Sie steht wie keine andere für den deutsch-jüdischen Dialog: Nun übergibt Rachel Salamander ihr Archiv der ForschungAls Tochter von Holocaust-Überlebenden machte Rachel Salamander mit einer Buchhandlung in München jüdisches Denken wieder sichtbar – im Land der Täter. Doch in die Bilanz ihres Lebenswerks mischen sich auch bittere Töne.Judith Leister02.07.2026, 05.30 Uhr5 Leseminuten«Buchhändlerin der Nation»: Rachel Salamander.Kerstin SchuhbaumWährend Polizisten am Eingang noch die Taschen der letzten eingetroffenen Gäste durchsuchten, hielt der deutsch-israelische Historiker Dan Diner in der Münchner Forschungsbibliothek Monacensia eine bemerkenswerte Rede. Eröffnet wurde an diesem Maitag die Ausstellung zum Archiv von Rachel Salamander, jener Frau, die mit ihrer jüdischen «Literaturhandlung» mehr als vierzig Jahre lang ein «kulturelles Kraftzentrum» gebildet hatte, wie es Diner nannte. Und die prominenten Autoren von Lily Brett über Imre Kertesz bis zu Marcel Reich-Ranicki eine Bühne geboten hatte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Einzug des Salamander-Archivs in die Monacensia, so Diner weiter, zeige jedoch auch das «Verfallsdatum einer Epoche» an. Die «bundesrepublikanische Zeit» sei nun «in einem Zustand des Ablebens begriffen»: Aufgrund der chronischen Krise eines über Jahrzehnte Stabilität bietenden Parteiensystems werde es nun «politisch unangenehmer».Eine «Menschensammlerin»Es war eine Pioniertat, als Rachel Salamander, Tochter polnischer Überlebender und aufgewachsen in einem bayrischen Displaced-Persons-Camp, 1982 in München die erste jüdische Buchhandlung der Bundesrepublik gründete. Eine 33-jährige jiddische Muttersprachlerin verschaffte jüdischem Leben im Land der Täter, in dem es an jüdischer Lebenspraxis und entsprechenden Büchern bitter mangelte, neue Relevanz. «Ich wollte all jene wieder einbürgern, die von den Nazis vertrieben oder verbrannt worden waren», erinnert sich Salamander im Gespräch. «Jüdische Existenz sollte in ihrer gesamten Breite Thema sein.» Bei den Münchnern löste die «Literaturhandlung» zunächst Unsicherheit aus – und hatte dann grossen Zulauf.Löste zunächst Unsicherheit aus – und hatte dann grossen Zulauf: Die «Literaturhandlung» in der Fürstenstrasse in München, Aufnahme aus dem Jahr 1988.Münchner Stadtbibliothek / Monacensia, Archiv SalamanderLängst ist die leidenschaftliche Buchhändlerin, Kulturvermittlerin und Publizistin, die in Deutschland noch bis 1992 den Status einer «heimatlosen Ausländerin» hatte, mit vielen bundesrepublikanischen Preisen, Ehrenbürgerschaften und Verdienstorden dekoriert worden, darunter der Schiller-Preis 2013, der Heine-Preis 2020 und die Mendelssohn-Medaille 2024. Mit der Bekanntheit der Gründerin wuchs auch die «Literaturhandlung». Neue Standorte in Berlin, Frankfurt und Wien kamen hinzu. Letztes Jahr krönte Salamander ihr Lebenswerk mit der Wiedereröffnung der Synagoge an der Münchner Reichenbachstrasse, deren Restaurierung sie initiiert und organisiert hatte. Inzwischen hat sie auch ihre legendäre Buchhandlung in andere Hände gegeben.Parallel hat die «Menschensammlerin», wie der Schriftsteller Hermann Lenz sie einmal nannte, ihre lang gehegte Dokumentation über die «Literaturhandlung» der Forschungsbibliothek Monacensia übergeben, insgesamt dreissig Regalmeter Material. In der Ausstellung «Literatur & Haltung» kann man neben der «Roten Sammlung», einem Pressespiegel zu Meilensteinen und Tiefpunkten im deutsch-jüdischen Verhältnis ab 1985, auch Auftritte prominenter Schriftsteller, Historiker und Philosophen in Text, Bild und Ton nachverfolgen. Der Bestand soll nach und nach digitalisiert werden.Renaissance des JüdischenIn den Anfangsjahren freute sich Salamander, dass viele «Jeckes», deutschsprachige Juden aus Israel, sich bei ihr meldeten. Im Buch zur Ausstellung schreibt sie: «Plötzlich kümmerte sich jemand um das, worum zu kümmern man sich selbst versagt hatte – um das deutsch-jüdische Erbe, aus dem sie jäh ausgestossen worden waren. Einige erlebten so noch die Genugtuung, ihre Werke wieder in Regalen in Deutschland zu finden und sie persönlich vorstellen zu können.» Dazu gehörte zum Beispiel der Religionswissenschafter Schalom Ben-Chorin, geboren 1913 in München als Fritz Rosenthal.Grosse Genugtuung: Der Religionswissenschafter Schalom Ben-Chorin, der während der NS-Zeit aus München nach Palästina flüchtete, zu Besuch in Salamanders «Literaturhandlung».Hartmut GieslerDie Lesungen in der «Literaturhandlung» verliefen keineswegs konfliktfrei. 