Es gab in den vergangenen Tagen nur wenige erfreuliche Nachrichten für Kanzler Friedrich Merz (CDU). Die Zahlen zur wirtschaftlichen Entwicklung im zweiten Quartal, die das Statistische Bundesamt am Donnerstag verschickte, dürften daher im Kanzleramt umso besser ankommen. Die deutsche Wirtschaft ist zwischen April und Juni trotz der Belastungen durch den Irankrieg etwas gewachsen. Gegenüber dem Vorquartal wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der ersten Schätzung zufolge um 0,2 Prozent. Die Statistiker korrigierten zudem die Wachstumsrate für die ersten drei Monate des Jahres auf 0,4 Prozent nach oben. Gegenüber dem Vorjahresquartal ist die Wirtschaft nun um 0,9 Prozent gewachsen.Treiber des Zuwachses sind die gestiegenen Exporte. Diese Entwicklung könnte damit zusammenhängen, dass Unternehmen in Asien stärker von den Lieferengpässen infolge des Irankriegs betroffen sind als die Europäer. Während hierzulande nur die Preise für Energie und Vorprodukte gestiegen sind, gibt es dort auch physische Engpässe. In Deutschland selbst fehlt es aber nach wie vor an wirtschaftlichen Impulsen. Die Nachfrage der Verbraucher blieb verhalten, die Investitionstätigkeit der Unternehmen ging zurück, schreibt Destatis.„Ein überraschend deutliches Plus“Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, sprach von einem „überraschend deutlichen Plus“ im zweiten Quartal. Wegen der verbesserten Ausgangsbasis erhöhte die Bank ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr von 0,6 auf 1,0 Prozent. Auch im Wirtschafts- und im Finanzministerium dürften die Volkswirte nun etwas optimistischer auf das Gesamtjahr schauen. Ende April hatte die Bundesregierung noch, ähnlich wie führende Wirtschaftsforschungsinstitute, ihre Wachstumsprognose für 2026 von 1,0 auf 0,5 Prozent halbiert.Timo Wollmershäuser, Konjunkturchef am Münchner Ifo-Institut, sieht auch die zusätzlichen Milliarden für die Modernisierung der Infrastruktur und der Verteidigung als Ursache für den Miniaufschwung. Das Institut geht davon aus, dass sich die Erholung in der zweiten Jahreshälfte fortsetzt. „Der Schub durch die Finanzpolitik hält an“, hieß es. Der Geschäftsklimaindex habe sich aufgehellt. Ein Unsicherheitsfaktor bleibt allerdings der Nahostkonflikt. Neben der Straße von Hormus sind mittlerweile auch Alternativrouten blockiert. Viele Frachter mit Energielieferungen stecken in der Region fest. Dass der Ölpreis zuletzt nicht noch stärker gestiegen ist, führen Beobachter darauf zurück, dass China seine Importe deutlich zurückgefahren hat.Keine RezessionssorgenDas Risiko für eine Rezession, also einen Rückgang der Wirtschaftsleistung, besteht nach überwiegender Meinung der Ökonomen in Deutschland in diesem Jahr nicht mehr. „Der seit Ende der Corona-Pandemie aufgelaufene Wachstumsrückstand zu anderen Ländern bleibt aber hoch“, gab der Chefvolkswirt der Bank Bethmann HAL, Alexander Krüger, zu bedenken.Eher zurückhaltend äußerte sich auch Volker Treier, Außenwirtschaftschef der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK): „Das Wachstum von 0,2 Prozent ist ein erfreuliches Signal, aber längst kein Befreiungsschlag.“ Nur dank der mit Krediten finanzierten öffentlichen Investitionen verkrafte die deutsche Wirtschaft den „Iran-Schock“ bisher besser als befürchtet. „Von einem selbsttragenden Aufschwung sind wir weit entfernt.“Die mittel- bis langfristigen Wachstumsaussichten bleiben verhalten. Das sogenannte Potentialwachstum geht laut Sachverständigenrat bis Ende des Jahrzehnts gegen null. Die von der schwarz-roten Koalition geplante Einkommensteuerreform gleicht für viele Steuerzahler nicht einmal die Verluste durch die Inflation aus. Die Sozialabgaben steigen weiter, weil in der gesetzlichen Rentenversicherung ein Kapitalstock aufgebaut werden soll. Für Ausgabenkürzungen im rund 530 Milliarden Euro großen Bundeshaushalt gibt es zwischen Union und SPD kaum Konsens.Die Wirtschaftsleistung in Frankreich, nach Deutschland die zweitgrößte Volkswirtschaft in der EU, legte im zweiten Quartal ebenfalls um 0,2 Prozent zu, nachdem sie zum Jahresauftakt unter anderem wegen fehlender Flugzeugtriebwerke in der wichtigen Luftfahrtindustrie um 0,1 Prozent gesunken war. Frankreich ist damit auf Kurs, das von der Regierung gesetzte Wachstumsziel von 0,7 Prozent in diesem Jahr zu erreichen. Das gilt als wichtige Voraussetzung, um das hohe Haushaltsdefizit auf fünf Prozent der Wirtschaftsleistung zurückzuführen.Anders als Deutschland war Frankreichs Wirtschaft schon in den vergangenen Jahren durchweg gewachsen, zuletzt um 0,9 Prozent. Rundum positiv ist die Lage jedoch nicht. Zwar zog im zweiten Quartal dieses Jahres der private Konsummotor wieder an. Die Bruttoanlageinvestitionen sanken aber das zweite Quartal in Folge. Die Arbeitslosigkeit ist zuletzt wieder merklich gestiegen. Die Verhältnisse im französischen Parlament bleiben fragmentiert. Die Finanzmärkte sind zunehmend skeptisch, ob die Regierung die hohe Neuverschuldung eindämmen kann, zumal der Präsidentenwahlkampf anläuft.