Seit dem 30. Juli 1966 umstritten: War der Ball im Tor oder nicht?Quelle: picture-alliance/dpa1966 stand Deutschland zum zweiten Mal im Finale einer Fußball-WM. In der Verlängerung fiel ein umstrittenes Tor für den Gastgeber England. Deutsche Fußballfans bewerten die Szene bis heute als Skandal – und sind dabei erstaunlich erfinderisch.Wie sehr das sportliche Abschneiden bei einer Fußball-Weltmeisterschaft das Seelenleben der Deutschen bestimmt, ließ sich im Juli 2026 wieder einmal exzellent beobachten. Solange das DFB-Team noch nicht ausgeschieden war, wussten nach groben Schätzungen des Autors 78,7 von 83 Millionen Bundestrainern auch dieses Mal wieder alles besser. Nach dem vergeigten Sechzehntelfinale explodierte der Volkszorn: Alles müsse sich nun ändern beim DFB, und überhaupt seien die desolaten Auftritte der Mannschaft sinnbildlich für den miesen Zustand der Republik. Daran sind Zweifel erlaubt – wie beispielsweise die charakterlichen Beschaffenheiten der Nationalspieler mit der klebrigen Tomatensuppen-Attrappe im Bordrestaurant der Bahn oder den Problemen deutscher Autobauer zusammenhängen, harrt weiter einer Untersuchung. Betrachtet man die heutige Situation allerdings historisch, so ist sie Kinderkram gegenüber einem Ereignis, über das vor allem ältere Bundesbürger nicht hinwegkommen. Die Rede ist natürlich von dem, was am 30. Juli 1966 im Wembley-Stadion in London passierte. In der 101. Minute des Finales zwischen England und Deutschland hämmerte der englische Stürmer Geoff Hurst den Ball vorbei am deutschen Keeper Hans Tilkowski unter die Latte des Tors. Von dort aus prallte er – tja, wohin eigentlich? Deutlich hinter die Linie, wie Hurst und seine Mannschaftskameraden es gesehen haben wollten? Oder auf die Linie, was die deutschen Spieler beobachtet haben wollten, sodass der Treffer nicht hätte zählen dürfen?Bei dieser Frage hört der Spaß bei vielen Deutschen restlos auf – bis heute (so läuft's auch beim Autor, wenn er nicht höllisch aufpasst). Da mögen sie 1954 Weltmeister, 1966 Vizeweltmeister, 1972 Europameister geworden sein, 1974 Weltmeister, 1980 wieder Europameister, 1982 und 1986 Vize-Weltmeister, 1990 Weltmeister, 1992 Vize-Europameister, 1996 Europameister, 2002 Vizeweltmeister, 2008 Vize-Europameister und 2014 Weltmeister – gegen das Tor, das angeblich keins war, verblasst das alles. Die Erinnerung an ein Ereignis, bei dem man um den verdienten Lohn seiner Mühen gebracht wurde, darf offensichtlich nicht aufhören, so viel ist man sich schuldig. Im Sinne dieser Fans war die Angelegenheit von 1966 geradezu infam – denn nicht nur die Engländer behaupteten, der Ball sei hinter und nicht auf der Linie gewesen. Das hätte man als Bundesbürger noch halb nachvollziehen können, obwohl es die Idee englischer Fairness selbstredend für die nächsten 276 Generationen erledigte. Nein, noch zwei weitere Figuren waren beteiligt, die den Skandal erst wirklich komplettierten.Lesen Sie auchDie Partie pfiff der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst. Als längst feststand, dass der Ball die Linie nicht überquert hatte oder eben doch, wagte er es, seinen sowjetischen Linienrichter Tofiq Bahramov zu fragen, wie es sich denn nun mit dem Ball verhalten habe: Hinter oder auf der Linie? Ein Akt schmählicher Neutralität, als ein klares Bekenntnis für Deutschland zu erwarten war. Und hatte nicht schon Bundeskanzler Konrad Adenauer gewusst, dass den „Zoffjets nicht zu trauen“ sei? Was hampelte Dienst da also mit dem Linienrichter