Obwohl der Musiksommer im Theatron einst mal dank seines damaligen sehr pfiffigen Leiters Arthur Silber als „Längstes Open Air der Welt“ im Guinness Buch der Rekorde stand, ist er doch ein sehr lokales Ereignis. Im allerbesten, sympathischsten Sinn. Die Münchner lieben ihr Theatron. Man muss nicht einmal wissen, welche drei Konzerte am Abend dort am Olympiasee laufen, man packt einfach den Picknickkorb, radelt raus und hat in den allermeisten Fällen eine prima Zeit. Oder radelt weiter – es kostet ja keinen Eintritt. In der dem griechischen Theater nachgebildeten Konzertstätte laufen gut drei Wochen lang fast 100 Konzerte aus Pop, Hip-Hop, Rock, Jazz, Weltmusik, Klassik – an alle ist gedacht. Hier beweisen das Münchner Kulturreferat und seine Partner wie das Feierwerk ihre geballte Power.Dass die Stadt mit dem Theatron gerade regionalen Musikern eine ihrer schönsten Bühnen mit 2000 offiziellen Sitzplätzen und etlichen mehr auf Wiesen drumherum bietet, heißt nun aber nicht, dass hier alles direkt von Münchner Probenräumen vors Publikum gehievt wird. Das zeigt zum Beispiel schon der Auftakt mit „World Connects“. Das ist ein im Kulturreferat angesiedeltes Projekt, das spannende Künstler aus aller Welt mit der hiesigen Szene in Kontakt bringen soll. So eröffnen am Freitag, 31. Juli, um 19 Uhr die Boom-Bap- und Trap-Rapperinnen Zora, Freakin Freddy und L One aus dem aktiven Münchner Hip-Hop-Underground die Bühne für starke weibliche Stimmen von weither: Suppra bringt sozial- und patriarchatskritischen Rapcore aus Chile mit, Ami Yerewolo feministischen Hip-Hop aus Mali. Das Album „Maaya“ der „wichtigsten weiblichen Hip-Hop-Stimme Westafrikas“ ist auf dem Giesinger Label Trikont erschienen – so verbindet sich alles.Die Welt auf heitere Weise zusammenzubringen, war das Ziel der Olympischen Spiele 1972, für die das Theatron gebaut wurde. Schon 1973 nutzten der Bhagwan-Anhänger Anurakta (Jürgen Birr) und seine Hippies die Seebühne für Konzerte. Der Musiksommer ist damit die langlebigste Kulturreihe im Olympiapark. Was nicht bedeutet, dass man nicht immer wieder etwas verändern könnte. So gibt es diesmal fast eine Revolution: Erstmals wird auch schon vormittags gespielt: In der ersten Matinee am Samstag, 1. August, gibt es Neue Volksmusik mit Hey Häns (11 Uhr), die Jazziges, Poppiges und Klassisches mit bayerischen Texten verbinden, und danach „Bavarian Grooves“ zwischen Drehleier-Techno und Tänzen aus dem 18. Jahrhundert von der Familien-Band Spui’ma Novas (12.55 Uhr).Die zweite Matinee am Sonntag, 9. August, bringt noch eine zweite Premiere: Erstmals beim Musiksommer gibt es ein Kinderkonzert, und das von Bayerns Stars der Familienunterhaltung: Die Gruppe Sternschnuppe singt vor, was es Neues von der „Brezn-Beißer-Bande“ gibt, und alle singen mit (11 Uhr). Davor und danach streift Ingrid Irrlicht mit ihrem Walk-Act „Das Geheimnis der glücklichen Eule“ umher.Zwischen Drehleier-Techno und alten Tänzen: die Familien-Band „Spui’ma Novas“. Sigrid ReinichsDa wird der Musiksommer gleich zum Ferienprogramm für Familien, zumal das Festival eingebettet ist ins Sommerfestival des Olympiaparks mit seinen Buden, Fahrgeschäften und Aktionen. Mit der nebenan auf dem See schwimmenden Bar du Soleil und ihren bollernden DJ-Beats habe man quasi die Friedenspfeife geraucht, teilt Musiksommer-Leiterin Luzia Huber mit. Das große Feuerwerk am Mittwoch, 12. August, 22 Uhr, teilt man sich ohnehin. Und so auch das Kurzfilm-Festival