In den USA flackert der Kulturkampf um Corona wieder auf: Doch Anthony Fauci schweigt zu seinen umstrittenen TagebucheinträgenDer republikanische Senator Rand Paul wirft dem ehemaligen Covid-Berater der Regierung vor, er habe die Öffentlichkeit in der Pandemie hinters Licht geführt. Anthony Fauci versucht sich mit Aussageverweigerung vor juristischen Folgen zu schützen.31.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenHundert Fragen, aber keine Antwort: der ehemalige Corona-Berater der Regierung bei der Anhörung im Senatsausschuss.Matthew Kaminsky / EPAAnthony Fauci war in den USA die Symbolfigur im Kulturkampf um die Covid-Pandemie. Linksliberale Kreise stilisierten den früheren Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases zur Autoritätsperson empor, die die Bevölkerung gegen das tödliche Virus zu schützen und vor den Eskapaden von Präsident Donald Trump zu bewahren suchte. Für Konservative verkörperte Fauci hingegen einen übergriffigen Staat, der die Freiheitsrechte auf Basis einer zweifelhaften Faktenlage einschränkte. Die Debatte lief derart aus dem Ruder, dass Fauci wegen Morddrohungen sogar unter Personenschutz leben musste.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Tagebuch veröffentlichtAm Mittwoch nun hat eine Anhörung Faucis in einem Senatsausschuss dem alten Kulturkampf neues Leben eingehaucht. Auf die Initiative des Republikaners Rand Paul aus Kentucky war der ehemalige Corona-Berater aufgefordert, unter Eid Fragen zur Pandemiebekämpfung zu beantworten. Paul und weitere republikanische Senatoren warfen Fauci vor, bei früheren Anhörungen Falschaussagen gemacht zu haben. «Heute wird der Schlussstrich unter Anthony Faucis vierzig Jahre Machtmissbrauch gezogen», sagte Paul.Anlass für die Vorladung waren private Tagebucheinträge Faucis während seiner Zeit als Corona-Berater im Umfang von über 1000 Seiten, die Paul kürzlich veröffentlicht hatte. Fauci hatte diese auf einem Bürocomputer angefertigt, weshalb sie für die heutige Regierung auf den Servern des Gesundheitsministeriums abrufbar waren. Trumps Gesundheitsminister Robert F. Kennedy, ein erklärter Impfgegner, stellte sich auf den Standpunkt, die Tagebucheinträge seien in öffentlichem Besitz. Faucis Anwälte hingegen betonten, die Notizen würden missbraucht, um einen politischen Rachefeldzug gegen ihren Klienten zu führen.Präsident Joe Biden hatte Fauci bei seinem Abgang vorsorglich begnadigt, um ihn vor Strafklagen zu schützen. Mehrere Republikaner halten eine Anklage dennoch weiterhin für möglich. Auch vor diesem Hintergrund rieten ihm seine Anwälte, sich im Senatsausschuss auf sein verfassungsmässiges Recht zur Aussageverweigerung zu berufen. Fauci warf Paul nur ganz zu Beginn der Anhörung vor, er sei besessen von dem Ziel, ihn ins Gefängnis zu bringen. Dann schwieg er beharrlich, was die Anhörung in ein bizarres und unergiebiges Schauspiel verwandelte.Über 100 Fragen stellten die Senatoren dem ehemaligen Gesundheitsbürokraten. Selbst Fragen nach der Farbe des Teppichs oder nach dem aktuellen Wochentag beantwortete der 85-Jährige mit dem Hinweis, er mache auf Anraten seiner Anwälte von seinem Schweigerecht Gebrauch. Dafür liess sich einer der Anwälte Faucis in ein Wortgefecht mit Rand Paul verwickeln. Der Senator liess ihn von Sicherheitsleuten aus dem Sitzungssaal weisen – was der Anwalt im Nachgang als «Ungeheuerlichkeit» bezeichnete.Labor-These wurde ernst genommenDie meisten demokratischen Senatoren nahmen Fauci in Schutz oder lobten ihn dafür, vielen Amerikanern das Leben gerettet zu haben. Die Republikaner hingegen griffen Passagen aus den Tagebucheinträgen Faucis auf mit dem Ziel, Widersprüche zwischen seinen privaten Gedanken und öffentlichen Aussagen in der akuten Phase der Pandemie offenzulegen. Dabei ging es etwa um die Frage, ob das Coronavirus aus einem chinesischen Labor stammen könnte.Fauci hatte immer wieder betont, dass eine natürliche Übertragung vom Tier auf den Menschen die wahrscheinlichste Ursache des Virus sei. In den Tagebucheinträgen erkannten die Republikaner eine weit grössere private Unsicherheit. Die Labor-These scheint intern ernster genommen worden zu sein, als die Behörden nach aussen kommunizierten. Gemäss einem Tagebucheintrag vom Februar 2020 hielten es bei einer Sitzung von zwölf Wissenschaftern deren zehn für möglich, dass das Virus in einem Labor verändert worden sei.Im Zentrum des Streitpunkts steht die sogenannte Gain-of-Function-Forschung, bei der Viren genetisch verändert werden. Fauci hatte stets bestritten, dass die US-Gesundheitsbehörden in Wuhan in China riskante wissenschaftliche Experimente finanziert hätten, um Viren gefährlicher und leichter übertragbar zu machen.Die amerikanischen Gesundheitsinstitute (NIH), die der Regierung unterstellt sind, finanzierten indirekt ein chinesisches Labor, das Coronaviren bei Fledermäusen untersuchte. Die NIH betonen allerdings, dass es sich dabei nicht um die Erreger der Corona-Pandemie gehandelt habe. Paul warf Fauci erneut vor, den Begriff der Gain-of-Function-Forschung zu eng ausgelegt und die Risiken heruntergespielt zu haben, was Fauci schon mehrfach bestritten hatte.Neue Verfahren gegen FauciKritische Fragen gefallen lassen musste sich Fauci auch wegen Massnahmen wie der Maskenpflicht oder der Schulschliessungen, die er gefordert oder angeordnet hatte. Munition fanden die Republikaner überdies in eitlen Anmerkungen Faucis über seine eigene Prominenz oder in der kumpelhaften Beziehung zu Journalisten, die seine Haltung zur Pandemie unkritisch wiedergaben und ihn zur Heldenfigur stilisierten.Trotz seiner Aussageverweigerung ist die Angelegenheit für Fauci noch nicht ausgestanden. Die Republikaner wollen das Thema im Wahljahr am Kochen halten. Der oberste Staatsanwalt in Florida kündigte eine Untersuchung gegen Fauci an, in Alabama gibt es ähnliche Bestrebungen. Paul beantragt überdies, dass der Senat offiziell Faucis Missachtung des Kongresses feststellt. Auch dies könnte für den ehemaligen Covid-Beamten rechtliche Folgen nach sich ziehen.Passend zum Artikel