rum?Lesen Sie auchDer Sowjetbürger hatte im Folgenden die Dreistigkeit, darauf hinzuweisen, dass das Tor anzuerkennen sei. Aber nicht, weil er den Ball hinter der Linie gesehen habe, sondern weil die Engländer so laut jubelten und die Deutschen eher traurig aus ihren Trikots schauten, das sagte er zumindest nach dem Match. In seinen Memoiren wollte der feine Herr plötzlich einen ganz anderen Eindruck gehabt haben – er schrieb, er habe den Ball nicht nur hinter der Linie, sondern im Netz zappeln sehen.Lesen Sie auchAber selbst das war noch nicht die Krönung – denn jetzt kommt der Hammer, Freunde! Irgendwo in den Tiefen des Internets existiert die Legende, Bahramov, der 1993 starb, sei auf dem Totenbett gefragt worden, warum er auf Tor entschieden habe. Angeblich antwortete er mit nur einem Wort: „Stalingrad!“ Dieses Anekdötchen entzieht sich zwar jeglicher Überprüfbarkeit – aber mal ehrlich, denkbar wär’s doch?Und selbst, wenn man bereit ist, das alles für verschwörungstheoretischen Dünnsinn zu halten, konnte Bahramov gar nicht unparteiisch sein. Bekanntlich hatte die DFB-Elf die Sowjetunion bei dem Turnier im Halbfinale um den Platz im Endspiel gebracht, indem sie mit 2:1 gewann. Mehr Beweis geht nicht, dass die Fifa schon lange vor den Blatters und Infantinos dieser Welt ein Verein war, der beinahe jede Schandtat im Vorübergehen erledigte.Schade ist nur, dass es Spielverderber gibt, die partout nicht aufhören wollen, den ganzen schönen Skandal kaputtzureden. Sie bedienen sich immer der gleichen rhetorischen Strategien: Erstens sagen sie, die Engländer hätten schließlich noch ein Tor nachgelegt, sodass es egal sei, ob es am Ende 3:2 oder 4:2 stand. So etwas können nur Menschen behaupten, die keine Ahnung von Fußball haben. Denn selbstverständlich wären die Briten im Falle eines nicht gegebenen Tors völlig zusammengebrochen; Uwe Seeler & Co. hätten leichtes Spiel mit ihnen gehabt.Ärgerlich sind die Typen, die Franz Beckenbauers Analyse nach dem Spiel zitieren: „Ich war nur froh, dass der Schiedsrichter endlich abgepfiffen hat.“ Ja gut, ne, aus dem Mann ist später irgendwie schon noch was geworden – aber der Rotzbengel, der er 1966 noch war, scheint den Ernst der Lage nicht erkannt zu haben. Er hätte nie und nimmer so jung für Deutschland auflaufen dürfen! Was schließlich Bundespräsident Heinrich Lübke zum Statement „Der Ball war drin!“ motivierte, wird bis in alle Ewigkeit zu den Rätseln der Menschheitsgeschichte gehören. Als ob er von seinem Logenplatz aus etwas hätte erkennen können.Doch das alles krönt das perfide Publikum, das einem einreden will, das Wembley-Tor sei gar nicht so wichtig gewesen, und deshalb empfiehlt, Triumphe zu feiern, aber sich bei Niederlagen keinesfalls das Lächeln nehmen zu lassen – und sei es nur, dass man den Siegern die Freude des Gewinnens geschenkt hat.Jeder Mensch weiß: Wer akzeptiert, dass Niederlagen unabhängig davon, wie sie entstehen, zum Leben gehören, wird irgendwann zum Verlierer. Das belegt glasklar, dass die Engländer sich 2010 nicht groß über einen Treffer im Achtelfinale gegen Deutschland aufgeregt haben, der ihnen aberkannt wurde, obwohl der Ball eindeutig im Tor war. Sind die seitdem mal Weltmeister geworden? Na eben!Seit er sich erinnern kann, liebt Philip Cassier englischen Fußball. Das Tempo, die Intensität und die Leidenschaft der Fans faszinieren ihn. Nur wenn England auf Deutschland trifft, ist es mit der Liebe vorbei. Dann will er die „Three Lions“ verlieren sehen – und zwar möglichst hoch.