Gianrico Carofiglio ist der Meister des italienischen Kriminalliteratur. Auch in seinem neuen Buch geht es um mehr als den eigentlichen MordGianrico Carofiglios Roman nimmt uns mit auf eine Reise zu den eigenen Schatten. «Der Horizont der Nacht» verbindet auf faszinierende Weise Kriminalistik und Psychoanalyse.28.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenMeister der Kriminalliteratur: Gianrico Carofiglio lässt seine Erfahrungen als Richter und Anti-Mafia-Staatsanwalt in seine Texte einfliessen.Franco Origlia / Getty ImagesEtwas ist passiert. Und jemand klärt auf. Krimis sind manchmal simpel gestrickt. Richtig gut werden sie erst, wenn sie über die Kernaufgabe des Genres hinaus gehen, wenn die Ermittler nicht nur Verbrechen aufklären, sondern auch ihre eigenen Abgründe erforschen müssen. Solche Aufgaben bürdet der süditalienische Autor Gianrico Carofiglio seinen Hauptfiguren immer wieder auf. Vermutlich weiss er: Ein Kriminalroman ist nur so spannend, wie sein Protagonist.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Carofiglio war in seinem ersten Berufsleben Richter und Anti-Mafia-Staatsanwalt. Nun kombiniert er dieses Wissen mit seiner feinen Beobachtungsgabe. Immer wieder gelingt es ihm, liebenswürdige, grüblerische Protagonisten zu zeichnen, die an ihren Brüchen nagen, aber brillant ermitteln. Da ist etwa die gefallene Staatsanwältin Penelope Spada, die den Schmerz über ihr Scheitern mit exzessivem Sport betäubt und sich neu als Privatdetektivin versucht. Mindestens so melancholisch kämpft sich der Maresciallo der Carabinieri Pietro Fenoglio durchs Leben. Mit gebrochenem Herzen, frisch operierter Hüfte, aber mit grossem Mut kämpft er im Apulien der 1990er Jahre gegen die Machenschaften der Mafia.Selbstgespräche mit dem BoxsackDer beständigste Begleiter der Carofiglio-Aficionados ist der Anwalt Guido Guerrieri, einmal mehr Hauptdarsteller in «L'orizzonte della notte», 2024 im italienischen Original und in diesem Frühjahr in der deutschen Übersetzung erschienen. Guerrieri leidet an einer gescheiterten Ehe, an Schlafstörungen und führt Konversationen mit Mr. Sack, dem Boxsack, der von seiner Wohnzimmerdecke baumelt. Nie würde nie Schwarzgeld nach einem Auftrag annehmen, aber es ist schon vorgekommen, dass er eine Affäre mit der Ehefrau des eingebuchteten Klienten hatte.Das Leben ist kompliziert. Und in «Der Horizont der Nacht» steht Guerrieri vor neuen Sinnfragen. Er hat seit kurzem herausgefunden, dass ihn seine Freundin Annapaola betrogen hat. Jetzt beschleicht ihn das Gefühl, alt zu werden. Und als ihm eine neue Klientin mit einer fast aussichtslosen Mordanklage zufliegt, tauchen sie wieder auf: Angstzustände.Der Roman behandelt Kernfragen von Carofiglios Schaffen. Wie erinnern wir uns, und wie kommen wir der Wahrheit nahe? Denn von Anfang an ist klar, dass seine Mandantin einen Mann umgebracht hat. Aber tat sie es vorsätzlich aus Rache? Oder war es Notwehr? Die Täterin selbst erinnert sich angeblich nicht. Guerrieri stutzt, als er sie kurz nach dem Mord kennenlernt: «Auf mich wirkte sie nicht unter Schock.»Ohne Vorurteile zur Wahrheit vordringenAls Verteidiger muss er mit diesem Widerspruch leben und die bestmögliche Version für die Klientin konstruieren. Sein Ziel: Das Gericht von der Notwehr zu überzeugen. Carofiglios Texte, wie auch der kürzlich erschienene Essay «Vom Wert des Nichtwissens und des Irrtums», sind immer auch Plädoyers für ein vorurteilfreies Denken. Die besten Ermittler sind laut Carofiglio diejenigen, die zweifeln, die angebliche Gewissheiten infrage stellen.Trotzdem wirft der neue Fall Guerrieri aus der Bahn. Dieses Undefinierte erinnert ihn an sich selbst, an seine eigenen Graubereiche, an seine Unentschlossenheit, der Schwierigkeit, sich Meinungen zu bilden oder Entscheidungen zu treffen.Carofiglio schafft meisterhaft Parallelen: In der einen Szene stochert der Anwalt im nebulösen Mord, in der nächsten lässt er Guerrieri während Sitzungen mit dem Psychotherapeuten die eigene Seele durchleuchten. Dabei besucht er einen Jungianer, der ihn mit auf die Reise zu den eigenen Schattenseiten begleitet – und ihm beibringt, diese zu akzeptieren, den Horizont der eigenen Seele zu definieren. Symbolhaft fährt Guerrieri in einer der Schlussszenen im Auto dem Morgengrauen entgegen, der Grenze zwischen Tag und Nacht.Das Buch ist erhältlich bei ExLibris.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Gianrico Carofiglio ist ein Meister des Krimis - und des vorurteilsfreien Denken
Gianrico Carofiglio ist der Meister der italienischen Kriminalliteratur. Sein neues Buch "Der Horizont der Nacht" verbindet Kriminalistik mit Psychoanalyse






