsche Staatsangehörigkeit wieder angenommen – bei einer Zeremonie in der Botschaft in Washington wurde ihm die Einbürgerungsurkunde überreicht. „Ich kenne heute mehr Menschen in Deutschland als in Amerika“, sagt er.Da ist zum Beispiel Christian Jessen-Klingenberg, ein Lehrer aus Hamburg. Sechs Jahre hat er an der Deutschen Schule in Washington unterrichtet, während dieser Zeit lernte er Maier kennen. Nach Jessen-Klingenbergs Rückkehr nach Deutschland haben die beiden per Zoom-Videokonferenzen Kontakt gehalten. Jeden Sonntag haben sie bei ihrem Jour fixe miteinander gesprochen. Jetzt kommt der Lehrer oft nach Frankfurt, um Maier bei Bürokratischem wie der Steuererklärung oder Fragen zur Krankenversicherung zu helfen.Eine Ausstellung erzählt Maiers LebensgeschichteNoch länger hält die Verbindung zu Sylvia Asmus, die am Frankfurter Standort der Deutschen Nationalbibliothek das Exilarchiv leitet. Dort werden Nachlässe von zwischen 1933 und 1945 geflohenen Exilanten und Publikationen zum Thema Exil und Emigration gesammelt. Vor 18 Jahren haben Asmus und Maier sich zum ersten Mal getroffen, als er nach Frankfurt gekommen war, um das Exilarchiv zu besuchen.Unter dem Titel „Frag nach!“ ist eine Ausstellung entstanden, die seine und die Lebensgeschichte von Inge Auerbacher erzählt. Auch sie musste, als Jüdin von den Nazis verfolgt, Kippenheim verlassen, auch sie baute sich nach der Flucht in die Vereinigten Staaten ein neues Leben auf. In der Nationalbibliothek sind heute auch einige Erinnerungsstücke von Maier ausgestellt: ein feiner Pelzschal, den die Familie mit nach New York brachte, seine amerikanische Einbürgerungsurkunde, Fotos.Zu Beginn der Fünfzigerjahre kehrt Maier als Soldat der US-Armee erstmals nach Deutschland zurück. Das Foto entstand 1953 in Bad Kreuznach.Lucas Bäuml„Alles in meinem Leben erinnert mich an meine Kindheit in Deutschland“, sagt Maier. „Wenn ich eine Stimme auf Deutsch höre, dann denke ich daran. Wenn ich etwas Deutsches esse, dann erinnert es mich an die Vergangenheit.“ Manchmal komme es ihm so vor, als sei er seiner Kindheit und Jugend „nie entwachsen“.Maier ist schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wieder nach Deutschland gekommen: als Soldat. Zwischen 1952 und 1954 diente er in der amerikanischen Armee, im Hunsrück war er stationiert. Schon damals besuchte er Kippenheim, die kleine Stadt in Baden, aus der er im Kindesalter vertrieben wurde. Er war froh, wieder in Deutschland zu sein. Er fragte sich aber auch oft: Was haben die Menschen, denen er damals begegnete, während der NS-Zeit getan? Wie haben sie sich verhalten?Seine Eltern schafften das nicht: Sie sind nie wieder nach Deutschland, nie wieder nach Kippenheim zurückkehrt. Sie hielten zwar Kontakt zu alten Nachbarn, schrieben Briefe, waren interessiert, doch eine Reise in die verlorene Heimat war für sie unvorstellbar. „Sie waren zu verbittert, zu gepeinigt“, sagt Maier. „Ihnen wurde alles weggenommen.“Und dann erzählt er von einem Streit, den er letztens mit seinem Cousin, der ein Jahr jünger ist als er, führte. Maiers Entscheidung, ins „Land der Täter“ zu ziehen, konnte er nicht begreifen, sie macht den Cousin bis heute wütend. „Er ist noch immer böse auf mich.“Das deutsche Fernsehprogramm findet er „fürchterlich“Kurt Maier ist weit davon entfernt, Deutschland zu idealisieren. Die Bürokratie, die Probleme mit seiner Krankenversicherung quälen ihn. Und auch das Fernsehprogramm findet er „fürchterlich“: die ständigen Kochshows, das oberflächliche Geplauder. Er spricht davon, dass es ihn erschreckt hat, als er alte Frauen im Supermarkt beobachtet hat. „Man sah, dass sie sich verzweifelt fragten: Was kann ich mir leisten?“, sagt er. „Sie haben wahrscheinlich ein Leben lang hart gearbeitet, und nun wissen sie nicht, wofür ihr Geld reicht.“Er habe Zeit gebraucht, um in dem jüdisch-christlichen Altersheim der Budge-Stiftung anzukommen. Er sei erst zurückhaltend gewesen, habe kaum jemanden angesprochen, sagt Maier. Mittlerweile ist das anders. Wenn man ihn zum Mittagessen trifft, in dem Teil des Speisesaals, wo das koschere Essen serviert wird, dann macht er keinen reservierten Eindruck mehr.Eine Frau spricht ihn vom Nachbartisch aus an, sie debattieren über das Essen, Maier reißt einen Witz über jüdische Schnorrer. Er habe mittlerweile einige Kontakte im Heim und bekomme auch viel Besuch, erzählt er. Außerdem macht Maier bei einer Sportgruppe des Seniorenheims mit. Versucht, in Bewegung zu bleiben. Er verfolgt die Nachrichten, bleibt auf dem Laufenden darüber, was in der Welt passiert.Letztens ist er auch einmal wieder als Zeitzeuge aufgetreten. In Karlsruhe. Frühmorgens hat man ihn abgeholt, am Abend kam er – „ziemlich erschöpft“ – zurück. Und bald wird er umziehen: aus der Probewohnung in ein dauerhaftes Apartment. Der Lehrer aus Hamburg, den er in Washington vor ein paar Jahren kennengelernt hat, hilft ihm dabei, Bett, Möbel und Geschirr zu bestellen. Maier will bleiben, in Deutschland, in Frankfurt.Eine Frage noch: Warum sind ihm die religiösen Regeln so wichtig? Warum isst er stets koscher, warum besucht er noch immer regelmäßig die Gottesdienste? „Ich habe das meinen Eltern versprochen“, antwortet Kurt Maier. „Ich weiß, dass sie enttäuscht wären, würde ich nicht mehr in die Synagoge gehen. Ich bin überzeugt: Jeder braucht etwas, woran er glaubt. So bin ich aufgewachsen, so halte ich es.“