Das KI-Experiment scheitertBei den Wagner-Festspielen bricht in «Rheingold» und «Walküre» eine Bilderflut über die Zuschauer herein, live generiert von KI. Das Experiment scheitert am visuellen Overkill. Die Musik und der Mann am Pult müssen die Produktion retten.Eleonore Büning, Bayreuth31.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenSo stellt sich die KI einen zünftigen Feuerzauber vor: eine Bildprojektion zur Schlussszene der «Walküre» an den Bayreuther Festspielen 2026.Enrico NawrathDer «Ring des Nibelungen» in Bayreuth hat einen schreckeinflössenden neuen Namen. Er lautet: «Ring 10010110». Der Mensch, dies lesend, denkt an einen IBAN-Code und daran, wie häufig er den schon falsch geschrieben hat, mit üblen Folgen. Der Computer tickt anders. Er erkennt, dass es sich bei den Nullen und Einsen um den Binärcode der Zahl 150 handelt, was ihn wiederum unverzüglich an das Jubiläum der Bayreuther Festspiele erinnert, die 1876 im August zum ersten Mal stattfanden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Und so macht sich das künstliche Hirn freudig daran, den «analogen Mythos in einen digitalen Code zu überführen», wie es in den Verlautbarungen seiner Trainer und Betreuer heisst. Die fütterten die KI im Auftrag der Wagner-Festspiele drei Jahre lang mit der Aufführungs- und Zeitgeschichte dieses epochemachenden Gesamtkunstwerks. Ein Riesendateneintopf entstand. Der wurde, so hat man sich das vorzustellen, nur einmal tüchtig von den KI-Fachleuten umgerührt – und fertig. Wohl bekomm’s!Sobald jetzt jemand die Musik abfährt ab Sekunde 0:00 des «Rheingold»-Vorspiels, wählt die KI aus: Sie erzeugt einen fortlaufend wandelbaren Strom von Bildern, der die Bühne flutet. Das spart eine Menge Unkosten und Umwege. Kein Mensch muss sich mehr langweilen, bei dieser Fülle des Wohllauts für die Augen. Niemand muss sich mehr ärgern über dämliche Regieeinfälle. Es gibt keine falschen «Bühnenbilder» mehr, nur viele richtige, für jeden etwas. Und die sind sogar aufregenderweise in jeder Aufführung neu, weil immer wieder andere Bilder generiert werden.Dazu wird live musiziert, wobei die Sänger allezeit mitten im Bild stehen: in einem schmalen Korridor zwischen den beiden halbtransparenten Gaze-Prospekten, die von sechs Projektoren in die Licht- und Farbensuppe getaucht werden. Mittels Tracker-Software wird dafür gesorgt, dass die KI live auf die Stimmen und die Textpartikel reagieren kann. So weit die Theorie.In der Praxis gibt es dann ein Problem. Der Kurator und künstlerische Leiter des Projekts, Marcus Lobbes, Intendant der Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund, hat es versäumt, Rat bei Neurologen einzuholen. Die haben in den letzten Jahren etliche Forschungsreihen darauf verwendet, die Folgen digitaler Reizüberflutung bei Babys und Kleinkindern zu untersuchen. Welche Schäden eine Reizüberflutung im Gehirn alternder Wagnerianer anrichtet, hat sich bisher niemand gefragt.Kaum dass die Rheintöchter das Gold verloren hatten, senkte sich jedenfalls bleierne Müdigkeit auf alle Lider. Eine Mischung aus Tristesse und Phlegma legte sich über das Festspielhaus. Vermutlich wurde noch nie so viel und so schlecht geschlafen während einer Opernaufführung. Und wer aufwachte, war nicht etwa erfrischt, sondern erschöpft. Es wuchs das Verlangen nach Flucht.Letzteres