Quizfrage eins: Wie heißt der einzige Beteiligte des WM-Finales von 1966, nach dem ein Stadion benannt worden ist? Die Antwort lautet nicht Beckenbauer oder Seeler, Charlton oder Moore. Sondern, je nach Transkription aus dem kyrillischen Alphabet, Bachramow oder Bakhramov oder, in aserbaidschanischer Schreibweise: Bəhramov. Wobei in letzterer Version der seltsame zweite Buchstabe nicht nur wie das Spiegelbild eines e, sondern auch wie das Sinnbild einer seltsam verdrehten Geschichte anmutet.Die Geschichte des Mannes, für den in Aserbaidschan das Nationalstadion, einst nach Stalin, dann nach Lenin benannt, in Tofiq-Bəhramov-Stadion umgetauft wurde; der überdies mit Statuen und Briefmarken verewigt und als einziger Linienrichter der Welt weltbekannt wurde. Und all diesen Ruhm einem heftigen Winken und Nicken in Minute 101 des Finales von Wembley verdankte.„Nicht drin“Was in jener Minute geschieht, wäre mit moderner Torlinientechnik, seit 2014 WM-Standard, nach wenigen Sekunden passé gewesen. Ein kurzer Blick auf die Uhr, und Schiedsrichter Gottfried Dienst hätte die prompte Gewissheit erhalten, die die Universität Oxford erst dreißig Jahre später wissenschaftlich fundiert nachliefern wird: nicht drin. So aber wird der Schuss von Geoff Hurst an die Unterkante der Latte und von dort Richtung Torlinie zum ewigen „Wembley-Tor“.Im entscheidenden Moment, dem des Aufpralls am Boden, ist der Ball für Dienst hinter dem Rücken von Torwart Hans Tilkowski unsichtbar. Während der Postbeamte aus Basel seine Blindheit in dieser Angelegenheit feststellt, winkt am Spielfeldrand der Physiklehrer aus Baku so heftig, als wolle er einen Londoner Doppeldeckerbus anhalten. Dabei hat Bəhramov unmittelbar nach dem Schuss die Fahne noch unten gelassen. Später wird er einräumen, dass er nicht sah, wo genau der Ball aufprallte.Auch Diensts kickende Landsleute könnten wenig Positives über Bəhramovs Seh- und Urteilskraft bezeugen. Der Mann aus der UdSSR hat als Schiedsrichter dem Schweizer Team in der WM-Vorrunde ein reguläres Tor gegen Spanien und so die letzte Chance aufs Viertelfinale geraubt. Doch Dienst bleibt nichts übrig, als Bəhramov zu konsultieren. Und obwohl es keine sprachliche Schnittmenge gibt, der Schweizer spricht Deutsch und Englisch, der Sowjet Russisch und Aserbaidschanisch, glaubt Dienst zu verstehen: „Das ganze Verhalten von Bəhramov, jeder Zoll an ihm sagte mir, dass er ‚Tor‘ meinte.“Bəhramov selbst ist sich später nicht ganz so sicher, was er meinte. Und was er sah. 1967 erklärt er, es sei das Verhalten der Spieler gewesen, das ihn überzeugte, der Ball müsse drin gewesen sein – Tilkowski erschien ihm betrübt, während die Engländer jubelten. In seinen Memoiren liefert er 1971 eine noch absurdere Erklärung: Hursts Schuss sei vom Tornetz zurückgeprallt und deshalb ein regulärer Treffer. Ob der Ball dann vor oder hinter der Linie aufkam, sei deshalb ohne Bedeutung gewesen. Er habe das auch gar nicht gesehen, so der berühmteste aller Linienrichter.Quizfrage zwei: Wie hieß eigentlich der andere Linienrichter? Jener Bedauernswerte, der ein Star hätte werden können, wäre das „Wembley-Tor“ fünf Minuten später gefallen, nach dem letzten Seitenwechsel, also in seiner Hälfte des Spielfelds. Wer kennt ihn schon? Es ist die Millionen-Euro-Frage. Die Antwort: Karol Galba aus der Tschechoslowakei.