Nach dem Entscheid für chinesische Busse sagt ein VBZ-Kadermann: «Wir rollen nicht einfach den roten Teppich aus für einen exotischen Lieferanten, nur weil er den tiefsten Preis offeriert»Andreas Uhl, stellvertretender Direktor der Verkehrsbetriebe Zürich, sagt, dass der Anbieter Yutong auch abgesehen von den Kosten überzeugt hat.31.07.2026, 15.49 Uhr6 LeseminutenEin Blick in die Produktionshalle von Yutong in der chinesischen Stadt Zhengzhou.Li Chaoqing / GettyWer in der Stadt Zürich in einen Bus steigt, wird unter Umständen schon bald mit einem chinesischen Fahrzeug unterwegs sein. Als erstes grosses öffentliches Transportunternehmen in der Schweiz haben die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) sich bei einer Beschaffung von neuen Fahrzeugen für einen chinesischen Anbieter entschieden. Das sorgt für Fragen und Kritik. Andreas Uhl, stellvertretender Direktor der VBZ, begründet den Entscheid.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Herr Uhl, die VBZ kaufen chinesische Busse des Herstellers Yutong. Welche Rückmeldungen haben Sie auf diese Nachricht erhalten?Andreas UhlPDEs gab ein grosses Medienecho, was vielleicht auch der Saure-Gurken-Zeit geschuldet ist. Die Kommentare fielen unterschiedlich aus, aber mehrheitlich zeigte sich ein gewisses Verständnis dafür, dass wir gut und preisbewusst einkaufen wollen. Wir waren mit den arrivierten Herstellern unzufrieden, da war es logisch, dass wir über die Bücher gehen mussten.Hat Sie das Echo überrascht?Nein, es war absehbar. Erstens handelte es sich um den grössten Markteintritt in der Schweiz für einen chinesischen Hersteller, zweitens ist das Thema Beschaffungen im öffentlichen Verkehr derzeit generell ein Thema. Drittens werden die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Schweiz und China intensiv diskutiert, etwa, wenn es um Verkäufe von Schweizer Firmen geht.Wie jüngst zum Beispiel die Outdoor-Marke Mammut. Ihr oberster Chef, der Zürcher Stadtrat Michael Baumer (FDP), sagte noch vor wenigen Monaten, es sei nicht das Ziel, chinesische Busse zu kaufen. Jetzt haben Sie es trotzdem getan.Er meinte damit, dass wir nicht einfach den roten Teppich ausrollen für einen exotischen Lieferanten, nur weil er den tiefsten Preis offeriert. In unserer Ausschreibung war der Preis zwar der wichtigste Faktor. Er war aber mit weniger als fünfzig Prozent gewichtet. Die Qualität, die Lieferfristen und die Nachhaltigkeit waren uns ebenfalls sehr wichtig. Wir verlangten auch, dass wir die Fahrzeuge nicht einfach über irgendeinen Vermittler oder Händler erhalten, der sich bei Problemen vom Acker macht.Und Yutong hat diese Kriterien am besten erfüllt?Ja, Yutong hat beim Preis die maximale Punktzahl geholt und bei den Lieferzeiten und der Serviceorganisation gute bis sehr gute Bewertungen erzielt.International steht Yutong in der Kritik. Sogar Geheimdienste haben sich mit den Fahrzeugen befasst. Es wird befürchtet, dass sie aus der Ferne manipuliert oder sogar stillgelegt werden könnten.Wir dürfen die Cyberthematik nicht negieren, wir müssen aber Augenmass bewahren. Tatsache ist, dass jeder Fahrzeuglieferant im Besitz der Software ist und gelegentlich ein Update hochladen muss. Ein aktuelles Beispiel: Wir mussten bei den derzeitigen Temperaturen die Klimaanlagen anpassen, damit sie stärker kühlen, gleichzeitig mussten wir sie vor einer Überhitzung schützen. Das ging nur mit einem Software-Update der Hersteller. Jeder Lieferant könnte theoretisch seine Fahrzeuge über den einen oder anderen Weg stilllegen, aber daran haben die Unternehmen kein Interesse. Sie würden sich selbst damit schweren Schaden zufügen.Ein anderes Risiko sind Cyberattacken von Kriminellen. Wie schützen Sie sich dagegen?Die Hersteller müssen eigene Vorkehrungen treffen, dass ihre Fahrzeuge nicht angreifbar sind. Das schreiben die Zulassungsbehörden von Bund und Kanton vor. Die Hersteller müssen das auch nachweisen. Gewisse andere Massnahmen sind verblüffend einfach. Wir führen zum Beispiel Software-Updates nicht «over the air», also über das Mobilfunknetz aus, sondern mit einem Daten-Stick, den wir am Fahrzeug einstecken. Bei Problemen haben wir ein Back-up. Andere Massnahmen sind komplexer. Wir führen zum Beispiel Penetrationstests durch.Was heisst das?Im Betrieb sind unsere Fahrzeuge nicht unsichtbar. Sie sind online mit der Leitstelle verbunden. Wir beauftragen nun sogenannte Friendly Hacker, unsere Busse zu testen. Können sie sich beim Fahrzeug online