Blockbuster gibt es nicht nur im Kino, sondern auch in der Apotheke. So nennt man in der Pharmaindustrie Medikamente, die mehr als eine Milliarde US-Dollar Umsatz im Jahr einspielen. Zu den größten Kassenschlagern zählt natürlich Viagra. Doch neben den sogenannten Abnehmspritzen erblasst selbst die kleine blaue Pille.Elf Milliarden Euro UmsatzAllein das Unternehmen Novo Nordisk, das hinter „Ozempic“ steckt, machte 2025 elf Milliarden Euro Umsatz mit Abnehmmedikamenten. In den Konferenzzimmern und Laboren der Pharmaindustrie stiften die neuen Medikamente also zweifellos Optimismus.Doch auch Ärzte, Wissenschaftler und vor allem Menschen, deren enormes Übergewicht sie krank macht, haben das Gefühl, dass es endlich nach vorne geht in der Behandlung von Adipositas. Wundermittel sind die Abnehmspritzen nicht. „Aber wir können Menschen viel besser helfen, denen wir früher nichts anbieten konnten“, sagt Internist Matthias Blüher, Professor für klinische Adipositasforschung an der Universität Leipzig.Die Arzneien verdeutlichen zudem, wie stark bei Adipositas das körpereigene System, das Hunger und Sättigung reguliert, fehlreguliert ist. Und Forscher entdecken, welch positive Wirkungen die Mittel haben könnten, unabhängig vom Gewicht – zum Beispiel bei Herzproblemen und Alkoholsucht.Wie Adipositas-Medikamente wirkenAngefangen hat es mit einem Diabetes-Medikament. Eigentlich wurde „Ozempic“ mit dem Wirkstoff Semaglutid entwickelt, um den Blutdruck im Zaum zu halten. Dabei fiel auf: Die Diabetiker verloren auffallend viel Gewicht. Seit 2023 ist derselbe Wirkstoff unter dem Namen „Wegovy“ speziell zur Gewichtsreduktion bei Menschen mit einem BMI von über 30 zugelassen. Das Medikament „Mounjaro“ wirkt noch etwas stärker, weil der Wirkstoff Tirzepatid die Effekte von zwei Hormonen vereint.Die Arzneien nutzen einen Mechanismus, über den der Körper steuert, wann man Hunger spürt. Sie imitieren Peptidhormone, die Inkretine, vor allem das Glucagon-like Peptide 1. Diese werden im Darm produziert, wenn wir essen. Sie verlangsamen unter anderem die Verdauung und erzeugen im Gehirn ein künstliches Völlegefühl. Das führt dazu, dass man spürt: Ich bin satt – und weniger isst.In den großen Zulassungsstudien haben die Menschen durch Semaglutid rund 15 Prozent ihres Körpergewichts verloren, bei Tirzepatid waren es 20 Prozent. Bei jedem Dritten noch mehr. In den USA ist bereits eine Tablette mit Semaglutid zugelassen, die genauso stark wirkt wie die Spritzen.Unerwünschte und erwünschte NebenwirkungenIm echten Leben läuft es oft nicht ganz so optimal: Der Gewichtsverlust liegt nur bei etwa elf Prozent mit Wegovy, zeigen Daten. Denn die Arzneien verursachen häufig Übelkeit, Erbrechen und Darmbeschwerden. Außerdem kosten sie mehrere Hundert Euro im Monat.In einer „adipogenen“ Umwelt sind Abnehmmittel eine Revolution. Doch viele Patienten fanden auch Wein, Zigaretten und sogar Glücksspiel weniger verlockend.dpaBeides führt dazu, dass viele die Arzneien nicht so lange oder in so hoher Dosis nehmen wie in den Zulassungsstudien. „Was die möglichen Nebenwirkungen betrifft, haben unsere Patienten viele Fragen“, sagt Blüher. Zum Beispiel kommt es sehr selten zu einer Durchblutungsstörung im Sehnerv, wofür es bislang keine Erklärung gibt. Auch eine Bauchspeicheldrüsen­entzündung gehört zu den seltenen Folgen.Doch nicht alle Nebenwirkungen sind so gefährlich – oder gar unerwünscht. Forscher finden immer mehr Gebiete abseits von der Waage, auf denen die sogenannten GLP1-Analoga helfen könnten. Etwa ist vielen Patienten aufgefallen, dass sie nicht nur mehr Lust auf Gemüse hatten, sondern auch Wein, Zigaretten und sogar Glücksspiel weniger verlockend waren. Studien haben gezeigt: Alkoholabhängige trinken weniger durch die Abnehmmedikamente. Manche Ärzte geben es ihren Patienten bereits nur zur Behandlung der Sucht.Vor Kurzem sind in einigen Ländern die Patente abgelaufenDenn die Sättigungshormone sind auch im sogenannten Belohnungssystem in unserem Gehirn aktiv, das einen nach immer neuen Kicks suchen lässt. Auch haben die Medikamente positive Effekte auf die Leber, die Niere, die Blutgefäße und das Herz und reduzieren das Risiko von Schlaganfällen – unabhängig vom Gewichtsverlust.Das liegt unter anderem daran, dass die Medikamente Entzündungen lindern, auch im Gehirn: Man hegte daher die Hoffnung, dass sie vor Alzheimer schützen könnten. Doch in einer ersten großen Studie konnte Semaglutid das Fortschreiten der Demenz nicht stoppen. Eine Geschichte aus dem Frankfurter Allgemeine Quarterly, dem Zukunftsmagazin der F.A.Z. Mehr erfahren Sicher ist, dass die große Show der Abnehmspritzen noch nicht vorbei ist. Vor Kurzem sind in einigen Ländern die Patente abgelaufen, in Kanada und Indien etwa, wodurch günstige Generika auf den Markt kommen werden. Forscher arbeiten an Wirkstoffen, die noch mehr Hormone vereinen. Ein Dreifach-Agonist hat in Studien Menschen mit Adipositas fast 25 Prozent ihres Körpergewichts verlieren lassen. Und Forscher berichten, sie hätten schon mit Wirkstoffen gearbeitet, die fünf Hormone vereinen – mit noch größerer Wirkung.Die moderne Welt macht es nicht einfach, schlank zu bleiben„Ich glaube, dass wir durch die neuen Entwicklungen effektivere Medikamente haben werden“, sagt Matthias Blüher, der auch die Adipositas-Ambulanz am Universitätsklinikum Leipzig leitet. „Und es geht in vielen Bereichen der Behandlung voran.“ Zum Beispiel würden auch die bariatrischen Operationen weiterentwickelt, Ernährungsmaßnahmen könnten immer genauer auf den Menschen abgestimmt werden.Die Abnehmspritzen führen den Menschen vor Augen, dass krankhaftes Übergewicht keine Frage der Selbstdisziplin ist, sondern auch körperliche Ursachen hat. Dass Adipositas als eine chronische Erkrankung gilt, ist zu vielen noch nicht vorgedrungen. „Am traurigsten finde ich die Selbststigmatisierung“, sagt Blüher.Dabei ist es in der modernen Welt nicht einfach, schlank zu bleiben: Döner und Cola gibt es an jeder Ecke, in Supermärkten gibt es immer mehr hoch verarbei­tete Lebensmittel, auf allen Kanälen läuft Werbung für ungesundes Essen. Wissenschaftler sprechen von einer „adipogenen“ Umwelt. Lange war die Politik hier untätig. Nun ist wieder eine Steuer auf gesüßte Getränke im Gespräch. Ob das geschehen wird? Wir bleiben optimistisch.