Herr Kiefer, Sie sind Islamwissenschaftler und forschen unter anderem zu Radikalisierung und Radikalisierungsprävention. Auf dem Handy des mutmaßlichen CSD-Attentäters Abdul Ballout haben Ermittler ein Video mit einem Bekenntnis zur Terrormiliz „Islamischer Staat“ entdeckt. Das Kalifat wurde militärisch besiegt. Was macht den IS noch attraktiv, insbesondere auch für junge Menschen?Das ist eine Organisation, die gezeigt hat, dass man erfolgreich sein kann, wenn man anfängt, den Nukleus eines sogenannten „Islamischen Staates“ aufzubauen. Der IS ist im Vergleich mit den anderen radikalen Organisationen, zum Beispiel Al-Qaida, diejenige, die es geschafft hat, tatsächlich Gebiet zu besetzen und zu organisieren. Hinzukommt, dass die Ideologie des IS sehr schlicht ist. Man hat eine vollkommen binäre Weltsicht, alles ist eingeteilt in Gut und Böse, in gottgewollt und nicht gottgewollt. Es ist also ein sehr schlichtes, aber hochwirksames System der Weltdeutung, was auf junge Menschen offenkundig eine gewisse Attraktivität ausstrahlt. Der Politikwissenschaftler Olivier Roy hat einmal treffend formuliert: je kruder und einfältiger, desto erfolgreicher.Wie läuft die Anwerbung?Da muss man sich von Fall zu Fall anschauen. Wenn wir uns zunächst einmal die Adressatengruppe der Propaganda anschauen, waren es in den letzten Jahren häufig Menschen in sehr prekären Lebenssituationen. Also zum Beispiel Geflüchtete, die einen unsicheren Status hatten, bei denen eine gewisse Perspektivlosigkeit gegeben war, und die offen waren für Angebote aus extremistischen Kontexten. Wenn man danach sucht, wird man eben auf Telegram oder auf Tiktok fündig. Und in den sozialen Medien besteht immer die Möglichkeit, tiefer einzutauchen.Grundsätzlich muss man zwischen denjenigen unterscheiden, die eigenständig die Entscheidung treffen, einen Anschlag vorzubereiten, und jenen, die tatsächlich angeleitet werden. Das sind Leute, die in Chatgruppen sind oder Kontakt haben mit mutmaßlichen Funktionären des IS.Islamwissenschaftler Michael KieferUwe Lewandowski / Universität OsnabrückWie hat sich der IS in den vergangenen Jahren verändert? Wenn wir den IS als Ganzes betrachten, gibt es keine zentral gesteuerte Organisation mehr. Mittlerweile gibt es viele kleine Zellen oder lokale Ableger, in Mali, Somalia, Afghanistan, die eher regional rekrutieren und natürlich auch untereinander vernetzt sind. An dem Berliner Fall kann man sehen, wie schwierig es ist, sich heute dem IS anzuschließen. Früher war es sehr einfach: In den Jahren 2013 bis 2016 ist man in die Türkei gefahren, dort über die Grenze gegangen und konnte sich dann im syrischen Staatsgebiet direkt dem IS anschließen. Das ist heute nicht mehr möglich. Und der IS ist auch bei Weitem nicht mehr so schlagkräftig, wie er das einmal gewesen ist.Aber er ist immer noch brandgefährlich, die Gefahr des Terrorismus besteht ungebrochen. Wobei sich auch das grundlegend verändert hat. Wir haben seit einigen Jahren nicht mehr strategisch lange vorbereitete, große Anschläge, die mit professionellen Waffen durchgeführt werden, wie der Anschlag auf den Pariser Bataclan oder in Brüssel auf die U-Bahn. Stattdessen haben wir Anschläge mit Alltagsgegenständen, also haushaltsüblichen Messern, Fahrzeugen und Ähnlichem. Vieles wird auch scheinbar sehr kurzfristig geplant und gar nicht von langer Hand vorbereitet.Medienberichten