irgendwie anmelden? Können sie etwas auslesen oder gar manipulieren? So können wir mögliche Schwachstellen entdecken und ausmerzen.Die VBZ warten ihre Busse selbst.Gaëtan Bally / KeystoneWie muss man sich eine Beschaffung von Bussen vorstellen? Wie läuft das ab?Es gibt eine öffentliche Ausschreibung nach dem offenen Verfahren. Wir prüfen in der Auswertung, ob die Firmen, die sich melden, geeignet sind: Haben sie schon ähnliche Lieferungen ausgeführt? Sind sie finanzstark und können eventuelle Garantieforderungen stemmen? Die zweite Hürde ist dann, wie eingangs erwähnt, unser Anforderungskatalog, bei dem es um die Bewertung der konkreten Produkte geht, um die Qualität, die Kosten, Lieferfristen und die Nachhaltigkeit. Eine Möglichkeit für die Bevorzugung heimischer Anbieter gibt es übrigens nicht. Das wäre nicht gesetzeskonform.Führten Sie mit den Anbietern Probefahrten auf dem Zürcher Netz durch?Das wäre möglich gewesen, war aber in diesem Fall nicht Teil der Ausschreibung. Die Fahrzeuge sind weltweit unter ganz unterschiedlichen Bedingungen bereits im Einsatz, wir wissen also, dass sie funktionieren.Haben Sie sich im Vorfeld mit anderen Städten über deren Erfahrungen mit den nun beschafften Modellen ausgetauscht?Nein, das durften wir nicht. Die Ausschreibung ist vertraulich. Wenn wir angefangen hätten, zu sondieren, was die Erfahrungen anderer Städte mit dem Typ X sind, hätte sich das rasch im Markt herumgesprochen. Aber natürlich haben wir nachgeforscht, ob es mit den Typen, die wir beschaffen, Probleme gab.Es wäre wohl rasch öffentlich bekanntgeworden, wenn ein Verkehrsbetrieb ständig Probleme mit seinen Bussen hätte.Genau, und dann hätten wir das natürlich zur Sprache gebracht. Solche Anzeichen gab es aber nicht.Sie kaufen nicht nur chinesische Busse, sondern auch deutsche.Richtig. Die Ausschreibung bestand aus zwei Losen. Eines für die 12-Meter-Standardbusse, dort kaufen wir acht Fahrzeuge von Yutong über die Niederlassung in Frankreich. Das andere Los war für 18,5-Meter-Gelenkbusse. Diese beziehen wir bei Daimler Buses Schweiz.Und diese Bestände sollen später aufgestockt werden?Wir haben mit beiden Herstellern zwei Optionen über jeweils 20 und jeweils 60 weitere Fahrzeuge vereinbart, total also pro Hersteller bis zu 80 weitere Busse. Diese Optionen können wir einlösen, müssen wir aber nicht.Es geht jetzt in einem ersten Schritt wohl auch darum, Erfahrungen mit den neuen Fahrzeugen zu sammeln.Absolut. Dazu gehört auch, dass das Personal auf den Fahrzeugen und in der Garage geschult wird.Wäre es für die Wartung, die Schulung und den Betrieb nicht einfacher und günstiger, wenn Sie nur Fahrzeuge des gleichen Herstellers einsetzen würden, so wie das zum Beispiel gewisse Airlines kennen?Das geht in der Praxis nicht, weil wir verschiedene Fahrzeuggenerationen einsetzen, die zu unterschiedlichen Zeiten ersetzt werden müssen. Dazu kommt der technische Wandel, derzeit etwa von Dieselhybridfahrzeugen zu Elektrobussen. Das sind so oder so völlig neue Fahrzeuge, auch wenn sie vom gleichen Hersteller stammen. Im Übrigen verändert sich die Landschaft auch bei den Lieferanten, etwa über Fusionen und Aufkäufe.Wie lange hält ein VBZ-Bus?Wir rechnen mit einer Lebensdauer von etwa 15 bis 18 Jahren.Und wie früh müssen Sie mit der Beschaffung der Nachfolger beginnen?Die Fristen sind gar nicht so lange. Für die Lieferung per 2027 veröffentlichten wir eine erste Vorankündigung im Dezember 2025 und die eigentliche Ausschreibung dann im Januar 2026. Was Zeit braucht, sind die Lieferfristen, diese liegen je nach Hersteller etwa bei einem halben bis einem ganzen Jahr. Bei Trams sind die Ausschreibungen viel aufwendiger als bei Bussen. Auch die Lieferfristen sind viel länger.Ausgediente Trams werden weitergegeben, unter anderem fahren alte VBZ-Modelle heute in der Ukraine. Geht das auch mit den Bussen?Nein. Wenn wir die Fahrzeuge aussortieren, haben sie jeweils über eine Million Kilometer absolviert. Sie sind durch Regen, Schnee, Salz und Sommerhitze gefahren, und Rost macht sich bemerkbar. Sie werden verschrottet. Die Trams aber werden alle sechs Jahre generalüberholt. Sie sehen auch nach vielen Jahren noch so aus wie bei der Auslieferung, auch wenn sie unseren Anforderungen nicht mehr genügen, etwa weil sie keinen barrierefreien Zutritt bieten. Deshalb können wir sie weitergeben.Wann werden die ersten chinesischen Busse im VBZ-Netz unterwegs sein?Etwa in einem Jahr, also im Sommer 2027.Passend zum Artikel