mit den Höhepunkten des ältesten Jugendfilmfestivals Deutschlands, „Flimmern & Rauschen“, am 17. und 18. August nach Ende der Konzerte.Und was bewegt die Jugend so? Das erfährt man auch von vielen Bands, für die das Theatron womöglich die allererste wirklich große Bühne ist. Die jungen Hip-Hopper, die das Streetwork-Team der Stadt jedes Jahr auf die Bühne schickt, rappen jedenfalls engagiert für Feminismus und gegen Rassismus, so etwa Gündalein und Leniliciouz am 4. August und Sour fight und Lvck am 5. August. Bei der wunderbaren Band Lauraine schwingt in ihrem „Pop mit Haltung“ immer auch ein „stilles Bekenntnis zur Inklusion“ mit (12.8.). Auch die Münchner Indie-Helden Elena Rudd nehmen sich der ganzen Sorgen der Gen Z an: Mental Health, Body-Positivity, Queerness, Dysmorphie, Sexismus und toxische Beziehungen (15. August). Und Paradise Noir spielen „Mystery Metal“ aus „dem düsteren Wald des Geistes“ (7.8.).Die Hip-Hopperin Ami Yerewolo aus Mali hat ihr Album beim Giesinger Label Trikont veröffentlicht. Ami Yerewolo/TrikontEs ist natürlich nicht alles verschattet im Theatron. Das Spektrum reicht weit: Es gibt hotten Hammond-Orgel-Jazz mit Hattori Hanzi (3.8.), das große Studierenden-Orchester Sinfonietta von Hartmut Zöbeley (diesmal mit Rossinis „Die Italienerin in Algier“ und mehr, 2.8.) und viel Krautrock, der hier lange Tradition hat, schließlich eröffneten Kraan einst den Theatron-Reigen. Nun organisiert die Underground-Reihe „Behind The Green Door“ ein krautiges Happening mit Embryo-Fackelträgerin Marja Burchard, Hodo Gaia, Kyotario Miula und dem preisgekrönten Schlagzeuger Simon Popp (16.8.). Ein Abend bringt zeitgenössische arabische Fusion-Grooves etwa von Synkope und Mosaic, deren Mitglieder im Libanon, Tunesien und Ägypten verwurzelt sind und deren Name vielleicht am schönsten für diesen Musiksommer steht (8. August).„Elektrokohle“ reisen aus Berlin an. Anna Widercrantz„Cousines Like Shit“ aus Wien. Maria FicklEs treten eben nicht nur Münchner Musiker auf, sondern sie kommen aus Luxemburg (wie der in Nigeria geborene Soul-Sänger Oke, 18.8.), sehr oft aus Wien (wie die Avant-Popper Farce, 11.8., Cousines Like Shit, 18.8., Laundromat Chicks, 17.8., und die mit den Austria-Award-Gewinnern Mynth verbandelten Berglind, 14.8.), aus Berlin (die Postpunks Elektrokohle, 13.8.) und sogar aus China: Sha Mo haben für ihr erstes Album – passend fürs Theatron-Feeling – „alte Lieder an heißen Sommertagen“ aufgenommen (15.8.).Stars der Münchner Szene sind Elena Rudd und ihre gleichnamige Band. Svenja ScholzDabei hat die Münchner Szene durchaus ihre Größen, deren Ruf über die Stadtgrenzen hinaus schallt: Etwa die von Friends of Gas und Spinnen und ihrem Projekt „München ist Dreck“ bekannte Veronica Burnuthian, die hier nun in ihrem Solo-Projekt Soft Violet ihrem armenischen Erbe und ihrer queeren Identität nachspürt (13.8.). Oder Hubert-von-Goisern-Multiinstrumentalistin Maria de Val, die nach ihrem Bekanntwerden mit den Ladiner-Pop-Trio Ganes und weiteren Bands nun endlich solo abräumt (11.8.). Und zum Finale, aber nicht zuletzt die Schlachthofbronx (22.8.) – zwei Münchner Bass-Burschen, zu deren energetischem Mix aus Cumbia, Baile-Funk, UK Garage und Dancehall schon Zehntausende Fans auf Straßenfesten von Mexiko bis London tanzten: Münchner Beats für die Welt.Musiksommer im Theatron, Freitag, 31. Juli, bis Samstag, 22. August, Konzerte täglich von 19 bis 22 Uhr, Eintritt frei, Programm: www.theatron.net