zufolge soll Abdul Ballout familiäre Verbindungen zu einem bekannten Dschihadisten gehabt haben. Spielt das dann auch eine Rolle bei der Anwerbung?Ja, natürlich. Die Peergroup, mit wem man verkehrt, wen man trifft, spielt bei Anwerbeversuchen immer eine große Rolle. In den letzten Jahren haben wir häufiger eher Ansprachen über Telegram gesehen, also über Social Media. Aber es gibt natürlich immer noch die Ebene der persönlichen Kontakte. Und wir können auch davon ausgehen, dass IS-Anhänger versprengt in ganz Europa ansässig sind.Nach früheren islamistisch motivierten Anschlägen hat der IS diese schon kurz darauf für sich reklamiert. Das scheint aktuell nicht der Fall zu sein. Woran liegt das?Der IS hatte in den 2010er-Jahren ein gut geöltes mediales System, quasi eigene Presseagenturen, die systematisch Nachrichten oder Bekennervideos gestreut haben, die sehr professionell aufbereitet waren. Es ist gut möglich, dass der Verfolgungsdruck gerade so hoch ist, dass es diese Strukturen nicht mehr gibt. Es kann aber auch einfach sein, dass dieser junge Mann selbst auf die Idee kam, so ein Video zu produzieren. Ich habe das Video noch nicht gesehen. Da müsste man schauen, ob er eine eigene Botschaft hat, die er unter die Menschen bringen will, oder nur andere kopiert.Eigentlich braucht es doch auch gar nicht mehr die Struktur des IS für Anschläge. Nein. Das ist auch schon länger so, weil der IS nach seiner militärischen Niederlage in Syrien und im Irak die Parole ausgegeben hat, dass die Leute quasi eigenständig handeln sollen. Man hofft darauf, dass Strategien des Terrors immer wieder neu initiiert werden und es Nachahmer gibt, die ideologisch schon so weit sind, dass sie etwas machen wollen. Und nach zwei, drei erfolgreich durchgeführten Anschlägen fühlen sich dann andere motiviert, das auch zu tun. Genau das macht es auch so unendlich schwer für die Sicherheitsbehörden.Es heißt, Abdul Ballout habe seine familiären Wurzeln in Libanon, im Bekaatal, und sei Schiit gewesen. Der IS ist sunnitisch. Welche Rolle könnte das bei der Radikalisierung gespielt haben? Das ist schon eine ungewöhnliche Konstellation, denn die Schiiten haben ihre eigenständigen islamistischen Organisationen, zum Beispiel die Hizbullah. Interessant ist, dass dieser junge Mann sich nicht im eigenen Milieu radikalisiert hat und Bezug nimmt auf die eigenen religiösen Wurzeln, sondern quasi konvertiert. Diese biographischen Fragen muss man nun untersuchen, um zu verstehen, was bei ihm passiert ist, warum er sich aus der eigenen religiösen Community herausentwickelt und sich dem sunnitischen Extremismus zugewandt hat. Ungewöhnlich ist auch, dass er scheinbar versucht hat, sich in Mauretanien einer IS-Zelle anzuschließen. Das ist weit weg von Libanon.Sehen Sie in der Radikalisierung eine neue Dynamik seit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023?Ja, weil dieser Krieg zu einer extremen Polarisierung und Emotionalisierung beigetragen hat. Dass sich vor der Folie dieses Konfliktes Menschen radikalisieren, war zu erwarten. Ich finde das beunruhigend. Es ist eher verwunderlich, dass bislang so wenig passiert ist.
Nach CSD-Attentat: Warum der IS noch brandgefährlich ist
Der Attentäter von Berlin soll sich zum IS bekannt haben. Der Islamwissenschaftler Michael Kiefer erklärt, welche Strahlkraft die Terrororganisation noch immer hat.