erfasste insbesondere die Kritiker, deren Job es ist, zu beschreiben, was sie sehen und hören. Was sie gesehen hatten, konnten sie wegen der sekundenkurzen Taktung der Einblendungen nicht festhalten. Und warum sollten sie einzelne Bildeindrücke enträtseln, wenn in der nächsten Aufführung sowieso völlig andere erscheinen?Wieso taucht, zum Beispiel, Kaiser Wilhelm II. auf in Nibelheim? Was haben Guppys zu suchen im Wasserglas, wenn Siegmund ruft: «ein Quell, ein Quell»? Warum grasen erst Schafe, dann Kühe friedlich zum Walkürenritt? Dass auch verfremdete Kampfhelikopter einfliegen wie in «Apokalypse Now», war, mit diesem idyllischen Vieh verglichen, schon wieder bildungsbürgerlicher Insider-Nippes – wie der gestrenge Blick Thomas Manns, als das Wälsungenblut erblüht.Es gibt zudem allerlei verfremdete Zitate aus historischen Bayreuther «Ring»-Inszenierungen wiederzuerkennen: von Chéreau über Kupfer und Flimm bis Frank Castorf. Wozu? Kein Konnex entsteht zwischen Bild und Ton, Zeit und Raum, Blick und Geste. Kein Bezug stellt sich her zwischen Sender und Empfänger. Nicht nur Regisseur und Kritiker, auch das Publikum wird damit «arbeitslos». Und die Musiker?Wie mit Mehltau bestäubtSie alle singen und spielen mit Feuer und Seele gegen das Vakuum an. Die Sänger in ihren zerknautschten Einheitskostümen können immerhin miteinander interagieren in ihrem Korridor, wie es bei einer konzertanten Aufführung der Fall ist. Nur scheint es, als würden die Stimmen von den gemorphten Bilderfetzen ringsum mit Rost und Mehltau bestäubt. Und das, obwohl der Dirigent Christian Thielemann die Besten der Besten für diesen «Ring» versammelt hat.Michael Volles sonst so gestenstarker Wotan wirkte im «Rheingold» wie gedrosselt, kaum wiederzuerkennen. In der «Walküre» war er dann textklar präsent, baute aber Übertreibungen im Ausdruck ein, an die Manierismen von Dietrich Fischer-Dieskau erinnernd. Anna Kissjudit als Wotans Gattin Fricka sang stark eingedunkelt, Elza van den Heever blieb als Sieglinde ungewohnt kantig-blass, und Camilla Nylund konnte ihre im Zürcher «Ring» gerühmte lyrische Wärme als Brünnhilde nicht voll zur Geltung bringen. Auch nicht in der Todverkündigungsszene, in der sie ihre Meinung ändert, um der Liebe willen, wenngleich Klaus Florian Vogt als liedhaft leuchtender Siegmund schon ahnt, dass ihm auch das nichts nützen wird.Dennoch sollte man sich diese Aufführung noch einmal anhören in der bilderfreien Rundfunkaufzeichnung. Denn was Christian Thielemann anbelangt, den idealen Sängerbegleiter, so hat er sich bei der «Walküre» nochmals selbst übertroffen. Seine Tempi sind schneller, als man sie empfindet. Von seinem unerhört fein ausbalancierten Klangsinn profitieren Holz- wie Blechbläser. Er hat das Legato im kleinen Finger. Und dann kommt es beim Walküren-Treffen im dritten Aufzug fast zu einem Schmiss. Waltraute ruft: «Wer hängt dir im Sattel?», Helmwige antwortet: «Sintolt der Hegeling!» Und schon sind sie auseinander, und die nächsten, Schwertleite und Gerhilde, kommen nicht mehr auf den Schlag. Nur ein gewiefter Kapellmeister wie Thielemann schafft es, das wieder zusammenzuzwingen innert Sekunden. Und es klingt, als müsse es so sein.Eine feuchtfröhliche Bilderwut bei der Premiere des «Rheingolds» an den Bayreuther Festspielen 2026.Enrico NawrathPassend zum Artikel