Wenn das kein Fortschritt ist: Um durchschnittlich 40 Prozent ist die Zahl der Wald- und Buschbrände in den am stärksten bedrohten Mittelmeerländern Spanien, Portugal, Frankreich, Italien und Griechenland in den vergangenen zehn Jahren zurückgegangen – trotz Klimawandel, trotz Hitze und Trockenheit, die sich dort immer stärker ausgebreitet haben. Den Vergleich mit den Verhältnissen in den drei Jahrzehnten davor müssen die Brandbehörden, Planer und Feuerwehren gewiss nicht fürchten. Allein: Es reicht nicht. Sie löschen mehr, unterdrücken mehr Feuer, sind besser organisiert, sie nutzen nachweislich auch mehr Löschflugzeuge und Löschfahrzeuge. Und doch fliegen ihnen im zweiten Rekordjahr in Folge die Flammen förmlich um die Ohren.Eine Gruppe europäischer Wissenschaftler hat diese Widersprüche nun in einer Analyse von Waldbrandaufzeichnungen und langjährigen Satelliten- und Wetterdaten aufzulösen versucht. Ihr Fazit in der Zeitschrift „Scientific Reports“: Das sich über die Jahre zuspitzende „Feuerwetter“ übersteigt inzwischen die Kapazitäten der Brandbekämpfung und des Feuermanagements. Vom Feuerwetter sprechen die Experten, wenn sie die wesentlichen, für die Waldbrandausbreitung entscheidenden Faktoren einbeziehen: Hitze, Feuchtigkeit, Winde und Vegetation. Daraus berechnet sich der Feuerwetter-Index. Was das Wetter angeht, gibt es eine grobe 30-30-30-Regel: mindestens 30 Grad plus weniger als 30 Prozent Luftfeuchtigkeit und Windgeschwindigkeiten von mehr als 30 Kilometern.Schon sehr lange weiß man, dass die insbesondere in Europa überdurchschnittliche Erwärmung einen hohen Feuerwetter-Index fördert. Wie stark, zeigt auch diese Analyse: In den Sommermonaten hat sich die Zahl der riskanten Feuerwettertage in den untersuchten Ländern zwischen 1981 und 2025 mehr als verdoppelt: von durchschnittlich zehn Tagen auf 25 Tage.Nach dieser Logik müsste man mit mehr Bränden und auch einer deutlich größeren verbrannten Fläche rechnen. Offensichtlich aber, so schreiben die Wissenschaftler, waren die Reaktionen der Brandbekämpfer und des Feuermonitorings in vielen Landesteilen genau die richtigen. Es werden immer mehr Brände früh gelöscht. Zunächst also nahm infolgedessen die verbrannte Fläche ab, viele Brände wurden schneller erstickt oder effektiv eingedämmt. Doch zugleich wurden die Brände, wenn sie erst einmal außer Kontrolle waren, immer intensiver und größer – vor allem in jüngster Zeit.Eindämmung kann auch entflammbare Bedingungen schaffenEinen Grund sehen die Forscher paradoxerweise in den Eindämmungsstrategien. Es werden kontrollierbare Gegenfeuer gelegt, um den Brandherd einzudämmen, was offensichtlich dazu führte, dass sich immer mehr leicht vertrocknendes Material und damit leicht entflammbares Material – trockenes Holz, ausgedörrtes Gestrüpp und abgestorbene Vegetation – über dem Boden ansammelte. Die Wissenschaftler sprechen vom „Lösch-Paradox“ und fordern das Feuermanagement auf, ihre Bekämpfungsstrategien anzupassen: mehr Resilienz durch gezielte, ökologisch und regional angepasste Landschaftspflege, eine „progressivere“, besser dosierte Eindämmungsstrategie.Allerdings wird das wohl kaum ausreichen. Auch das geht aus den neuen Daten hervor. Denn das Feuermanagement könnte auch in idealen Anpassungen immer stärker überfordert werden, weil gleichzeitig das Feuerwetterrisiko mit dem Klimawandel beschleunigt steigt. Zwei Ausnahmen: In Griechenland und im Süden Italiens hat sich der Feuerwetter-Index zuletzt wegen etwas regenreicherer Sommer weniger dramatisch erhöht als insbesondere auf der iberischen Halbinsel oder in Teilen Frankreichs.Das Wetter spielt also eine starke Rolle. Und auch der Einfluss von Klima- und Wetterphänomen wie La Niña und El Niño ist unübersehbar. Hinzu kommt in Europa die Nordatlantische Oszillation über dem Atlantik, die sich freilich im Zuge des globalen Klimawandels in Frequenz und Intensität selbst verändern beziehungsweise die atmosphärischen Zirkulationsmuster ungünstig beeinflussen kann.Wenn es sich so entwickelt wie zuletzt, dass die Winter mit dem Klimawandel auch in Südeuropa feuchter werden, könnte ein Effekt hinzukommen, den Peter Thorne vom irischen Klimaforschungszentrum ICARUS an der Maynooth University kürzlich so beschrieben hat: „Waldbrände hat es schon immer gegeben. Doch heute werden sie durch den Klimawandel zusätzlich angefacht. In vielen der Regionen, die derzeit brennen, war der Winter außergewöhnlich niederschlagsreich.“Unsere Forschung zeigt, dass ein solcher Winter durch den Klimawandel wahrscheinlicher geworden ist. Warum ist das wichtig? Weil dadurch mehr Brennmaterial entsteht. Die üppige Vegetation, die im Frühjahr gewachsen ist, liefert den Treibstoff für die Brände. Anschließend folgten Hitzewellen, die ohne den Klimawandel praktisch unmöglich gewesen wären. Sie haben die Landschaft in kürzester Zeit ausgetrocknet und ein wahres Pulverfass geschaffen: große Mengen ausgedörrter Vegetation, die ideale Bedingungen für die Ausbreitung von Waldbränden bieten.“Die Autoren der neuen Studie jedenfalls befürchten, dass sich die klimatischen Vorzeichen weiter und noch schneller in Südeuropa verschlechtern könnten. Die Fortschritte, die im Brandschutz in die Wege geleitet werden, würden damit vom Klimawandel buchstäblich aufgefressen. „Unsere Befunde zeigen“, schreiben sie in ihrer Studie, „dass der Klimadruck auf die Brandschutzmaßnahmen in Südeuropa weiter zunimmt“.