Dass Fernsehen fürs Hirn nicht förderlich ist, dürfte niemanden überraschen. Schon 2022 erschien eine Studie mit Daten von Hunderttausenden Briten, die einen Zusammenhang zwischen TV-Konsum, schlechterer kognitiver Leistungsfähigkeit und einem erhöhten Demenzrisiko nahelegte. Eine neue US-Studie beleuchtet nun einen bisher wenig beachteten Aspekt: Den Einfluss des Sitzens auf das Gehirn - genauer gesagt des Sitzens vor dem Fernseher.Für ihre Untersuchung, die in der Fachpublikation „Alzheimer's & Dementia“ veröffentlicht wurde, analysierten Forscher Daten von mehr als 1700 älteren Erwachsenen aus den USA. Dabei verglichen sie das Sitzverhalten der Teilnehmer aus den späten 1980er-Jahren mit Gehirnscans, die rund 24 Jahre später aufgenommen wurden. Das Ergebnis: Wer saß, um dabei fernzusehen, hatte im Alter ein kleineres Hirnvolumen – und zugleich mehr Schäden an den Nervenbahnen. Betroffen waren auch Regionen, die mit Gedächtnis und Alzheimer in Verbindung stehen. Wer hingegen bei der Arbeit viel saß, wies ein größeres Hirnvolumen und weniger Gefäßschäden in denselben Regionen auf. Eine mögliche Erklärung: Im Büro ist man kognitiv mehr gefordert.Noch kein handfester BelegKönnen wir nun also beruhigt vor dem Büromonitor sitzen? Nicht zwingend – die Studie hat methodische Grenzen. Das Sitzverhalten der Teilnehmer wurde lediglich per Selbstauskunft erfasst – statt konkreter Stundenangaben genügte eine grobe Einschätzung von „nie“ bis „sehr oft“. Ob diese subjektive Einschätzung das tatsächliche Verhalten über zwei Jahrzehnte hinweg widerspiegelt, steht dahin. Zudem stammen die Daten ausschließlich aus den USA der Jahre 1987 bis 2013 und sind möglicherweise nicht auf den deutschen Alltag übertragbar.Und: Die Studie zeigt „associations“, das heißt Korrelationen – das ist noch kein handfester Beleg. Dass ein Zusammenhang zwischen dem selbst eingeschätzten TV-Konsum und den Gehirnveränderungen besteht, bedeutet nicht, dass das Fernsehen diese verursacht. Es könnten andere Faktoren dahinterstecken. Schichtarbeit oder chronischer Schlafmangel etwa könnte sowohl zu mehr Fernsehkonsum als auch zu Veränderungen im Gehirn führen – das Fernsehen wäre dann aber nicht ursächlich.Eine Korrelation besteht allemalDass die Studie womöglich nicht alle relevanten Faktoren berücksichtigt, lässt sich auch an einem anderen Befund ablesen: Bei Männern waren die negativen Effekte des Fernsehens auf das Gehirn deutlich stärker ausgeprägt als bei Frauen – bei denen sich kaum messbare Zusammenhänge zeigten. Auf zur nächsten Watchparty? Nicht so rasch. Denn auch der Geschlechterunterschied könnte auf externe Faktoren zurückzuführen sein. Rauchen, Alkoholkonsum, Berufsbilder: All diese Faktoren unterscheiden sich zwischen Männern und Frauen und wurden in der Studie auch entsprechend berücksichtigt. Dennoch könnten sogenannte Interaktionseffekte – also das Zusammenspiel mehrerer Faktoren gleichzeitig – das Bild verzerren. Oder andere, bislang unberücksichtigte Einflüsse.Ob Fernsehen wirklich die Gehirnmasse schrumpfen lässt oder andere Faktoren ursächlich sind, lässt sich nicht abschließend klären. Eine Korrelation besteht aber allemal. Erfreulich wäre es jedenfalls, wenn der Bürostuhl unserem Geist Gutes täte.