1984 kam es bei der Präsentation von Saul Friedländers «Kitsch und Tod. Der Widerschein des Nazismus», einer Studie zur NS-Ästhetik in der Nachkriegskunst, zum Eklat. Im Publikum sass nämlich auch der Filmregisseur Hans-Jürgen Syberberg, dessen «Hitler, ein Film aus Deutschland» (1977) Friedländer in seinem Buch kritisierte. Nach der Buchvorstellung hob Syberberg zur Schelte der amerikanischen Serie «Holocaust» an, die in Deutschland 1979 ausgestrahlt worden war. «Im überfüllten Raum machte sich Unmut über dieses Ablenkungsmanöver breit», erzählt Salamander. «Ein Holocaust-Überlebender, der Syberberg erregt aufforderte, sich zum Thema zu äussern, wurde von ihm abgewimmelt. Friedländer stoppte Syberberg schliesslich mit dem unvergesslichen Satz: ‹Herr Syberberg, ich denke und fühle nicht wie Sie.›»Während in der «Literaturhandlung» Exilanten und Holocaust-Überlebende lasen, rang mancher deutsche Verlag noch damit, Biografien von Überlebenden herauszubringen. Der Suhrkamp-Verlag lehnte Ruth Klügers Auschwitz-Erinnerungen «Weiter leben» mit der skandalösen Begründung ab, das Buch sei «nicht literarisch» genug. «1995 versuchte Suhrkamp, das Desaster durch eine andere KZ-Autobiografie wettzumachen», sagt Salamander. Dieses Buch, «Bruchstücke» von Binjamin Wilkomirski, verkaufte sich zwar gut, stellte sich jedoch drei Jahre später als Fälschung des nichtjüdischen Schweizers Bruno Dössekker heraus.Zwischen 1990 und 2010 schien jüdisches Leben in Deutschland insgesamt wieder aufzuleben. «Man sprach von der Renaissance jüdischer Kultur», sagt Salamander. Über 200 000 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion wanderten ein. Und nicht nur das. Neue Museen und Synagogen entstanden, Judaistik-Lehrstühle wurden eingerichtet und Kulturwochen ins Leben gerufen.Der Schriftsteller Maxim Biller schrieb 2012 im Essay «Die Buchhändlerin der Nation» über Salamander: «Inzwischen ist es, dank ihrer Arbeit, wirklich normal, Jude in Deutschland zu sein.» Ein Satz, dessen Bedeutung angesichts des oft geschilderten Fremdheitsgefühls jüdischer Autoren in der nichtjüdischen Gesellschaft nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Mit der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Amos Oz 1992 setzte zeitgleich ein Boom israelischer Literatur ein.Boom der israelischen Literatur: der Schriftsteller Amos Oz und Rachel Salamander in einer Aufnahme aus den 1980er Jahren.Münchner Stadtbibliothek / Monacensia, Archiv Salamander«Frontaler Angriff»Diese Zeiten sind vorbei. Inzwischen seien viele israelische Autoren in Deutschland halb vergessen, sagt Salamander. Die Verlage scheuten sich, israelische Bücher zu verlegen, weil Israel generell unter Anklage stehe. «Wer möchte da noch israelische Literatur lesen? Da boykottiert man lieber unschuldige Israeli bei der Biennale, bei Literaturfestivals, in der Universität, egal, ob sie zur Regierung stehen oder nicht.»Ihr Lebenswerk scheint nun in der Forschungsbibliothek Monacensia gesichert. Aber Salamander hegt Zweifel, wie «fruchtbar» der deutsch-jüdische Dialog letztlich war, den sie vier Jahrzehnte lang ermöglicht hat. Sie spricht von einem «frontalen Angriff auf die Erinnerungskultur»: «Von rechts sind wir es gewohnt, von links mehr oder weniger auch, und jetzt kommt er noch postkolonial und fundamental islamistisch daher.» Das geschehe «unter aller Augen», ohne wesentlichen Widerstand der deutschen Gesellschaft.Fast sieht es so aus, als würde Salamander Dan Diners Abgesang auf die «bundesrepublikanische Zeit» teilen, dessen düstere Prognose, nun werde es «politisch unangenehmer» – besonders mit Blick auf die Zukunft der Juden in Deutschland. «Im Umgang mit den Juden konnte Deutschland Respektabilität erwerben und zeigen, wie demokratiefähig es nach dem Völkermord an den Juden geworden ist», sagt sie. «Die Juden im Nachkriegsdeutschland hatten eine Schonfrist. Sie haben ihre Funktion als Lackmustest für das demokratische Deutschland erfüllt. Jetzt werden sie nicht mehr gebraucht.»Rachel Salamanders Übergabe ihres Archivs an die Monacensia ist deshalb auch Mahnung und Appell. «Mein Archiv ist nicht bloss Speicher der Vergangenheit», sagt sie. «Es atmet, das heisst, es gibt immer auch Auskunft über die nicht bewältigte Gegenwart.»Die Ausstellung «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv» in der Münchner Bibliothek Monacensia läuft bis zum 31. März 2028. Begleitbuch zur Ausstellung: Anke Buettner, Tina Rausch (Hg.): Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv. Verbrecher-Verlag, Berlin 2026. 360 S., Fr. 39.90.Passend zum Artikel